Berlin ab 50…

… und jünger

Meine Reise in die Vergangenheit

Eine Reise  in ein erobertes Gebiet

Am Tag nach meinem Theaterbesuch habe auch ich das Oderbruch erobert. Rein visuell und vom „Ross“ aus.

Das Oderbruch wurde 1747 von König Friedrich II  ohne einen Schuss odererobert. Er hat einfach nur ein großes Odergebiet trocken legen lassen. Die Oder erhielt ein neues, begradigtes Flussbett: 60 km wurden eingedeicht und Sumpfgebiete trockengelegt. Aus einer sumpfiger Wildnis wurde eines der fruchtbarsten Ackerbaugebiete und eine neue preußische Provinz, die sich aufgrund ihres Fischreichtums und wertvollen Ackerbodens zur Kornkammer Preußens und zur Speisekammer Berlins entwickelte.

In Zollbrücke, neben dem Theater am Rand, entdeckte ich im kleinen gemütlichen Gasthaus, dem Gasthaus Zollbrücke, einen Fahrrad-Verleih. Ich lieh mir ein modernes Fahrrad, leicht zu fahren, mit komfortabler Gangschaltung für jedes Tempo. Als erstes entdeckte ich einen Storch in seinem typischen großen runden Nest auf einem hohen Pfahl. Für einen Großstadtmenschen eine seltene Begegnung. Ein leicht zu fahrender Weg liegt vor mir: Ganz obeoderbruch wiesen auf dem Deich, immer geradeaus, keine Hügel, kaum Kurven, nur Natur. Schon nach einer kleinen Weile war ich mit allen Sinnen im Oderbruch. Zu meiner rechten die satten grünen Wiesen, ab und zu mal ein großer Strauch oder Baum, kleine Rinnsale oder Kanäle und ein blauer Himmel wie ein Schlag Sahne oben drauf. Links von mir zog die Oder ihren nicht langsamen Weg in Richtung Ostsee. Vorgelagert noch die eingedeichten Wiesen, die bei Hochwasser die Oder aufnehmen. Meine Ohren stellen sich auf „Stereo“:  Der rechte Kanal spielt die Sinfonie der verschiedenartigsten Vögel. Piepsen, Zwitschern, Tirilieren begleiten die Solo- oder Chorauftritte der Vogelschar. Ganz anders der linke Kanal. Das Quaken der Frösche, ein Brummen, Summen und Zirpen der Wiesenbewohner ergeben zusammen eine ganz neue Musikrichtung. Zu all diesen Eindrücken kam der Geruch von saftigem Grün, die klare Luft und das leichte Schaukeln der Gräser, Sträucher und Büsche am Rande. Die Fahrt ging weiter, fähreimmer geradeaus bis zum Horizont.  Das Schild „Zur Fähre“ machte mich allerdings neugierig und ich bog  nach links ab,  ca. zwei- bis dreihundert Meter zu einer kleinen Autofähre am Ende der L 34. Eine kleinen Schaufelradfähre für max. 5 PKW in drei Minuten über die Oder nach Gozdowice in Polen.

Drüben auf der anderen Oderseite lebte meine Oma im Ort Zäckerick, heute Siekierki. Mit dem Wirt vom Gasthaus Zollbrücke kam ich beim Mittagsessen ins Gespräch. Er holte daraufhin ein Buch, eine Dokumentation aus seinem Bücherbestand. Mit den Namen der Familien, Hausbesitzer, Berufe, Höfe, Größe, alles über die damaligen Einwohner und den Ort Zäckerick bis 1945. Tatsächlich entdeckte ich auch den Namen von Emil Gabriel, meinem Opa, laut Suchdienst Rotes Kreuz  nach Verschleppung als Zivilgefangener in der Gefangenschaft verstorben.  Ich hatte drei Schwarz/weiß-Bilder mit Büttenrand mitgebracht, weil ich doch einmal gucken wollte, ob das Haus meiner Großeltern und meiner Mutter noch zu finden wäre. Das Buch des Wirts bestätigte dies.P1050569 - Kopie

