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… und jünger

Bedingungsloses Grundeinkommen?

Funktioniert bedingungsloses Grundeinkommen?

Gestern Abend hatten wir  wieder einmal netten Besuch. Nachdem wir bei gutem Essen die neuesten privaten Ereignisse ausgetauscht hatten, kamen wir beim Dessert dann auf die allgemeine weltpolitische Lage. Sie wurde von allen als schwierig und anstrengend bis bedrohlich empfunden. Dann kamen wir auf das Thema „bedingungslose Grundeinkommen“, über das vor kurzem in der Schweiz abgestimmt wurde.

Unsere Freunde waren bei diesem Thema alle skeptisch. Die Zweifel gingen von der Frage der Finanzierbarkeit über das Ungerechtigkeitsgefühl der jetzigen Rentner, die ihr Leben lange gearbeitet haben,  bis zu ganz allgemeinen Zweifeln, ob dieses Modell funktionieren kann. Für mich spielt ein psychologischer Aspekt eine große Rolle. Der Mensch ist darauf ausgerichtet bei Geschenken, die er bekommt, ein Gegengeschenk machen zu wollen. Es geht um das Prinzip des Ausgleichs. Das Gefühl, etwas schuldig zu sein, wird dadurch gemindert.  In der Soziologie wird Reziprozität als Grundprinzip des menschlichen Handelns gesehen. Dieses Gesetz wird z.B. auch in Verkaufsgesprächen genutzt. Die Zugabe von kleinen „give aways“ versetzt den Beschenkten in einen Zustand der Schuld, die ihn eher dazu bringt, das angebotene Produkt zu kaufen. Und es funktioniert. Werbestrategen wussten schon immer, die psychologischen Schwächen der Menschen zu nutzen.

Ich wiederum bin fest davon überzeugt, dass wir Menschen unglücklich werden, wenn wir von diesem Grundsatz ablassen. Das sieht man meiner Meinung nach auch bei Hartz IV-Empfängern. Die hohe Quote der Depressiven in dieser Gruppe hat meines Erachtens auch mit dem Gefühl zu tun, permanent „unverdiente“ Zuwendungen zu bekommen, die sie nicht abarbeiten können. Sie können keine Gegenleistung erbringen, um die Waagschale wieder in die Ausgewogenheit zu bringen. Das sind tiefe innere Prozesse, die nur schwer auszuhalten sind. Und die Anspruchshaltung, die manche der Geldempfänger entwickeln, ist meiner Meinung nach eine andere Form, um diesem Gefühl der Einseitigkeit zu entgehen.

Und darum glaube ich, dass das Prinzip des bedingungslosen Grundeinkommens nicht funktionieren kann. Meine Meinung. Was denken Sie?

Ihre AvS

3 Kommentare

  1. I.B.F.

    Ich glaube, dass die bisherigen Argumente, wie sie von AvS zusammengetragen werden, nicht ausreichen, um die Dimension eines solchen radikalen Umbaus deutlich zu machen. Das Grundeinkommen ist ja aus einer Idee geboren, die im Übrigen zutiefst christlicher Natur ist. Alle Menschen sollen die gleichen Chancen haben, ihr Leben zu gestalten. Sie sollen frei sein, der uralter Gedanke der Liberalen. Inwieweit das Grundeinkommen die geschilderten Befürchtungen eintreten lassen würde, ist noch nicht ausgemacht. Deshalb ist es interessant, die Befürworter zu hören. Die z.B. davon ausgehen, dass natürlich weiter gearbeitet wird. Kaum jemand wird mit 1000 Euro zufrieden sein. Er wird dazu verdienen wollen. Aber er wird dies vielleicht mit einer Arbeit tun können, die ihn erfüllt. Diese Überlegungen lassen sich weiterspinnen und es lohnt sich, ein Pro und Contra aufzustellen, wenn man sich wirklich mit diesen Überlegungen beschäftigen und sich eine tragfähige Meinung bilden will.
    Ob die angebliche hohe Zahl der Depressionen bei den Hartz-IV-Empfängern (wenn sie wirklich auffällig hoch ist, dazu brauchte es belastbare Zahlen) tatsächlich darauf beruht, dass dieser Leistung keine Gegenleistung gegenüber steht, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht ist es vielmehr die aussichtslose Lage, je länger der Zustand dauert. Vielleicht liegt es auch an den vielen bürokratischen Wegen und Hürden, die den Anspruchsberechtigten auferlegt sind. Die ihn zum Bittsteller machen.
    I.B.F.

  2. PB

    Als ich vor Jahren zum ersten Mal von der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens erfuhr war mein erster Reflex: Wer soll diese Schnapsidee finanzieren? Inzwischen habe ich eine differenziertere Meinung. Ähnlich, wie I.B.F. schreibt, müssten dazu erst einmal genauere Betrachtungen erfolgen. In einer zunehmend digitalisierten und automatisierten Industriegesellschaft wird es zukünftig nicht genügend Arbeit für alle geben, und wir müssen uns vielleicht von einem Leistungsprinzip, wie es seit der ersten industriellen Revolution des 19-ten Jahrhunderts existiert, trennen. Viele Menschen stehen zudem einem Wirtschaftssystem des ausufernden Wachstums, Konsums und dem daraus folgenden Leistungsdruck kritisch gegenüber und sehen hierin keine Perspektive für ihr Leben. Manche versuchen, einen anderen Weg zu gehen, beispielsweise, sich mit der Gründung einer Manufaktur oder eines kleinen Dienstleistungsbetriebes auf eigene Füße zu stellen und damit einem inzwischen gnadenlosen Arbeitsmarkt des „hire and fire“ zu entgehen. Andere würden sich lieber in sozialen Berufen, die leider schlecht bezahlt werden, engagieren. Manche sogar ehrenamtlich. Ein Grundeinkommen könnte helfen, die Risiken zu mindern und ihnen die Brücke in ein selbst bestimmtes Leben zu bauen.
    Ein anderer Aspekt wäre, dass mit einem Grundeinkommen eine gigantische und für viele Leistungsempfänger entwürdigende Sozialbürokratie abgebaut werden könnte.
    Wie gesagt, eine gesellschaftlich-politische Diskussion würde nicht schaden, doch welche Partei, Gewerkschaft oder Bürgerbewegung hat das überhaupt „auf dem Schirm“? Die Schweizer haben es kürzlich in einer Volksabstimmung probiert. Viel zu früh meine ich, denn es fehlte offensichtlich an grundlegenden Fakten und der Erörterung der gesellschaftlichen Folgen.
    PB

  3. gisbertbritz@gmx.de

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