Berlin ab 50…

… und jünger

Neu gelesen (5): Bonjour Tristesse von Françoise Sagan

Ferdinand geht an keinem Bücherregal vorbei, ohne wenigstens einen Blick hinein zu werfen. Diesmal stöberte er in den Regalen seiner Kirchengemeinde und war ziemlich überrascht, welche Vielfalt an Literatur dort auf neue Leser wartet. Das in Leinen gebundene Exemplar von Bonjour Tristesse über das er „stolperte“, wurde im Ullsteinhaus Berlin im Jahr 1959 gedruckt.

Ich bin kein Kirchgänger, doch das Gemeindehaus besuche ich relativ oft. Was dort unter der Bezeichnung „Büchertrödel“ firmiert ist keineswegs vertrödelt, sondern ein gut sortierter Buchhandel, dessen geringe Erträge sozialen Zwecken zugute kommen. Die Regale sind prall gefüllt mit guter Literatur, wenn auch nicht der aktuellsten. Doch darauf kommt es nicht immer an. Hier also erinnerte ich mich an die französische Bestsellerautorin Françoise Sagan, deren Bücher ich als junger Mann schon einmal gerne gelesen habe.Tristesse_Ausschnitt

Die 17-jährige Gymnasiastin Cécile verbringt mit ihrem Vater Raymond einen zweimonatigen Sommerurlaub an der Côte d’Azur. Cèciles Mutter ist schon vor Jahren verstorben und so ist es für die Tochter kein Problem, dass ihr Vater öfter einmal die Partnerin wechselt und versteht, das Leben zu genießen. Savoir-vivre à la française eben. Mit von der Partie ist diesmal Elsa, eine naiv-anspruchslose Schönheit aus dem Pariser Nachtleben. Vater und Tochter sind nach dem Verlust der Mutter zu einem eingeschworenen Team zusammen gewachsen und Cècile hat sich ganz auf das väterliche Vorbild eines Laissez faire eingelassen und nimmt ihre bevorstehende Abiprüfung deshalb nicht so genau. Lieber ist ihr der Umgang mit einer neuen Sommerliebe, dem 20-jährigen Cyril, der dort ebenfalls seine Ferien verbringt.Cote_d_Azur_5

So vergehen die ersten Tage oder Wochen in perfekter Harmonie, bis plötzlich Anne auftaucht, eine frühere Freundin von Céciles Mutter. Die erfolgreiche Modedesignerin ist von kühlem Charme, elegantem Aussehen und selbstsicherer Überlegenheit. Es gelingt ihr spielend, die einfach gestrickte Elsa von der Seite Raymonds zu entfernen und sich an ihre Position zu setzen. Der leicht zu beeinflussende Raymond wird zum Spielball seiner Gefühle und macht Anne, die er bereits aus früheren Zeiten kennt, einen Heiratsantrag.

Doch Cécile, geschockt von der Perspektive, in Kürze eine Stiefmutter zu bekommen, die zukünftig ihre Geschicke bestimmt und sich wie ein Keil zwischen die lässige Vater-Tochter-Beziehung klemmt, schmiedet einen Plan…

Françoise Sagan schrieb diesen Roman im Jahr 1954 im Alter von nur 18 Jahren und ihr Erstlingswerk wurde gleich ein Bestseller. Es gelang ihr damit ein erotisches Sommermärchen gemischt aus Leichtigkeit und Tragik, wie es eigentlich nur Franzosen zustande bringen. Sie selbst stammte offensichtlich aus dem Milieu, welches sie beschreibt, mit all seiner Distanz zum wirklichen Leben, seinen Egoismen und Eitelkeiten.

Cote_d_Azur_4Sie liebte es, mit schnellen Sportwagen über die kurvigen Straßen der Côte d’Azur zu fahren. Dabei soll sie das Gas- und Kupplungspedal mit bloßen Füßen bedient haben, um das Vibrieren des Motors intensiver zu spüren. Ein Autounfall kostete sie fast das Leben. Ihre lebenslange Drogensucht mag eine traumatische Folge dieses Unfalls gewesen sein.

Bonjour Tristesse ist die perfekte Sommerlektüre für einen Strandurlaub, den man, passend zum Buch, am besten in Südfrankreich verbringt.

Bonnes vacances!

Ferdinand

Ein Kommentar

  1. C.M.

    Ich bin gar nicht so sicher, ob es gelingt, gerade jetzt einen wirklich unbeschwerten Urlaub in Südfrankreich zu genießen. Lässt sich wirklich alles so schnell vergessen, was dem Land widerfahren ist? Ob mit oder ohne „Bonjour tristesse“ im Gepäck.
    Im Übrigen: Der Titel, den Sagen gewählt hat, deutet eigentlich auch an, dass damals keineswegs die sonnige Unbekümmertheit herrschte, sondern vielmehr ein Gefühl der Sinnlosigkeit, Beliebigkeit, das gerade die bürgerliche Jugend prägte. Zu intensiven Gefühlen schien diese Generation nicht mehr fähig zu sein – Cecile lebt ihr Leben auch nach dem Tod von Anne weiter. Ohne Reue.
    Die Kritik damals – und das muss man m.E. bedenken, wenn „Altes“ neu gelesen wird, war keineswegs eindeutig positiv: Der Grund: das lockere Leben von Cécile und die Art und Weise, wie sie ihre Jungfräulichkeit verliert – das fand die katholische Kirche nun gar nicht gut. Gerade deswegen, vor diesem Hintergrund, ist das Buch für die damalige Zeit so bedeutsam.
    Natürlich würde es verfilmt – Jean Seberg, David Niven, Deborah Kerr haben die Rollen übernommen. Diese Namen sind vermutlich vielen meiner Generation noch sehr sehr nahe.
    C.M.

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