Berlin ab 50…

… und jünger

Neu gelesen (3): Buch der Leidenschaft von Gerhart Hauptmann

Ferdinand schreibt über alte Bücher, die oft schon aus der Zeit gefallen sind. Er findet sie, angestaubt, in den Ecken eines Bücherregals oder in den Bücherkisten der Antiquare. Oft hat er sie vor Jahrzehnten schon einmal gelesen, doch jetzt, mit fortgeschrittener Lebenserfahrung, liest er sie mit anderen Augen. Lesen Sie, was er zu berichten hat. Den Anspruch einer ausgewogenen Literaturkritik erhebt nicht, sondern lässt sich ganz von seiner Subjektivität leiten.

Den Namen Gerhart Hauptmann kennt natürlich jeder, der einmal eine deutsche Schule besucht hat oder? Als ich einmal auf Hiddensee vor dem Gerhart-Hauptmann-Haus stand, kam gerade eine Reisegruppe vorbei, die kurz inne hielt: Gerhart Hauptmann, sagte eine der Frauen, weiß jemand, wer das gewesen ist?“. Allgemeine Ratlosigkeit. Alle schüttelten den Kopf. Der Name sagt mir gar nichts, erwiderte eine andere Teilnehmerin Schulter zuckend und die anderen zuckten mit. Lasst uns irgendwo ein Bier trinken gehen, schlug ein männlicher Teilnehmer vor und man wandte sich dem gegenüber liegenden Ausflugslokal zu. Auch Literaturnobelpreisträger können in Vergessenheit geraten, aber das liegt ja auch schon über 100 Jahre zurück (1912).

Hier aber geht es nicht um Hauptmanns Ruhm als Nobelpreisträger, sondern um ein weitgehend unbekanntes Werk, dem es nicht zur literarischen Berühmtheit gereichte, um das Buch der Leidenschaft“.

Gefunden hatte ich es in einem Friedenauer Künstlercafé. Dort, in einer Ecke, steht ein etwas verwahrlostes Bücherregal, die letzte Station für Bücher, die man nicht mehr zu lesen gewillt ist und die man dort zurücklässt in der vagen Vorstellung, dass Andere noch ein Interesse an ihnen finden können.

Der autobiografische Roman in Tagebuchform aus dem Jahr 1930 beschreibt das Hin- und Hergerissensein eines Mannes zwischen seiner Frau und seiner Geliebten, welches sich über zehn Jahre hinzieht. Dabei empfindet er tiefe Zuneigung“ sowohl für die eine als auch für die andere. Er schwankt zwischen dem Ruf der Vernunft“, seiner Verpflichtung in Gestalt von Ehefrau und Kindern und einer nach Entfaltung drängenden Leidenschaft“ zur jungen Geliebten. Der Mann wird schließlich seine Familie verlassen und die Geliebte heiraten. Doch auch diese Verbindung gerät später ins Wanken, als er sich erneut in eine erst 16-jährige Tänzerin verliebt.

Hauptmann versteht es, sich auf lange Zeit hinter der Kraft seiner Sprache zu verbergen, doch irgendwann kommt man ihm auf die Spur und erkennt die Larmoyanz, mit der er das Unausweichliche in der männlichen Natur“ zu erklären versucht. Vom Gewissen getrieben baut er für seine Ehefrau und die gemeinsamen Kinder ein Haus über dem großen Fluss, darin ein Panoramafenster und ein bequemer Sessel, von dem aus die Verlassene dem Strom des Lebens hinterherschauen kann. Seine Fürsorge gerät ihm zur schäbigen Attitüde seiner eigenen, ja, man muss wohl sagen: Erbärmlichkeit.

Der große Naturalist und Nobelpreisträger hätte sein Tagebuch besser für sich behalten, und dessen Interpretation seinen posthumen Biografen überlassen.Man versteht die Verlassene, dass sie versucht hat, dessen Veröffentlichung in Buchform mit juristischen Mitteln zu verhindern. Leider ohne Erfolg.

Das Buch der Leidenschaft zählt ganz sicher nicht zu den großen Werken Hauptmanns, und das Exemplar, welches mir in die Hände gefallen war, verstaubt längst wieder dort, wo es hingehört: auf den Bücherfriedhof.

Ferdinand

Fotos (c) Ferdinand

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: