Berlin ab 50…

… und jünger

Die Kunst der Straße

Die ersten Straßenkünstler, an die ich mich erinnere, waren die Pflastermaler. Mit farbiger Kreide malten sie Quadratmeter große Gemälde auf die Gehwegplatten. Meist an prominenten Plätzen der Metropolen wie Paris und London, aber auch in Berlin. Manchmal sogar in den Fußgängerzonen kleinerer Städte. Meist entlehnten sie ihre Motive der klassischen Malerei und nicht selten entstanden Repliken weltberühmter Bilder, wie dem Mädchen mit dem Perlenohrring oder gar der Sixtinischen Madonna. Wahre Meister ihres Fachs waren diese Straßenmaler und womöglich hatten sie ihr Handwerk sogar in einer Kunstschule erlernt.Paris_nq_Pflastermaler

Die ganze Pracht eines solchen Bildes wurde leider vom nächsten Regen oder einem Sprengwagen der Stadtwerke davon gespült, was ich sehr bedauerte.

Auch heute noch sieht man gelegentlich einen Pflastermaler, doch sind sie merklich im Rückzug, wenn nicht gar im Aussterben.

Abgelöst, man könnte auch sagen verdrängt, wurden sie von den Graffitikünstlern. Der Griff zur Sprühdose war wohl nur die logische Folge einer sich beschleunigenden Welt. Sprühdosen sind die Düsenflugzeuge der Malerei, Kreide oder Pinsel eher Relikte einer vergangenen Zeit.Graffito_k

Graffitikünstler sprühen lieber auf Wände als auf das Straßenpflaster, was wahrscheinlich auf die Eigenheit von Farbsprühdosen zurückzuführen ist, welche sich nur in aufrechter Position restlos entleeren lassen. Ärgerlich ist allerdings, dass sich die Sprühfarben auf Kunstharzbasis nicht ohne erheblichen Aufwand wieder entfernen lassen, was die Hausbesitzer zu Feinden der Graffitikünstler werden ließ. So mussten letztere sich schließlich im Schutz der Dunkelheit an die Arbeit machen, was sich auch auf die Kunstmotive auswirkte. Aus detailreichen klassischen Gemälden der früheren Pflastermaler wurden hektisch-bizarre Abstraktionen. Für den schlaftrunkenen Betrachter, der sie morgens auf seinem Weg zur Arbeit entdeckt, nur schwer zu deuten. Doch bevor jener eine Antwort findet, ist die S-Bahn auch schon daran vorbei gefahren. Graffitikunst ist flüchtig und regt, von seltenen Ausnahmen einmal abgesehen, nur selten zur vertieften Kunstbetrachtung an.

Verhunzt werden die Graffiti-Kunstwerke meist von vandalisierenden Schmierern, vor deren „Tags“ genannten Krickeleien heutzutage keine Wand mehr sicher ist.

Wer die freie künstlerische Geste weniger beherrscht, greift zur Schablone. Humorvolles, Kritisches oder gar Politisches lässt sich per Schablone massenhaft verbreiten. Schablonenkunst ist inzwischen zum eigenen Genre geworden und unterscheidet sich vom künstlerischen Graffito wie das Billyregal vom kunstgetischlerten Eichemöbel. Trotzdem kann Schablonenkunst aussagekräftig oder gar witzig sein.Schablonenkunst

Andere Straßenkünstler bringen uns mit Korkenmännchen zum Schmunzeln, die auf Straßenschildern balancieren, oder verpassen den sonst recht traurigen Stümpfen gefällter Straßenbäume ein Gesicht.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Eher rückläufig ist das Bestricken und Behäkeln von Straßenbäumen, Laternen oder Verteilerkästen, was eine Zeit lang recht verbreitet war. Social Knitwork nennt sich eine solche Initiative in Berlin-Friedenau und gibt mit ihrem Namen auch die Absicht preis: Kontaktpflege bei gemeinsamer Handarbeit mit dem Zweck, sich auszutauschen und dabei die Hände nicht ruhen zu lassen.OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Doch Straßenkunst beschränkt sich nicht auf Gegenständliches: Ein Poet spricht mich an, der ich gerade ein Glas Wein auf dem Rüdesheimer Platz genieße. Ob ich ein Gedicht hören möchte. Natürlich will ich das. Mit Worten und Gesten malt er für mich ein Bild bunter Schmetterlinge in die Luft in einer Mischung aus Gedicht und Poetry slam. Den Euro hat er sich ehrlich verdient.

