Berlin ab 50…

… und jünger

Zwei Mal bummeln durch Neukölln

In diesem Sommer bin ich zweimal durch Neukölln gebummelt – und beide Besuche haben einen sehr unterschiedlichen Eindruck bei mir hinterlassen.

Beim ersten Mal war ich angetan von der Andersartigkeit dieses Bezirks – verglichen mit meinem Wohnumneukoellnfeld. Vielen Läden, die es bei mir im Kiez nicht gibt: Wettläden, Türkische Mode, Abend- und Hochzeitskleider, Frisöre nur für Männer und für Kinder, Shisha Lounges und Sportbars, abgesehen von den vielen türkischen Lebensmittelläden und Bäckereien. Zwischendrin gab es natürlich auch noch deutsche Läden, aber die Vielfalt der ausländischen Geschäfte neukoelln2war verblüffend und faszinierend. Die Passanten, die mir entgegenkamen, sind ein buntes Gemisch: von der türkischen älteren Frau über den afrikanischen jungen Mann, eine Gruppe junger türkischer Frauen, mit und ohne Kopftuch, tuschelnd und kichernd, türkisch und arabische Männer, scherzend und sich fröhlich gegenseitig anrempelnd, eine junge türkische Frau mit Kopftuch und sehr neukloellnstark geschminkt, ihren Kinderwagen schiebend. Vor einer Moschee trafen sich Männer, die sich mit Umarmung und Wangenküssen begrüßten. Es war eine freundliche, zugewandte Stimmung, sie standen in Gruppen und redeten miteinander. Sie schienen sich sehr interessiert sehr wichtige Neuigkeiten zu erzählen. Mich erinnerte diese Szenerie  an mediterrane Urlaubseindrücke. Wie schön, dachte ich, dass diese ausländischen Mitbürger eine Lebensform gefunden haben, die sie wohl und heimisch fühlen lässt. Beschwingt ging ich durch die Straßen Neuköllns.

Dann kam der Putsch in der Türkei und die Demonstrationen der mit Erdogan sympathisierenden in Deutschland lebenden Türken. In dieser Zeit entstand durch die Berichterstattung in den Medien für mich ein Bild, als wären viele dieser Demonstrationen für Erdogan und  gegen Deutschland.

Daher war vermutlich mein nächster Besuch in Neukölln von ganz anderen Gefühlen begleitet. Ich sah in den Cafés vorrangig Männer sitzen, die mich alle taxierten. Gefühlt jedenfalls. Ich fand es neukoelln3bedrückend und beklemmend. Gedanken wie „Verachten sie uns? Schauen Sie auf uns herab? Was denken sie von uns Deutschen“ gingen mir durch den Kopf. Vor der Moschee fielen mir heute Männer auf, die vor der Türe auf dem Boden saßen und dem Gesang des Imams lauschten. Auch dieses Bild unterschied sich sehr von dem  heiteren, orientalischen Eindruck des letzten Mals. Insgesamt war die Stimmung eher beunruhigend.

Und das will ich nicht. Ich möchte mich nicht von der Medien so negativ beeinflussen lassen. Ich weiß nicht, ob es wirklich viele hier lebende türkisch- oder arabisch-stämmige Menschen gibt, die die deutsche Lebensform verurteilen. Dafür kenne ich zu wenig Menschen mit Migrationshintergrund und habe zu wenig Einblicke in ihr Leben. Die, die ich kennengelernt habe, waren immer sehr freundlich und von ausgesuchter Höflichkeit.

Denjenigen aber, die mir ein ungutes Gefühl verursachen, denen will ich in Zukunft sehr bewusst und aufrecht begegnen, mit der festen Überzeugung, dass ich in der Gesellschaftsform lebe, die in der heutigen Zeit die fortschrittlichste und humanste ist. Wir leben in friedlichem Miteinander der verschiedensten Religionen und Weltanschauungen, wir leben die Gleichberechtigung der Geschlechter, wir üben Toleranz gegenüber Andersartigen und anders Denkenden – auch wenn es uns nicht immer leicht fällt, aber wir bemühen uns. Und dabei soll es auch bleiben.

Ihre, immer wieder von Berlin herausgeforderte

AvS

 

2 Kommentare

  1. M.R.

    Dass der Blog sich auch mit diesem Thema auseinandersetzt, ist gut und richtig. Zumal die, die über 50 und mehr sind, zu einer Generation gehören, die noch am ehesten aus Erfahrung weiß, was aus Intoleranz, Fremdenfeindlichkeit, Abschottung erwachsen kann.
    Nur: Ich habe gar nicht so ganz begriffen, was bzw. wer in dem Beitrag gemeint ist. Offenbar zu einem Teil die Türken, die hier in Berlin leben. Sie sind es, so lese ich es, die uns bzw. die Autorin jetzt kritisch und abwehrend betrachten. Und wer sind die anderen, die uns die Abwehrhaltung aufzwingen wollen? Die uns einreden wollen, dass Fremd nichts Gutes ist.
    Wir sind wohl alle verantwortlich, was in unserem Land geschieht. Aber um dagegen etwas tun zu können, müssen wir wohl tiefer reflektieren, als es hier geschehen ist. Auch wir leben die Gleichberechtigung noch nicht – machen wir uns doch nichts vor. Und sind wir wirklich ohne jeden Vorbehalt anderen gegenüber? Behinderten, alten Menschen, Obdachlosen und auch Geflüchteten?
    Der Beitrag hat sicher hehre Absichten, aber er zeugt auch von einer Portion Naivität. Und die können wir uns nicht leisten.
    M.R.

  2. Thomas

    Ich habe den Blog eine Zeitlang nicht verfolgt, umso überraschter ( im negativen Sinne gemeint) war ich, als ich den Beitrag zu Neukölln gelesen habe. Wie viel Unbedarftheit, schon beinahe Ignoranz und Arroganz steckt darin? Haben all die Diskussionen, Mahnungen, Erklärungen nichts genutzt? Ist immer noch diese eindimensionale Sichtweise vorherrschend? Fremd gleich verdächtig! So klingt es doch in dem Beitrag, wenn AvS allen Türken (woher weiß sie das?), die vor einer Moschee sitzen, dunkle Gedanken unterstellt, sich beobachtet fühlt?
    Fremdes zu akzeptieren heißt nicht nur, die bunten Läden nett zu finden und das fröhliche Plauschen auf den Straßen, es heißt viel mehr: sich mit dem Gedankengut, der Kultur, der geschichtlichen Vergangenheit und der Gegenwart der „Fremden“ auseinanderzusetzen. Auf unser Deutschsein hinzuweisen, zeugt von einer Art Überheblichkeit, die uns und niemandem zusteht.
    Was mich allerdings auch gewundert hat: Es gab offenbar keine und kaum Gegenkommentare, obwohl der Beitrag dazu herausfordert. Warum nicht? Sind die Leser und Leserinnen zu desinteressiert? Akzeptieren sie solche Beiträge in ihrem Blog so ohne weiteres? Auch das wäre fatal und schade um den Blog.
    Thomas

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