Berlin ab 50…

… und jünger

Otto Lilienthals kleiner Bruder

Ein Erfinder geht leer aus

Otto Lilienthal ist als  Flugpionier  – auch sein tragisches Ende – wohl allen bekannt. Sein Bruder Gustav ist im kollektiven Gedächtnis eher nicht verankert. Dagegen sinanker (4)d seine schönsten Erfindungen, der Steinbaukasten und der Stabil-Baukasten sicher beim älteren Leser mit schönen Kindheitserinnerungen verbunden.

Gustav Lilienthal war als Architekt, Tüftler und Erfinder, Flugforscher und  Abenteurer, auch als Sozialreformer  und Siedlungs-Mitgründer („Freie Scholle“ und „Eden“) in seinem langem Leben  – geboren 1849,  ist er 84 Jahre alt geworden – tätig.

anker (5)Da er Wahlberliner war und seine im Tudor- Stil gebauten burgähnlichen Villen in Lichterfelde West heute noch zu bestaunen sind, scheint es mir richtig, kurz über die für Gustav Lilienthals selbst so glücklose Erfindung eines Spielzeugs zu berichten: den Steinbaukastens.

1877 erfand er die kleinen glatten Bausteine, die aus  Quarzsand, Leinöl, Kreide und Farbpigmenten  in einer Formpresse hergestellt wurden und dann bei 100 Grad trockneten. Grundformen der Steine waren der Würfel in seinen Teilen und Vielfachen und andere mathematische Körper wie Zylinder, Pyramide und deren Schnittvarianten. Hier erkennt  man den Baumeister und Architekten Lilienthal!  Allein durch die Schwere der Steine ermöglichte die Statik größere Bauten. In Baukästen verpackt, versuchte er mit wenig Erfolg, Kunden dafür zu finden. Da dies nicht gelang, verkaufte er 1880 seine anker (2)Erfindung an den aus dem Rheinland stammenden  Friedrich Adolf Richter, der seit 1876 im Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt eine  Pharmazeutische Fabrik betrieb, die auch allerlei anderes wie Druckerzeugnisse, Spielwaren und Schokolade herstellte. Heute würde man sagen, Richter  diversifizierte sein Unternehmen. Der äußerst geschäftstüchtige Kaufmann Richter  lies die Erfindung unter seinem Namen patentieren. Über ein Stufen- und Ergänzungssystem wurde das  heute älteste Systemspielzeug der Welt, also lange vor LEGO geschaffen. Ausführliche Bauanleitungen („Architektonische Vorlageblätter“ und das Heft „Der geschickte Baumeister“) aus der Richter´schen Kunstanstalt erleichterten dem kleinen Baumeister die Konstruktion. Der kleinste Kasten enthielt 19 Steine, der größte Kasten 3681 Steine, die alle aufeinander aufbauten und austauschbar waren. Die  großkalibrige Serie hatte als Richtmaß den Würfel von 25mm (davon gab es 600 verschieden Steine), die kleinkalibrige Serie 20 mm. „Richters Anker –Steinbaukasten“ wurde eine eingetragene Schutzmarke. Richter bewarb intensiv seine Produkte und gründete überall in Europa Niederlassungen und er  warb mit Kaisern, Königen und Fürsten als Abnehmer. Der 1880 nach Australien ausgewanderte Gustav Lilienthal  (auch dort erfolglos ) kam 1885 zurück und versuchte noch einmal sein Glück mit Produktion und Vertrieb des Baukastens. Da hatte er aber nicht mit Herrn Richter gerechnet, der einen Patentstreit  anstrengte und  gewann, in dessen Folge Lilienthal die Produktion verboten wurde. Doch Gustav war ja Erfinder und in der Folge entwarf er den ersten Konstruktionsbaukasten (Stabil-Baukasten) und ein „Bau-Spiel“ aus Wellpappe und Modellierbögen. Der große Reichtum des  Fabrikbesitzers  Richter blieb ihm auch mit diesen Erfindungen verwehrt. Immerhin hat er ein Ehrengrab des Landes Berlin auf dem Lichterfelder Friedhof.

In der DDR wurden in der  nach 1950 verstaatlichte Firma – nun „VEB Anker Steinbaukästen“ – noch  zwischen 1953 und 1963 Bausteine nach dem alten Verfahren anker (3)hergestellt.  1995 wurde mit Unterstützung des Landes Thüringen und der EU die Produktion der Anker-Steinbaukästen wieder aufgenommen http://www.ankerstein.de/index.php?option=com_content&task=view&id=8&Itemid=12.  Die naturbelassenen  Grundmaterialien sind geblieben, ebenso der Herstellungsprozess. Gegenwärtig werden 17 verschieden Baukästen hergestellt. Beginnend mit Grundkästen, wächst mit jedem Zusatzkasten  Anzahl und Formvielfalt der Steine.

Mein Tipp, für alle die jung geblieben sind und gerne bauen: Den Bausatz des Brandenburger Tors  aus 121 Ankerbausteinen (mit kannelierten Steinen für die Säulen)  gibt’s für 149,00 €. Oder lieber  erst mal mit dem Starter- Set für 28,50  anfangen?

Viel Spaß wünscht

Ihr mw

Fotos (c) mw

 

Ein Kommentar

  1. M.R.

    Ein nettes „Fundstück“. Schön, dass mw es aufgespürt hat Berühmte Geschwister sind oftmals eine Last. Und auch hier entgeht der „Kleine“ nicht ganz der Falle: Wird doch in der Überschrift erst einmal auf den „Großen“ Bezug genommen. Offenbar muss es doch noch immer ein Vehikel geben.
    So ist das Leben!
    M.R.

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