Berlin ab 50…

… und jünger

Eine typische Berliner Geschichte

Auch Berlin hat das Reformations-Jubiläum fest im Blick!

2017  feiert die Evangelische Kirche den 500. Jahrestag der Reformation.  Berlin  – obwohl nicht unbedingt als „kirchentreu“ bekannt  – hat dieses Jubiläum schon seit dem Jahr 2010  in seiner Planung.

Mitte (6)Mit einem ganz besonderen Vorhaben:  Das Umfeld der St. Marienkirche in Mitte soll neu gestaltet werden. Oder genauer: in seine ursprüngliche Gestaltung zurückgeführt werden. Das heißt zum einen, dass die Luther-Statue umgesetzt werden soll: vom jetzigen Standort vor dem Langhaus zurück südwestlich vor das Hauptportal. Dort ist man auch auf das frühere Fundament gestoßen. (Dass die Statue nach dem Krieg seinen ersten Zufluchtsort in Weißensee gefunden hat, sei der Vollständigkeit halber noch erwähnt).

Und zum Anderen soll die gesamte Denkmalanlage wieder aufgebaut werden. Denn ursprünglich bestand die Anlage, die 1895  anlässlich des 400. Geburtstags von Luther  geschaffen wurde,  aus der Luther-lutherdenkmalStatue und weiteren Hauptfiguren der Reformation. Zu dem leicht erhöht gebauten Freiplatz führten zehn Stufen, an deren Seiten Franz von Sickingen und  Ulrich von Hutten saßen. Die Anlage war eine Art „Gemeinschaftswerk“ von Paul Otto und Robert Toberentz. So war es einmal.  Bis zum Krieg. Der sorgte dafür, dass die die Anlage zerstört und die Skulpturen – außer der Luther-Statue –  eingeschmolzen wurden. Stichwort. Rüstungszwecke!  Für die so vieles geopfert wurde.

Nun zum neuen Denkmal. Und damit beginnt eine der typischen Berliner-Geschichten:  Erst einmal musste natürlich ein Ideenwettbewerb ausgelobt werden. Mit der Vorgabe – präziser geht es wohl nicht –, dass eine „eine zeitgenössische Interpretation“ des Reformers Luther erwartet wird.

Vor einigen Wochen (am 24. Juni) wurden die Gewinner vorgestellt (der Künstler Albert Weis und das Architekturbüro Zeller & Moye). Ihr Entwurf  – so die Jury (!) – lässt genau diese Möglichkeit neuer Interpretationen zu, ebenso wie neue Perspektiven, die der Betrachter selbst herausfinden kann.

Wie sieht er also aus, dieser so gelobte Entwurf? Die Originalstatue soll auf ihrem kleinen Sockel stehen und – ihr gegenüber – die Aluminium-Kopie eines „zweiten“ Luther. Mit spiegelnder Oberfläche. Die Bodenfläche soll mit Betonsteinen ausgelegt und mit LED-Punkten ausgestattet werden, mit denen sich Zitate wiedergeben lassen. Beispielsweise von Martin Luther oder Dietrich Bonhoeffer. Luther, die Originalstatue, bekommt also eine Kopie seines Selbst als Gegenüber. Diese Gegenüberstellung ist als Visualisierung eines Dialogs gedacht – oder eines Selbstgesprächs?

Wie einleuchtend empfinden Sie diese Idee? Können  Sie sich dem positiven Urteil der Jury anschließen? Würde das neue Denkmalensemble Sie zu neuen Perspektiven im Sinne einer Gegenwartsinterpretation des lutherischen  Gedankens inspirieren? Macht ein doppelter Luther für Sie Sinn?  Wie ich finde, eine spannende Frage.

Die Jury jedenfalls findet mehrheitlich den Entwurf gelungen. Zu ihr gehört auch Bischof Dröge.

Und nun fängt es an spannend zu werden:  Denn es gibt eine Reihe  von Theologen und Historikern, die diesen doppelten Luther gar nicht gut finden. Für sie bedeutet es eine Verkehrung des lutherischen Gedankens. Die Vorstellung eines „Selbstgesprächs“ entspricht ihrer Meinung nach nicht dem reformerischen Gedanken. Die Widersacher haben auch noch ein zweites Argument – was ich selbst sehr gut nachvollziehen kann:  Sie wollen keine weitere Stadt“dekoration“ (von denen es viel zu viele gibt), sondern eine Anlage, die eine Aussage trifft im Sinne des  lutherischen Geistes, der hier visualisiert sein soll.

Aber sie sind überstimmt worden. Was wird nun passieren? Wird nach dem Prinzip vorgegangen, die Jury hat entschieden? Also gibt es einen gedoppelten Luther? Was hieße, dass die Stimmen der Theologen und Historiker keinerlei Gewicht hätten? Dass das Demokratieprinzip – obwohl das Denkmal einen engen Bezug zur evangelischen Kirche hat und aus ihr entspringt –nicht mehr gilt. Denn zur Demokratie gehört auch, dass Minderheiten ein Gewicht haben und ein gemeinsamer Konsens gesucht wird.

Es geht um einen öffentlichen Platz und darum, eine Aussage nicht der reinen Schmückung zu opfern.

Aber es wäre nicht eine wirkliche Berliner Geschichte, wenn sie nicht noch Weiteres zu bieten hat.

Das Denkmal wird, wie immer man es dreht und wendet, nicht rechtzeitig fertigzustellen sein.

Es wird zwar 2017 „irgendetwas“ an dem Ort stehen, aber nicht das geplante Denkmal.

Vielleicht ist das aber auch gut so, denn so bleibt Zeit, alles noch einmal zu überdenken. Darin ist Berlin ja geübt.

I.B.F.

 

P.S. Der Beitrag ist mir leider etwas lang geraten. Vielleicht halten Sie ja trotzdem bis zum Ende durch. Bleiben Sie mir gewogen..

Quelle:Wikipedia und SZ vom 29.07.2016

Fotos (c) mw

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: