Berlin ab 50…

… und jünger

Der richtige Zeitpunkt …

Wann was zu welcher Zeit angesprochen und getan werden muss – das ist eine Frage, die in zwischenmenschlichen Beziehungen sehr heikel werden kann. Selbst im normalen Alltag frage ich mich oft: Muss das jetzt sein, kann das nicht warten, wäre es nicht besser, erst dieses, dann jenes zu erledigen? Oder es überhaupt sein zu lassen? Glücklich die Menschen, die nach dem Motto leben: Was du heute kannst besorgen … Sie kennen das Sprichwort!

Nebenbei: Als ich herausfinden wollte, wer Schöpfer dieses Satzes ist, bin ich nicht fündig geworden, es gibt offenbar keinen namentlich zu nennenden (oder wissen Sie ihn?). Was ich gefunden habe, ist, dass es für „Aufschieberei – denn nichts anderes ist es ja, wenn ich das Sprichwort ignoriere –  einen Fachbegriff gibt: Prokastination! Klingt doch viel besser als Aufschieben, nicht wahr?

Aber zurück zum  Thema: zum „richtigen Zeitpunkt“: Es geht um meine Eltern. Und darum, warum es mir  nicht gelungen ist,  rechtzeitig mit ieinsamhnen über ihr Älterwerden zu sprechen. Darüber, was sie sich vorstellen, wenn sie nicht mehr alles allein schaffen; was sein wird, wenn ihre Kräfte noch mehr nachlassen; wenn ganz alltägliche Aufgaben zur Last oder gar zur Gefahr werden?

Ich habe diese Frage nie konsequent  angesprochen. Immer einmal wieder vorsichtige Versuche, aber bei dem ersten „Was soll denn das, wir sind doch völlig fit; und ein Heim kommt sowieso nicht infrage“  habe ich sofort aufgegeben.

Sie waren ja auch wirklich noch gut beieinander. So schien es mir. Aber es war wohl eine oberflächliche Betrachtung, vermutlich habe ich gesehen, was ich sehen wollte. Denn es gab  – im Nachhinein betrachtet –natürlich schon einige Anzeichen, dass es nicht so gut läuft, wie sie vorgaben.

Dazu kommt: Ich wohne hier, in Berlin, meine Eltern im Lippischen Land. Unser Kontakt beschränkte sich –durch die Entfernung bedingt, aber auch aus anderen Gründen, die wohl in unserer nicht immer  unproblematischen Beziehung lagen –auf regelmäßige Telefonate, Briefe und Besuche. Die allerdings immer nur  auf zwei, drei Tage ausgerichtet waren.

Darüber hinaus: Ich wusste, dass ein solches Gespräch die Besuche belasten würde. Es sollte alles harmonisch, nett sein. Selbst die Alltagsfragen blieben außen vor: Wie funktioniert das Einkaufen, steigen sie noch auf Leitern, um etwas zu richten, schaffen sie die Gartenarbeit – das alles hätte ich prüfen müssen und mich nicht verlassen dürfen auf ihr Beteuern: Es ist alles gut, uns geht es geht.

Auch über das  Risiko, dass etwas passieren könnte, haben wir immer nur so gesprochen, als beträfe das nur ihre gleichaltrigen Freunde, aber ganz gewiss nicht sie.

Und ich habe das Spiel mitgespielt. Weil ich nicht wahrhaben wollte, dass sich die Rollen verändert haben. Dass ich nicht mehr das Kind bin und meine Eltern nicht die starken „Alleskönner“. Sondern umgekehrt: Dass die Kindheit endgültig vorbei ist und ich es sein muss, die die Fäden in die Hand nimmt. Aber wie schafft man das, ohne zu bevormunden, ohne Druck auszuüben, sie zu verletzen?  Was unzweifelhaft  der Fall sein würde, da ihr Wille, nie  freiwillig die Wohnung zu verlassen, sehr ausgeprägt war.

Ich habe es nicht gessteiermark2010-128chafft und ich bereue es  noch heute. Zwar war es mir gelungen, sie zu überzeugen, zumindest für die  Einkäufe einen Lieferdienst in Anspruch zu nehmen und die Wäsche abzugeben, aber das war es schon.

Es kam dann, wie es kommen musste. Eine schwere akute  Erkrankung meines Vaters, eine sofortige Einweisung ins Krankenhaus und am Ende stand die Erkenntnis, dass eine Rückkehr in die Wohnung nicht mehr möglich sein wird. Der Umzug in ein Heim war unumgänglich und musste sofort passieren. Unvorbereitet und vor allem ohne die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, am Umzug mitwirken zu können, Abschied zu nehmen.

Mein Vater konnte das wider Erwarten akzeptieren, die Erkrankung hat ihn selbst wohl sehr schockiert. Meine Mutter war fassungs- und auch orientierungslos. Und wütend, verzweifelt, völlig überfordert. Die Zeit bis zu Akzeptanz hat sich über viele Monate hingezogen. Für sie verlorene Lebenszeit und das gerade in einer Lebensspanne, in der solche  Änderungen als kränkend empfunden werden, als Entmündigung. Und ich  konnte ihr nicht helfen, denn in ihren Augen war ich es ja, die es erzwungen hat.

Was ich daraus gelernt habe? Es gibt in dieser Frage kein „zu früh“. Und wenn man es allein nicht schafft, Gespräche solcherart ohne Verletzungen zu führen, sollte man sich professionelle Unterstützung suchen. Hilfen gibt es bei der staatlichen Pflegeberatung und es gibt freie Pflegeberaterinnen, die sich vermutlich noch individueller einschalten können, du vor allem psychologische Erfahrung haben, wie Sie sich langsam herantasten. Zudem: Eine neutrale Person ist eben nicht mit der Familiengeschichte belastet.

Wenn Sie im Internet unter dem Stichwort Pflegeberatung suchen, finden Sie sehr viele hilfreiche Informationen. Durch Zufall habe ich ein Interview gelesen mit einer selbstständigen Pflegeberaterin hier in Berlin, die in eben dieser Phase des Übergangs vom selbstständigen zum betreuten Wohnen Hilfe anbietet. Das Interview mit ihr hat mir gefallen.

Für mich zu spät. Für Sie vielleicht eine Möglichkeit unter vielen – es gibt, wie gesagt, viele Anlaufstellen  (Jana Hein. http://www.freie-pflegeberatung.de).

Fazit: Was Du heute erledigen kannst, tue es. Mir bleiben Sie vielleicht gewogen.

 

I.B.F.

 

Quelle FAS 28.08.2016 / Fotos (c) go

 

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