Berlin ab 50…

… und jünger

Sibylle

Es regnet. Seit Wochen schon wartet man sehnsüchtig auf den Frühling mit seinem holden, belebenden Blick, doch wie in fast jedem Jahr lässt er sich wieder lange bitten. Aber gestern erwies er sich als großzügig, schickte Sonnenstrahlen und eine Temperatur dicht an der Zwanziggradmarke.
Ich warf meine Pläne über den Haufen, setzte mich in die S-Bahn, fuhr bis Hauptbahnhof, wechselte in eine der Straßenbahnlinien und landete in Friedrichshain. Planlos. Ein lohnendes  Ziel würde sich erfahrungsgemäß finden. Die Leute auf der Straße wirkten gut gelaunt, jedenfalls bildete ich es mir ein. Der eine oder die andere auf der Warschauer Straße schien heute sogar zu lächeln. Plötzlich stand ich auf der Stalinallee. Was – Stalinallee, werden Sie jetzt sagen, die heißt doch längst Karl-Marx-Allee. Doch geben Sie es zu: Sie haben keine Sekunde gebraucht, um zu wissen, wo ich mich befand.

Also, ich ging jene Prachtstraße entlang, die Anfang der 1950-er Jahre während der stalinistischen Zeit im Stil eines sowjetischen Realismus erbaut worden war und über deren Entstehungsgeschichte zu berichten reizvoll wäre. Reizvoller jedoch, als einen langen Artikel darüber zu lesen ist es, das Café Sibylle zu besuchen, welches sich nahe dem Strausberger Platz befindet, und in dem eine kleine Ausstellung über die ehemalige Stalinallee informiert.

Etwas versteckt in einer Vitrine liegen ein Ohr und der Bart Joseph Stalins, genauer genommen seiner Monumentalskulptur, die einst den nach ihm benannten „Prospekt“ schmückte und die bei Nacht und Nebel wieder verschwunden war, nachdem sein Nachfolger Chruschtschow den Stalinkult abrupt beendet hatte.

Dokumente berichten vom Unwillen der Bauarbeiter während der Entstehungszeit der Prachtstraße, der bekanntermaßen im Aufstand des 17. Juni 1953 blutig endete.

Grundrisspläne und damalige Einrichtungsgegenstände zeugen hingegen vom Luxus der Arbeiterpaläste, wie man die Bauten, übrigens nicht zu unrecht, nannte. Der Schnitt und die Innenausstattung der Wohnungen gelten heute noch als komfortabel und die Fassaden sind mit Meißener Fayencen verziert.

Sibylle, so nenne ich einfach die freundliche Serviererin des gleichnamigen Cafés (sie wird es mir hoffentlich nicht übel nehmen), zeigte mir bereitwillig Stalins Ohr und Bart, die ich auf Anhieb nicht sofort wiederfand, denn es war – Sie ahnen es – nicht mein erster Besuch dort.
Gehen Sie einfach mal ins Café Sibylle, genießen Sie die freundliche Atmosphäre, die nette Bedienung, und lernen Sie ganz nebenbei etwas über die Entstehung der Stalinallee und die damit verknüpfte Deutsche Nachkriegsgeschichte. Versäumen Sie nicht einen Blick auf die Reste der historischen Wandbemalung aus jener Zeit, als dies noch eine gastronomische Einrichtung mit dem Namen „Milchtrinkhalle“ war. Heute finden dort auch Lesungen, Konzerte und Matineen statt.
Ich hoffe, Sie gelegentlich im Café Sibylle zu treffen.
Ihr PB

Fotos (c) PB

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