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… und jünger

Neu gelesen (2): Angst vorm Fliegen von Erica Jong

Ferdinand vertraut auf die Zufälle des Lebens und wählt seine Literatur oft so, wie ein Flaneur die Stadt erkundet: planlos. Irgendwo „stolpert“ er über ein Buch, nimmt es mit, liest darin, lässt sich mehr oder minder darauf ein und berichtet darüber.

Zugegebenermaßen habe ich den Roman erst vor wenigen Jahren und mit reichlicher Verspätung gelesen, denn erschienen ist er bereits im Jahr 1973. Neu entdeckt hatte ich das Buch im Urlaub. Schon nach den ersten Urlaubstagen war die mitgebrachte Literatur ausgelesen und zum Glück hatte das Hotel einen großen Schrank voller Bücher, zurückgelassen von längst schon abgereisten Gästen. Zwischen niederländischen, englischen und französischen Titeln lächelte Erica Jongs Angst vorm Fliegen hervor.

Erica Jong, eine amerikanische Autorin, schrieb diesen Episodenroman aus der Sicht einer New Yorker Journalistin und Schriftstellerin, Isadora Wing, die mit ihrem Mann Bennett, einem Psychiater, zu einem Psychoanalytiker-kongress nach Wien reist. Sie leidet unter Flugangst (orig.: Fear of flying). Schon im Titel zeigt sich ein Übersetzungsproblem aus dem Amerikanischen: To fly bedeutet sowohl fliegen als auch fliehen und so steht die Flugangst metaphorisch auch für die Angst Isadoras, auf eigenen Flügeln durchs Leben zu fliegen. Sie flieht vor der eigenen Verantwortung und macht sich abhängig von ihren männlichen Partnern, beziehungsweise von Männern schlechthin. Zunächst von Bennett, ihrem Ehemann, und später von Adrian Goodlove, einem „schrägen“ Analytiker und Kongressteilnehmer, „einem Mannsbild, vor dem jede Frau mit einiger Selbstachtung sofort schreiend davonrennen würde“.

Sie fühlt sich zu Adrian sexuell hingezogen ohne ihn zu lieben und verstrickt sich dabei in ein diffuses Chaos von Gefühlen, sexuellem Verlangen und Phantasien. Adrian seinerseits versucht Isadora von seinen Vorstellungen von Existenzialismus zu überzeugen und fordert sie zu einer Reise in seinem alten, zerbeulten Triumph auf. In Rückblenden erzählt Isadora von iher Kindheit mit einer egozentrischen Mutter, frühen pubertären Phantasien, zurückliegenden Affären und einer gescheiterten ersten Ehe.

Erica Jong schreckt dabei nicht vor Vulgär- und Fäkalsprache zurück und schockierte damit die Leser der 1970-er Jahre. Dennoch verkaufte sich ihr Roman Angst vorm Fliegen weltweit in 15 Millionen Exemplaren. Es geht im Kern um den Weg einer Frau zu einem selbstbestimmten Leben, wobei die Verfasserin eigene Erfahrungen zugrunde zu legen scheint. Doch Erica Jong sagt in einem Interview von heute, dass sie keineswegs eine Verfechterin ausschweifender Sexualbeziehungen sei. Im Buch selbst findet sich der bemerkenswerte Satz: “Sie nehmen ja wohl nicht an, dass ich Ihnen in diesem Buch die lautere Wahrheit berichte”.

Vielleicht war ich damals, 1973, noch zu sehr mit meiner eigenen Sexualität beschäftigt, um mich für diesen intelligent und tiefgründig geschriebenen Roman zu interessieren. Aus heutiger Sicht hätte ich ihn früher lesen sollen, vielleicht hätte er mich um ein einige Erkenntnisse bereichert. Eine belesene Freundin, die ich kürzlich zu dem Buch befragte, antwortete mir: Natürlich habe sie das Buch damals gelesen und noch jede einzelne Episode daraus in Erinnerung.

Ich entdecke auch heute noch Erhellendes, Unverkrampftes und Witziges in den einzelnen Episoden des Romans und empfehle ihn allen, die ihn bisher nicht gelesen haben. Er übertrifft noch immer jenes, was später zum Thema erschienen ist, wie Feuchtgebiete oder Fifty Shades Of Gray. Pornografisches werden Sie trotz der bisweilen drastischen Sprache nicht entdecken und wer ihn damals so empfand, hatte Erica Jong nicht begriffen.

Die Verfasserin ist kürzlich 74 Jahre alt geworden und ich freue mich auf ihr gerade erscheinendes Buch Angst vorm Sterben. Diesmal werde ich nicht 40 Jahre lang warten, es zu lesen. Die Zeit hätte ich auch gar nicht mehr.

Ferdinand

6 Kommentare

  1. A.L.

    Lieber Ferdinand, ich bin ein wenig überrascht, dass Sie von Erica Jongs Buch (noch) so überzeugt sind. Die Geschichte selbst – man kann es schon aus Ihrer Skizzierung ersehen – ist tausendfach erzählt: die übliche Dreiecksgeschichte bzw. – noch schlimmer -gelangweilte (oder unausgelastete?) Ehefrau trifft jüngeren Mann, erlebt eine ,wie sie meint, stürmische Liebe – und kehrt zurück zum Gewohnten und Sicheren. Na und? Was daran ist neu? Die offene unverblümte Sprache? Nun ja, so etwas hat man tatsächlich vorher nicht gelesen, zumindest nicht in der „Literatur“, wozu das Buch ja wohl gezählt wird. Ist das emanzipatorisch? Man könnte so denken. Ich tue es nicht, weil ich meine, dass es nur deswegen emanzipatorisch genannt wird, weil die Autorin eine Frau ist.
    Schon damals hat man Jong den Vorwurf gemacht, sie hätte der Frauenbewegung mit dieser Geschichte keinen Gefallen: Frau wechselt von einer Abhängigkeit in die nächste und bleibt auch bis zum Schluss eine Gefangene. Welche Erkenntnisse, frage ich mich, hätten Sie früher gewonnen? Zumal Sie ja offenbar männlichen Geschlechts sind.
    Schau’n wir mal, was Ihnen noch über den Weg läuft. „Monpti“ hat mich eigentlich auch noch nicht so recht inspiriert zum Neulesen. Das mag an der Verfilmung liegen, die für mich gewiss nachhaltiger war. Vor allem durch Romy Schneider, die man so später nie mehr gesehen hat. Allerdings: Würde ich eine der alten Ausgaben finden – dann sähe die Sache anders aus.
    A.L.

  2. Ferdinand

    Liebe A.L.,
    ich danke herzlich für Ihren Kommentar!
    Nein, überzeugt von dem Buch wäre zu viel gesagt, ich fand es aber witzig und erhellend. Witzig in der Beschreibung der Welt der Psychoanalytiker, welche sich gegenseitig analysieren und gleichzeitig ihre eigenen Ärzte und Patienten sind. Erhellend insofern, dass die Heldin des Buches (da täuscht Sie Ihre Erinnerung) in Adrian keinesfalls einen Jüngeren trifft und ihn auch nicht liebt, wie sie mehrfach betont. Sie charakterisiert ihn sogar als „Mannsbild, vor dem jede Frau mit einiger Selbstachtung sofort schreiend davonrennen würde“. In einer anderen Episode lässt sie sich mit einem Dirigenten ein, dessen Körperhygiene so katastrophal ist, dass er „Schleifspuren“ in der Bettwäsche hinterlässt. Na Prost Mahlzeit möchte man da kopfschüttelnd sagen. Einen Mann würde das wohl gnadenlos in die Impotenz treiben.
    Ich weiß auch nicht, wer das Buch „emanzipatorisch“ genannt haben könnte. Die Heldin ist es keinesfalls, denn sie kehrt am Schluss in ihre alte Abhängigkeit zurück. Damit kann nur die Verfasserin gemeint sein, weil sie sich so offen zu manchmal recht absonderlichen weiblichen Sexualfantasien bekennt.
    Ich freue mich auf weitere literarische Dialoge dieser Art. Einige neue Beiträge sind schon in der „Pipeline“
    Bis bald, Ihr Ferdinand

    • A.L.

      Oh, doch, er wurde damals als emanzipatorisch gefeiert, um dann zugleich von der Frauenbewegung als das genaue Gegenteil verurteilt zu werden. Und ehrlich – gerade das Zitat der Schleifspuren, das Sie anführen, zeigt, von welchem „offenem“ Geist der Text geschrieben ist. Schaurig, aber nicht schön. Wie gut, dass auch literarische Vorlieben höchst unterschiedlich sind.
      A.L.

  3. I.A.

    Dieser Kommentar auf den Kommentar macht mir Lust und Grusel, das Buch doch noch mal in die Hand zu nehmen – vor dem Rausschmiß!

  4. A.L.

    Liebe(r) I.A.,
    wenn Sie mit „Rausschmiss“ wegwerfen meinen (man mag das Wort im Zusammenhang mit Büchern gar nicht auf den Computer bringen) , dann gibt es wirklich bessere Ideen: z.B. die öffentlichen Bücherkisten, die jetzt überall aufgestellt werden. Kürzlich ist mir eine sehr schöne aufgefallen. Sie steht vor dem c/o in der Hardenbergstraße. Liebevoll gemacht und bestückenswert.
    A.L.

  5. I.A.

    Danke, liebe(r) A.L., ich schmeiss kein Buch weg, sondern gebe es, so ich mich tatsächlich trennen kann, immer an eine willige Adresse weiter! Mit Rausschmiss meine ich lediglich „für mich kann und muss es – auch wegen Platzmangels – weg“. I.A.

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