Berlin ab 50…

… und jünger

Eine Reise in die Zukunft meiner Vergangenheit

Sind Sie auch wieder einmal in Ihre ersten kurzen Lederhosen (mit Hirschgeweih auf den Trägern) geschlüpft? Oder in Ihr erstes feines, weißes Kleidchen? Zumindest gedanklich. So wie ich, wenn ich mich an den Anfang der 50er Jahre zurück erinnere.

Sommerferien bei meiner Oma in Altranft. Ein kleines Dorf nordöstlich von Berlin zwischen Bad Freienwalde und Wriezen altranft2im Oderbruch. Eine kleine Bahnstation mit einer alten Holztür, die sogar die Wende überlebt hat. Zu meinen Ferienzeiten in den fünfziger Jahren waren die Straßen nicht gepflastert. Nein, es waren Sandstraßen mit den tiefen Rillen der Pferdewagen, die tagein, tagaus auf die umliegenden Felder fuhren und die Landwirtschaft erledigten. Und der Duft und Staub der Felder im Sommer zur Erntezeit, genauso wie der typische Geruch von Kuh- und Schweinestall, ist mir tatsächlich noch heute in Erinnerung. Das Gackern der Hühner, das Wiehern der Pferde, das Grunzen der Schweine. Das Blaubeeren- und Pilze-Suchen in den Wäldern der Umgebung. Ich sah oft  kleine Holzkreuze mit einem verrosteten Stahlhelm darauf. Lange Erklärungen von Oma gab es nicht. Sie und andere Bewohner wurden aus einem Dorf jenseits der Oder vertrieben und warteten nun im Oderbruch auf ihre Rückkehr.  Auch auf die Ihres Mannes. Vergeblich…. All das zieht durch meine Gedanken, wenn ich an meine sehr frühe Kindheit in Altranft denke.

1961 – Mauerbau, Oma war gerade im sogenannten Westen und meine Eltern hielten altranft1sie natürlich fest, DDR-Zeit, Mauerfall (auch schon wieder über 25 Jahre her). 2016 – heute  stehe ich also in Altranft vor der alten kleinen Bahnstation. Ein Klinkerbau. Nichts hat sich verändert. Sogar die alte Türklinke gibt es immer noch an der knarrenden Eingangstür zum Bahnhof. Nur die Züge fahren elektrisch und nicht mehr mit Dampf. Schade eigentlich. Weshalb stehe ich überhaupt hier? Am Bahnhof meiner Kindheitserinnerungen. 60 Jahre danach.

Ich bin auf einer kleinen Wochenendreise in die Zukunft meiner altranftVergangenheit. Ein kurzer Stopp, um dann die Fahrt nach Zollbrücke zum Theater am Rand fort zu setzen.

Da ich in meiner Jugend das Akkordeonspiel gelernt und später aktiv in einem Orchester ausgeübt habe, ist mir dieses Instrument ans Herz gewachsen. Daher beobachte ich seit Jahren die Aktivitäten von Tobias Morgenstern (Akkordeon / Zusammenarbeit u.a mit Reinhard Mey, Tim Fischer, Barbara Thalheim) und Thomas Rühmann (Schauspieler / z.B. „In aller Freundschaft“) im „Theater am Rand“ –  im Oderbruch, direkt an der Oder bzw. am Rande von Deutschland. Beide sind die Betreiber, Akteure und „Erfinder“ dieses außergewöhnlichen Theaters. Schon die schräge Bauweise: kein theater am randrechter Winkel, dicke Baumstämme als Sitzbänke. Natur und Kunst vereinen sich schon beim ersten Anblick. Selbst die kleine Gastronomie ist fein, urig und liefert Produkte aus natürlichem Anbau und wenn möglich aus der Region. Die Schmalzstullen, den Ziegenkäse und den biodynamischen Wein aus dem Rheingau kann ich sehr empfehlen, genauso wie ein sehr schmackhaftes, gesundes und vollendet zubereitetes Menü vor der Vorstellung für unter 40 €.

Das Stück „Accordion Mystery“, ein musikalisches Roman-Drama für einen Schauspieler und einen Akkordeonisten mit Geschichten aus E. Annie Proulx‘ Meisterwerk „Das grüne Akkordeon“:  Ein grünes Akkordeon, 1890 in Sizilien gefertigt, gelangt mit seinem ersten Besitzer nach Amerika. Fast 100 Jahre lang erlebt es eine Odyssee durch den Kontinent, wird verschenkt, verkauft, gestohlen, verpfändet und begleitet die Nachfahren der jeweiligen Besitzer. Thomas Rühmann spricht, Tobias Morgenstern spielt Akkordeon. Das Stück beginnt mit spannenden Akkordeonklängen und ein paar Rezitationen. Wie aus dem  „Nichts“ wird dann auf einmal die hintere theater am rande bühnenbildBühnenrückwand beiseite gezogen und mein Blick genoss das Oderbruch in all seiner Schönheit. Ein Bühnenbild, das nicht so leicht zu überbieten ist, zum richtigen Moment eingesetzt. Es ist schwer zu beschreiben, aber der allgemeine spontane Applaus des Publikums bestätigte meinen überwältigenden Eindruck.

Das Stück selbst, die Musik und der Sonnenuntergang bis hin zur romantischen Abenddämmerung entwickelte sich zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Sie zahlen Ihren Eintritt bei Austritt. Der Zuschauer zahlt, was ihm das Kunsterlebnis wert ist. An diesem Abend war es den Zuschauern viel wert. Es war ein wunderbarer Abend.

Vielleicht machen Sie auch einmal einen Ausflug an den Rand des Oderbruch. Von Berlin ist es ja nicht so weit…

Ihr brd

 

 

 

 

 

 

 

  • Veröffentlicht in: Tipps

Ein Kommentar

  1. Willi K

    Wiedermal ein sehr guter Artikel von „brd“.
    W.K.

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