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… und jünger

Neu gelesen (4): Der veruntreute Himmel von Franz Werfel

Ferdinand braucht keinen Thriller, um beim Lesen einen Thrill zu bekommen. Manchmal genügt ihm zur Erzeugung einer Gänsehaut ein Klassiker. Diesmal „stolperte“ er über ein spannendes Buch von Franz Werfel.

Ich traf auf Teta Linek in einer Telefonzelle. Haben Sie denn kein Handy, werden Sie mich jetzt fragen, dass Sie eine Fernsprechzelle aufsuchen müssen, um zu telefonieren. Zumal es von denen kaum noch welche gibt. Selbstverständlich besitze ich ein Mobiltelefon, doch in Telefonzellen geht man heutzutage eher, um Bücher auszutauschen. Dort, in einer solchen Zelle, fiel mir ein Buch mit altmodischem Halblederrücken auf, in seinem Innern ein schönes, heraldisches Ex libris eines Herrn Hans S., eine Ausgabe von 1959, erschienen im Bertelsmann Lesering.

Die Geschichte einer Magd, so bescheiden betitelt Franz Werfel seinen Roman, den er kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1939 im Pariser Exil geschrieben hat.

Ich hatte das Buch schon einmal vor Jahren gelesen und den Handlungsstrang noch recht gut in Erinnerung, nicht mehr jedoch das, was Werfel in dem vielschichtigen Werk eigentlich zu sagen hat.

Teta Linek, eine Köchin und Hausangestellte, beschließt in ihren mittleren Jahren einen Lebensplan, der bis ins Jenseits reicht. Ihr Neffe Moimir, ein angehender Student der Theologie, soll ihr bei der Verwirklichung nützlich sein, weshalb sie ihn auf seinem Weg ins Priesteramt finanziell unterstützt. In einer Mischung von Tiefgläubigkeit und Leichtgläubigkeit wird sie zum Opfer von hinterhältiger Täuschung und Betrug. Ihr Plan, dereinst durch Moimir als geweihtem Priester einen Platz im himmlischen Paradies zu gewinnen, wird zur Lebenslüge, an der sie selbst dann noch festhält, als sie die Schändlichkeit ahnend dem Neffen schließlich auf die Spur kommt.

Nach ihrer Enttäuschung und dem Bruch mit Moimir findet sie in dem jungen Kaplan Johannes Seydel, der ihr bei einer Ohnmacht beisteht und der sie später auf einer Pilgerreise nach Rom begleitet, ein neues Ziel für ihre besitzergreifende Nächstenliebe, für die sie als Gegenleistung nichts anderes erwartet als den himmlischen Frieden.

Werfel entlarvt mit begeisternder Erzählkunst und leiser Ironie, die niemals bloßstellt, die Egoismen, die sich hinter der Nächstenliebe verbergen. Moimir und Seydel, der eine hinterhältig und durchtrieben, der andere aufrichtig und von echtem Glauben, verschmelzen in Tetas letzter Stunde zu ein und derselben Person. Teta aber erreicht ihr Ziel schließlich doch durch ihr unerschütterliches Festhalten an dem einst getroffenen Entschluß und sie erlebt am Ende ihres Lebens ihren größten Triumph.

Der Roman ergreift keine Partei, weder für die Gläubigen noch für die Zweifler. Ein wunderbares Buch und jedem Leser zu empfehlen, der über die „ungeheuren Fragen unseres Lebens“ [Werfel] und unser „Woher – Wohin – Warum“, nachdenkt.

Einmal – so schreibt Werfel im Epilog – wenn uns Technik, Sport und Realgesinnung zum Hals heraushängen werden, dann wird die Sehnsucht nach diesem Feuer, die Sehnsucht nach einem metaphysischen Bewusstsein die fortgeschrittenste Empfindung einer verwegenen Avantgarde sein.

Schöner kann man wirklich nicht schreiben…

Ferdinand

Fotos (c) Ferdinand

 

3 Kommentare

  1. A.L.

    „Getan hab‘ ich’s nicht für ihn, sondern für mich“ – mit diesem Satz erkennt Teta, was wirklich ihr Motiv war. Es sollte wohl auch heutzutage noch sehr viel mehr Menschen geben, die so ehrlich zu sich selbst sind, zuzugeben, dass uneigennützige Nächstenliebe gar nicht so leicht zu leben ist.
    Das Buch hat sich im Übrigen nach seinem Erscheinen nur schwer verkauft, was Werfel sehr betrübt hat. Was sich allerdings nach Kriegsende änderte – auch weil es in die Fischer-Bücherei aufgenommen wurde. Heute läuft so etwas ähnlich.
    1958 wurde das Buch verfilmt. Mit Annie Rosar und Viktor de Kowa. Erinnern Sie sich noch?
    A.L.

  2. I.A.

    Das Auffinden des Buches, der Kommentar von A.L. mit dem Hinweis auf die Verfilmung, löst Freude in mir aus, mein ‚Auch-Entdecker-Willen‘ ist mobilisiert. Bitte weiterhin interessantes Finden und aufmerksames Kommentieren!
    I.A.

  3. Ferdinand

    Nein, von der Verfilmung wusste ich nicht. Wahrscheinlich habe ich mich damals (1958) noch mehr für Westernfilme interessiert ;-))
    Am 14. August um 12:15 wird er bei SWR/SR gesendet, wie ich herausgefunden habe.
    Danke für Hinweis und Ergänzung.

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