Berlin ab 50…

… und jünger

Woher kommst Du?

flüchtlingeDrei  Mal in der Woche gehe  ich  in eine Notunterkunft für Asylbewerber und versuche mit den Kindern eine wenig „Schule“ zu machen. „Schule“ ist für diese Kinder (noch) mit einem Glücksgefühl verbunden. Kinder lernen gerne und „Schule“ ist für diese Flüchtlingskinder (noch) schön . Und natürlich ist eine meiner ersten Fragen gewesen: „Woher kommst Du?“  –  aus Syrien, dem Iran, dem Irak und dem Libanon. Klare Antworten. Mir geht durch den Kopf, dass, wenn sie hier bleiben können und sich integrieren, die Frage „wo ist Deine Heimat“  in ein paar Jahren schon schwieriger zu beantworten sein.

Diese Frage „Woher kommst Du?“ habe ich als Kind und Jugendliche gefürchtet.  Denn  ich konnte sie  nie ohne weit auszuholen beantworten. Ich bin in einem anderen Land geboren als ich aufgewachsen bin und hatte die Nationalität eines dritten Landes, die aber nur mein Vater, nicht aber meine Mutter besaß.  Wie erklärt man das als Jugendlicher einem anderen Jugendlichen? Man muss immer erklären, es gibt keine einfache Ein-Wort-Antwort.  Ich war nie eindeutig aus einem Ort, einer Stadt, einem Land. Diese Verunsicherung ließ mich nie mehr los und entsprechend unklar blieb daher für mich der Begriff „Heimat“. Durch die Begegnung mit den Flüchtlinsteiermark2010 109gskindern kommen viele Gedanke dazu wieder hoch.

Nach der Heimatschnulzen-Romantik  der 50er Jahre wurde  der  Begriff „Heimat“  in den 60er Jahren immer negativer belegt  – und ab Ende der 60er ein Un-Wort.  Der Begriff  wurde von  den Nationalsozialisten  missbraucht, ein differenzierter Umgang mit dem Begriff  immer schwieriger  – nicht nur für mich.  Ich jedenfalls  habe nach wie vor eine gewisse Zurückhaltung bei diese  Begrifflichkeit und verwende sie so gut wie nie.

steiermark2010 065Für mich war lange Zeit „Heimat“ – wenn ich es  irgendwie eindeutig festmachen sollte –  da,  wo mein „Herz in die Höhe hüpfte“, also eine emotionale, fast körperliche Reaktion ausgelöst wird:  Zum Beispiel ein See vor dem Alpenpanorama und ein Zwiebelkirchturm oder eine grüne sanfte Hügellandschaft mit blühenden Bäumen.  Heute hat sich das Spektrum vergröOberbayernßert,  aber es sind immer noch Landschaften, die mich beglücken. Landschaften, die nicht nur in Bayern sind, sie können auch  in der Uckermark oder in der Toskana sein.

Heimatgefühl ist da, wo man sich wohl fühlt, wo man sich nicht fremd fühlt – mit der Mentalität der Menschen, in den Landschaften, mit den Gerüchen und der Küche, dem Klima, der Kultur, der Sprache.  Je besser ich meine Umgebung kennenlerne, je vertrauter sie mir wird, desto mehr stellt sich ein „Wohlgefühl“, Oberpfalzein „Heimat“-Gefühl ein. Heimat ist Identität mit dem Raum Landschaft, Kultur  – und daher so schnell für eine Ideologie abzugreifen.

Da wir nicht mehr wie unsere Eltern und Großeltern ein Leben lang an einem Ort bleiben, eine Wohnung haben, einen Arbeitgeber, verändert sich auch der Blickwinkel auf den Heimatbegriff . Aller Wahrscheinlichkeit nach lebt man inzwischen nicht mehr da, wo man geboren wurde, wechselt öfter den Wohnort – und muss immer wieder ein neues „Heimatgefühl“ aufbauen. Nicht umsonst ist daher in den letzten Jahren die Regionalität so wichtig geworden – ob es sich um Äpfel oder Krimis aus der Region handelt, es hat immer einen positiven Beigeschmack. In unserer Globalität brauchen wir dringend einen kleinen überschaubaren Bereich, der uns heimatliche Gefühle schenkt.

Mein Freund Taki zum Beispiel, in New York geboren, mitOLYMPUS DIGITAL CAMERA griechischen Wurzeln, lebte lange Zeit in Jerusalem – und fühlte sich in Ramallah genauso wohl, jetzt lebt er in Berlin, er arbeitet in Kopenhagen, Alexandria und Kabul. Und  für ihn ist die „Heimat“ seine Musik – die begleitet ihn durch die Welt und gibt ihm sein „Heimatgefühl“.

Den Flüchtlingskindern  wünsche ich allen, dass sie eine emotionale Sicherheit finden, in der beiden Welten vereinbar sind, und sie sich in Deutschland  wohl fühlen.

Neugierig bin ich, zu erfahren, wie Sie das empfinden.

go

 

 

Ein Kommentar

  1. Don Bolko

    Mit der Frage „Woher kommst Du?“ gehe ich heutzutage vorsichtiger um, als früher. Es gibt Menschen, die diese Frage nicht besonders schätzen, da sie meinen, man sähe sie als Fremde an. Und als fremd wahrgenommen zu werden, muss nicht immer angenehm empfunden werden, insbesondere wenn man überhaupt nicht fremd ist. Auch die Frage „Bist Du deutsch?“ oder „Sprichst Du Deutsch?“ oder der Hinweis „Du sprichst aber gut Deutsch!“ kann in´s Auge gehen, wenn man dann die Antwort im reinsten Berlinerisch an den Kopf geworfen bekommt. „Wohin reichen Deine Wurzeln?“ könnte eventuell eine unverfängliche Brücke sein. Es ist schon toll, wie Deutschland zu einem Schmelztiegel geworden ist, die Globalisierung, der Wunsch nach einem besseren Leben, unterschiedlichste Menschen zusammenbringt, wir uns immer weniger fremd sind. Last but not least, was ist Heimat für mich? Überall dort wo ich mich wohl fühle. So hatte ich in meinem langem Leben viele Heimaten, jetzt ist es das multikulturelle Berlin. don.bolko

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