So fuhr ich am Nachmittag mit dem Auto über die Brücke in Hohenwutzen nach Polen, nach Siekierki.  Leider gab es wenig wieder zu erkennen. Die Kirche gab es nicht mehr und das ganze Dorf an der Oder hat sein Aussehen so stark verändert, dass ich selbst nach genauesten Angaben wirklich nur erahnen konnte, welches Haus meiner Familie mal gehört haben könnte. Nur das alte Gerippe der Eisenbahnbrücke war noch erhalten, teilweise. Dies war dann auch ein Abschluss auf meiner Reise in die Vergangenheit, die nun wirklich von der Zukunft bestimmt wird, und so soll es auch sein.

Nun ging es weiter zur schon beschriebenen kleinen Fähre (2 Personen ein PKW für 3,25 € !!) In drei Minuten zurück  von der „Rundreise“ Polen – Deutschland.  Auf dem Rückweg nach Berlin übernachtete ich in Neulietzegöricke, dem ältesten Kolonistendorf im Oderbruch. Nette Gastgeber und ein Dorfgasthaus „Zum feuchten Willi“. Der Name stammt noch aus DEFA-Zeiten und ist bis heute geblieben. Die Bewohner sind stolz auf diesen Drehort. Eine kleine Kirche und viele Fachwerkhäuser runden das Dorfbild ab.  Am Morgen mache ich noch ein paar interessante Pausen auf dem Weg nach Berlin zurück. Als erstes in Altranft, das Dorf meiner Kindheit: Das schlossartige Gut der Grafen von Hacke mit dem von Lenné im englischen Stil gestaltete Park. In Ruhe noch einmal ein paar Schritte durch das Gelände, bevor es weitergeht nach Bad Freienwalde. Ein Bäder- und Kurort, die älteste Kurstadt in Brandenburg. Sehenswert der kleine Kurpark ebenfalls von Lenné angelegt und das Kurhaus, die Fachkschanzelinik für Moorbäder. Gleich nebenan befindet sich das nördlichste Skizentrum Deutschlands. Unglaublich, aber wahr. Eine große Schanze (Turmhöhe 38 m) und drei kleinere, auf denen ein reger Sommerbetrieb stattfindet. Der Blick vom Jahnstadion auf die Schanzen ist fantastisch und lohnenswert. Der nächste Stopp sollte unbedingt am Schiffshebewerk Niederfinow sein. Der alte wuchtige, imposante Stskigebietahlbau, mit seiner  Entstehungsgeschichte von 1906 bis 1927 und der folgenden Bauzeit von 1927 bis 1934, ist immer noch in Betrieb. Gönnen Sie sich auch ruhig einen Blick von ganz oben auf der Anlage in 60 m Höhe über das Oderbruch und mehr. Imposant. Die Troglänge ist auf 84 m begrenzt. Ein neues Hebewerk entsteht zur Zeit (Grundsteinlegung 2009) genau neben dem alten technischen Wunderwerk. Es wird gebraucht damit größere Schiffe mit bis zu 110 m Länge passieren können.  Schließen Sie nun mit einem süßem Leckerbissen eine Reise in eine der schönsten Landschaften östlich von Berlin ab. Sie finden in Eberswalde, direkt am Markt 2, das Kaffeehaus Gustav. Der Name stammt vom Erfinder des Eberswalder Spritzkuchens Gustav Louis Zietemann.  Hier gibt es Candlelight- oder Champagner Frühstück, aber Sie können sich auch einfach einen Kaffee und die Spritzkuchenköstlichkeit genießen, im Herzen der Altstadt mit Blick auf die Maria Magdalenen Kirche, draußen bei „Gustav“.

Kurz vor Berlin, am Rande von Deutschland gibt es viel zu sehen.

ihr brd

Fotos (c) brd

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: