Berlin ab 50…

… und jünger

Aus egoistischen Gründen

Manchmal ärgere ich mich über „meine“ Studenten im Seniorenclub, manchmal auch über „meine“ Flüchtlingskinder und die Lethargie, die in der Notunterkunft herrscht. Manchmal frage ich mich „warum mache ich das alles, warum tue ich mir das an“. Seit ich vor ein paar Tagen gelesen habe, dass nun der Satz aus dem  Neuen Testament “ Geben ist seliger denn Nehmen“ auch wissenschaftlich belegt ist, tue ich es nicht mehr. Denn nun weiß ich, dass der Mensch im letzten Lebensabschnitt ohne soziales Engagement und aktive soziale Teilnahme am Leben unzufrieden lebt.

Die oben erwähnte neue Studie der Berliner Humboldt Universität „Terminal decline in well-being: The role of social orientation“ ist eine Längsschnittuntersuchung von knapp 3000  Personen, die bis zu ihrem Tod bis zu 27 Mal an der jährlichen Erhebung teilgenommen haben. Gegenstand der Untersuchung ist der Zusammenhang zwischen sozialem Engagement und Wohlbefinden im  letzten Lebensabschnitt. Das Wohlbefinden von älteren und alten Menschen beginnt oft bereits einige Jahre vor ihrem Tod rapide abzunehmen. Dass der Gesundheitszustand gerade am Ende des Lebens wichtig ist, ist nachvollziehbar. Weniger klar war bisher jedoch, welche Rolle psychosoziale Faktoren spielen.

Herausgekommen ist, was viele ältere Ehrenamtliche vermutlich für sich längst entdeckt haben, dass soziales Engagement, vor allem im Alter, glücklich macht.  Ob man dem Nachbarn hilft, Lesepate ist, ob man Flüchtlingskindern Deutsch und Rechnen beibringt, ob man ein Theaterprojekt mit Straalte ehrenamtßenjugendlichen betreut, ob man Kurse im Seniorenclub gibt oder ob man im Job Berufseinsteigern die eigene jahrzehntelange Erfahrung vermittelt, völlig egal – Menschen, die sozial engagiert sind, leben – und sterben zufriedener. Aktives soziales Handeln und Wohlbefinden gehören vor allem im Alter zusammen. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das, dass die Aktiven um 10% zufriedener sind. Wenn sie weder aktiv noch sozial sind, sind sie gleich um 20% unglücklicher.

Soziale Teilhabe, Ehrenamt und aktives Teilnehmen am gesellschaftlichen Leben steigert das Selbstwertgefühl, das Gefühl gebraucht zu werden und noch etwas bewegen zu können – und damit sind die letzten Lebensjahre sehr viel zufriedener als wenn sich die eigene Welt nur um sich selbst dreht.

Ich erinnere mich, dass ich mich in meiner Jugend sehr gegen die weisen Ratschläge meines Vaters gewehrt  habe: „Ich will meine eigenen Erfahrungen machen…!“. Nun bin ich in dem Alter, in dem ich auch gerne mal „weise Ratschläge“ gebe und geben würde. Und dann denke ich an meinen Vater und daran, dass jeder seine eigenen Erfahrungen machen muss  und doch, es gibt auch gute Gelegenheit, um sein Wissen weiter zu geben. … es müssen ja nicht die eigenen Kinder und Enkel sein.

Also aus ganz egoistischen Gründen werde ich auch weiterhin sozial aktiv bleiben, auch wenn es mich manchmal anstrengt und ich mich frage „warum mache ich das eigentlich?“ – Jetzt weiß ich die Antwort: Für mein Wohlbefinden!

Und bleiben Sie neugierig

go

Foto (c) mw

2 Kommentare

  1. Bo-Ha

    Zum Beitrag: Aus egoistischen Gründen.

    Durch eigene Erfahrung spricht mir Ihr Beitrag aus der Seele. Nicht nur die Flüchtlinge auch unsere Senioren brauchen „Integration“. Danke für Ihre Darstellungen. Ihre Frau Bo-Ha

  2. Achim

    Apropos Egoismus: Den gibt es auf beiden Seiten. In meinem zugegebenermaßen begrenzten Engagement bei ehrenamtlichen Einsätzen habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Betreuten sich auch gerne „zurücklehnen“ und ehrenamtliches Engagement als bequemen Polstersessel betrachten. So ist es oft leichter, unbequeme Aufgaben an den Helfer zu delegieren, als sich selbst darum zu kümmern. Es ist eine große Kunst, hier die richtige Balance zu halten, was ich der Verfasserin wünsche und was mir offensichtlich bisher weniger gut gelungen ist.
    Noch etwas: Das Werben der Politik für Ehrenämter mit eben dem Argument, es mache glücklicher, löst bei mir ziemliche Aversionen aus. Man hängt den ehrenamtlichen Helfern dann zum Dank auch gerne mal eine Medaille um den Hals. Wäre das professionelle Engagement unserer Behörden wirksamer und damit überzeugender, so fiele es manchem leichter, sich ehrenamtlich zu betätigen.

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