Berlin ab 50…

… und jünger

Das Leben ist kein Ponyhof

Kampf gegen die Depression

Meine Freundin, nennen wir sie Vera, leidet seit einigen Jahren an Depression. In den ersten Jahren war sie damit beschäftigt, sich generell mit der Krankheit auseinanderzusetzten und sie in ihr Leben zu integrierDepression1en. Dazu gehörte auch ein Rentenantrag, der bewilligt wurde. Und die medikamentöse Einstellung, damit sie ihren Alltag überhaupt bewältigen konnte. Ich hatte das Gefühl, sie hatte sich mit der Krankheit abgefunden und sie akzeptiert.

Im letzten Jahr sahen wir im Kino einen Film über einen Mann, der ebenfalls mit dieser Krankheit zu kämpfen hat. In diesem Film wurde thematisiert, dass Depression heilbar ist. Ich hatte den Eindruck, dass Vera immer davon ausgegangen war, dass diese Krankheit, mehr oder weniger auf die chemischen Prozesse im Gehirn zurückzuführen ist, und man sie hinnehmen muss. Nun fing sie an, einen anderen Blickwinkel zu entwickeln. Im Laufe des Jahres suchte sie sich eine Reha Kur in einer psychosomatischen Klinik. Da ich aus eigener Erfahrung weiß, wie viele Verletzungen aus der Kindheit aufgearbeitet und geheilt werden können, habe ich sie darin nur unterstützt. Sie war Ende letzten Jahres lange in dieser Kur und es war neben allen guten und schönen Erfahrungen eine anstrengende Zeit. Die Auseinandersetzung mit den Wunden der Vergangenheit ist verdammt schmerzhaft.  Als sie wieder zurück in Berlin war, kam sie mir sehr verletzlich vor, als hätte sie eine Wunde, die noch offen, aber auf dem Weg der Heilung ist. Sie sprach viel und sehr ambitioniert über die Kur und äußerte den Wunsch, den nun eingeschlagenen Weg fortzusetzten. Leider ging es ihr nicht sofort spürbar besser. Mir kam es so vor, als würde  die Krankheit um ihr Überleben kämpfen. Mit allen Mitteln versuchte sie sich gegen Veras Heilungsbemühungen durchzusetzen.  Und Vera hielt dem Kampf stand. Sie suchte sich eine Gesprächsgruppe sowie eine Therapeutin und war voller Mut. Dann bemerkte eine Freundin  zu Vera, dass sie nicht viel von Therapien halte. MeDepression 2nschen mit Therapie-Erfahrung wären oft sehr selbstbezogen und der Kontakt zu ihnen durchaus schwer. Ich hielt den Atem an. Der Kampf gegen sich selber ist schwierig genug. Wenn dann noch die Angst dazukommt, seine bisherigen Freunde zu verlieren, wird es extrem.

Lange Zeit habe ich Vera dann nicht gesehen. Verabredungen sagte sie ab, mit dem Hinweis, dass es ihr nicht gut gehe. Ich drückte ihr die Daumen, dass sie den Kampf gewinnt. Letzte Woche habe ich sie dann endlich wieder getroffen. Mit neuer Frisur und neuer Brille wartete sie im Restaurant auf mich. Sie sah aus, wie das blühende Leben. Ich war verwirrt. So eine strahlende Verwandlung hatte ich nicht erwartet, nicht in so kurzer Zeit. Relativ schnell klärte sie mich auf. Sie hat ihre Antidepressiva-Medikation wieder erhöht. Ihre Therapiebemühungen hat sie abgebrochen. Dafür sprach sie wieder über Serotonin und Neurotransmitter.

idyelleVerstehen Sie mich bitte nicht falsch. Ich freue mich, wenn sie sich gut fühlt, und das mit einem veränderten Äußeren auch nach außen trägt. Ich hätte ihr nur gewünscht, dass sie es schafft, sich ihrer Verwundungen zu stellen und ganz durch ihren Schmerz zu gehen. Aber mir kommt es so vor, als wären wir dazu immer weniger in der Lage. Wir sind die Generation Wellness. Wir sorgen dafür, dass wir im wellbeing verweilen. So einfach und angenehm wie möglich, ohne Komplikationen und Störungen. Das ist allerdings nur das, was  uns die Werbung vorgaukelt. Das richtige Leben funktioniert so leider nicht. Das bringt Schicksalsschläge und Herausforderungen mit sich. Und die wollen gesehen werden. Und nicht zurückgedrängt mit unseren ganzen Ablenkungsmanövern und Süchten, die wir entwickeln, nur um nicht hinzuschauen. Vom Fernsehen über Shoppen bis hin zu Alkohol und Beruhigungsmittel. Ich wünsche uns allen etwas mehr innere Größe und Stärke, damit wir auch die schweren Zeiten unseres Lebens aufrecht meistern. Denn eines ist so sicher, wie das Amen in der Kirche: sie kommen, die Prüfungen des Lebens. Wie sagt doch mein 20jähriger Sohn schon so treffend: Das Leben ist kein Ponyhof. Oder mit den Worten von Marcel Proust ausgedrückt: Das Glück ist einzig heilsam für den Leib, die Kräfte des Geistes jedoch bringt der Schmerz zur Entfaltung.

In diesem Sinne bleibe ich

Ihre AvS

 

 

 

Ein Kommentar

  1. I.B.

    Der Beitrag hat mich erschüttert. Leider nicht im positiven Sinne, sondern ganz im Gegenteil.
    Haben Sie sich jemals mit dem Krankheitsbild Depression auseinandergesetzt? Darüber etwas gelesen; etwas Fundiertes? Ich glaube nicht. (Was im Übrigen dann kein Problem wäre, wenn Sie nicht darüber in dieser Weise geschrieben hätten.)
    Depressionen sind sowohl eine physische als auch psychische Krankheit und es sind genau diese beiden Komponenten, die die Therapie bestimmen: Medikamente, um dem Menschen akut zu helfen, ihn aus dem Tief herauszuholen; Psychotherapie für die seelischen Auslöser. Beides muss ineinander greifen. Das eine geht nicht ohne das andere. Depressiven Menschen zu sagen, sie mögen sich doch mit den „Verletzungen“ auseinandersetzen, dann würde irgendwann schon alles gut, ist wohlfeil und übergriffig. Damit sagen Sie indirekt, dass der Mensch „schuld“ ist an seiner Krankheit, Könnte er sich den Problem stellen und wäre er kein „Weichei“, dann wäre er nicht krank. Überspitzt formuliert, aber diese Überspitzung scheint mir angemessen.
    Ein depressiver Mensch kann genau das nicht, vielleicht kann er es nie. Es ist erst einmal Teil seiner Persönlichkeit. Was andere Menschen schaffen, schafft er nicht. Nicht weil er nicht will, er kann es nicht. Eine Depression bleibt einem das Leben über erhalten. Sie schläft nur. Vielleicht für eine lange Zeit, aber latent bleibt die Gefahr, dass sie wieder aufbricht. Und das ist es, womit der depressive Mensch zu leben lernen muss.
    Mir scheint, dass nur Empathie es ist, die dem Menschen helfen kann. Keine Besserwisserei, keine dummen Sprüche wie die Ihrer anderen Bekannten. Und keine Klischees über die allgemeine Sehnsucht nach heiler Welt. Aber Empathie scheint nur einen geringen Platz zu haben.
    Und: Das Leben ist kein Ponyhof“ ist der Titel einer RTL-Sendung.
    I.B.

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