Berlin ab 50…

… und jünger

Neu gelesen (6): Hotel Shanghai von Vicky Baum

Als Ferdinand durch die Königsallee in Berlin-Grunewald lief, “stolperte” er über eine Gedenktafel für die Schriftstellerin Vicky Baum mit der Inschrift: “Schrieb hier 1929 ihren Erfolgsroman Menschen im Hotel”.

Mit dem Titel Menschen im Hotel hat die einstige Harfenistin und Journalistin Vicky Baum einen Weltbestseller geschrieben, mit dem ihr der internationale Durchbruch als Schriftstellerin gelang. Das Buch wurde mehrfach verfilmt, das erste Mal sogar in Hollywood mit Greta Garbo in der Rolle der alternden Ballerina Grusinskaya. Der Erfolg in den USA erwies sich für die österreichisch-jüdische Vicky Baum insofern als Glücksfall, als sie dort der Verfolgung der Nationalsozialisten entgehen konnte. Ihre Bücher indes wurden am 10. Mai 1933 als sogenannte jüdisch-entartete Kunst verbrannt.Baum_Gedenktafel

Ich hatte Menschen im Hotel schon vor längerer Zeit gelesen, fand das Buch erwartungsgemäß in meinem Bücherregal und kam auf die Idee, es einer jüngeren Freundin zu schenken, die den Namen Vicky Baum noch nie gehört hatte. Sie war, so wie ich früher, von dem Buch begeistert und überraschte mich kurze Zeit später mit einem Gegengeschenk: Hotel Shanghai, geschrieben im Jahr 1939 in der Emigration.

Vicky Baum hat versucht, ihren Welterfolg mit Hotel Shanghai zu wiederholen, was ihr trotz erneuter Verfilmung ganz offensichtlich nicht gelang. Wie schon bei Menschen im Hotel geht es in der Geschichte um Personen unterschiedlichster Herkunft und sozialer Prägung, die in einem Hotel zu einer Schicksals-gemeinschaft zusammengewürfelt werden. Nur diesmal nicht im Berlin des Jahres 1929 sondern in Shanghai zehn Jahre später.

Hotel Shanghhai erreicht nicht die Authentizität der handelnden Personen und die erzählerische Dichte, wie der Erfolgsroman Menschen im Hotel. Die Handlung verliert sich in den ausschweifenden, ja langatmigen Biografien von acht Menschen, die später in dem Hotel zusammentreffen und bei einem Bombenabwurf sterben. Der Gipfel und gleichzeitig das Ende des Romans ist die mysteriöse Bombardierung des Hotels, doch dieser Höhepunkt fällt seltsam farblos aus und wird recht lakonisch beschrieben, als wollte die Verfasserin nach 600 Seiten eng bedruckten Papiers endlich zum Schluss kommen.

Vicky Baums wunderbares Talent als Erzählerin gerät hier streckenweise zur Langeweile. Wer die erfolgreiche Schriftstellerin jetzt, 56 Jahre nach ihrem Tod (1960), noch kennenlernen möchte, möge ohne Umschweife nach ihrem eigentlichen Bestseller greifen.

Ferdinand

Fotos (c) Ferdinand

Ein Kommentar

  1. G.L.

    Das ist wie im wahren Leben: Wenn man ein schönes Erlebnis, sei es eine kurze Reise, ein besonderes Wochenende, wiederholen will, bleibt oft eine Enttäuschung zurück. Worin mag das liegen? Vielleicht fehlt dieses besondere „Aha-Gefühl.
    G.L.

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