Eine junge Frau, etwas altmodisch gekleidet und einem Pappkoffer in der Hand, blickt sich suchend um und fragt mich, der ich auf einer niedrigen Mauer sitzend gerade ein wenig verschnaufe, ob ich ihr behilflich sein könne. Sie habe eine Verabredung auf einem fremden Planeten und wolle von diesem Platz aus starten. In derartigen Fällen hilft man natürlich gern, und ich wäre der letzte, der hierzu nicht zur Verfügung stünde. AstronautinEs entwickelt sich eine Performance aus umständlichen Vorbereitungen zu einem Raumflug, verrückt-naiven Dialogen, einer improvisierten Umkleidekabine aus dem Inhalt ihres Koffers und endet schließlich in einer Metamorphose von einer Landpomeranze zur Astronautin in schillerndem Raumanzug. Natürlich haben sich längst weitere Zuschauer um uns gebildet, und als sich die Astronautin lachend ihre Haube vom Kopf reißt, ihr Haar schüttelt und sich für meine „Mitwirkung“ bedankt, gilt der Beifall ein bisschen auch mir.

Wenn Sie jetzt lächeln, haben die Straßenkünstler ihr Ziel erreicht: Uns zu erfreuen und dabei vielleicht einen kleinen Obolus zu verdienen. Lächeln Sie doch einfach weiter…

Ferdinand

P.S. Falls Sie jetzt einwenden, die Musik sei doch auch Straßenkunst: Das stimmt, steht jedoch auf einem anderen Blatt und vielleicht auch demnächst an dieser Stelle.

Fotos (c) Privat

5 Kommentare

  1. Peter

    Die Fotos allein sind den Beitrag wert. Und Sie, Ferdinand, sind offenbar ein hilfsbereiter Partner der Straßenkünstler. Weiter so – auch wenn es keine Gage gibt. Und ein Euro? Nannte man das früher nicht Hungerlohn?
    Auf die Musik bin ich gespannt.
    Peter

  2. https://www.flickr.com/photos/alte_wilde_ev/16525799348 Alte Wilde Korkmännchen am Tag des Setzens noch mit Baum dahinter. Heute ist auch dort ein Stumpf.

  3. Uwe-Jens Has

    Ferdinand, Ihr Bestricken und Behäkeln dieses Blogs gefällt mir sehr gut.
    Und was die Sprühereien betrifft, denke ich manchmal gern an Harald Naegelis Spruch, das war ja der Sprüher von Zürich mit seinen schwarzen Strichmännchen, der sagte mal:
    ‚Die Sprüh-Künstler von heute sind absolut phantasielose unschöpferische Spießer‘.

    Naja, Spießer sind bekanntlich immer die anderen, aber hier ist doch vielleicht was dran.

    PS: Wir sind uns ja heute in der Bücherstube der Kirchengemeinde Nikolassee begegnet.

  4. Uwe-Jens Has

    Andererseits:
    Die Graffitisprayer von heute haben ja nicht die Chance auf Trümmergrundstücken zu spielen oder wie früher amerikanische Jugendliche, mit ihrem Gewehr an der Landstraße zu stehen um per Anhalter zum Wildgänseschießen zu fahren. Und irgendein Abenteuer muss schon sein.

    • Danke für die netten Kommentare. Wir sehen uns sicher wieder in der Bücherstube. Ich freue mich drauf.
      Ferdinand

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: