Berlin ab 50…

… und jünger

Ehrengräber abgewickelt?

Unter diesem Motto  fand am 26.10 .2016 zum Generationenvertrag der Friedhofskultur und der Zukunft der Erinnerung in der Mendelssohn-Remise am Gendarmenmarkt in der  Jägerstrasse eine Podiumsdiskussion statt, an der neben Vertretern des Evangelischen  Friedhofsverband, des Bürgerforums und der Mendelsohn-Gesellschaft auch der Protokollchef des Landes Berlins als Behördenvertreter teilnahm. Ich möchte die dort erhaltenen und für  mich als alten, begeisterten  Friedhofsgänger überraschenden Informationen  den Lesern des Blogs nicht vorenthalten.

Auf den 182ehrengrab Friedhöfen Berlins werden 86 von der Stadt Berlin (Grünflächenämter) verwaltet,  die anderen  Friedhöfe werden von rechtlich selbstständigen Kirchengemeinden der verschiedenen Konfessionen betrieben. Die Friedhöfe sind Berlins historisches Gedächtnis. Es gibt derzeit ca. 840 Ehrengrabstätten, die vom Land Berlin betreut werden.  650 Euro im  Jahr kostet so ein Ehrengrab, davon sind 163 Euro für die Pflege, was nicht viel ist , aber  bei der großen Anzahl deutlich zu spüren ist.  Die bauliche Erhaltung des Grabmals gehört nicht zu den Leistungen.

In  meiner Naivität dachte ich nun, dass ein Ehrengrab ein Ehrengrab auf Dauer ist, aber das stimmt seit 2008 nicht mehr.  Mit den Ausführungsbestimmungen zum  Friedhofsgesetz (AV Ehrengrabstätten) ist seitdem die Frist auf die üblichen 20 Jahre begrenzt: „Die Anerkennung als Ehrengrabstätte kann frühestens fünf Jahre nach dem Tod für 20 Jahre erfolgen.“ Keine Antwort bis jetzt habe ich auf die Frage bekommen, was danach mit diesen Ehrengräbern passiert. Aus der Sicht des Senats  ist mit der Anerkennung einer Ehrengrabstätte  nicht die Setzung eines graefe-2Denkmals intendiert. Auch soll keine posthume Würdigung und  – im Gegensatz zur Benennung von Straßen oder Plätzen –  auch nicht eine dauerhaft zu würdigende Leistung im Vordergrund stehen, sondern die Popularität des Verstorbenen „bei unseren Menschen draußen im Land“.  Der Verstorbene darf also nicht nur in Expertenkreisen bekannt sein  – und seine Popularität muss ungebrochen sein. Deshalb wird die Fortdauer von Ehrengrabstätten, die ohne besonderes Verfahren und ohne zeitliche Begrenzung (also vor 2008) anerkannt worden sind, nun sukzessive durch die Senatskanzlei geprüft. Davon nicht betroffen sind Ehrengrabstätten von Ehrenbürgern, die gelten ewig (falls zum Beispiel Herr Schäuble als neuer Ehrenbürger Berlins einmal in Berlin beerdigt werden sollte).

Die Senatskanzlei kann , um eine Verlängerung der Ehrengrabstätten-Anerkennung zu überprüfen, eine gutachtliche Stellungnahme einholen. Ergibt die Prüfung, dass eine Verlängerung zu empfehlen ist, legt die Senatskanzlei die Angelegenheit dem Senat zur Beschlussfassung vor. Bei der seit 2008 durchgeführten – und für den Außenstehenden nicht transparenten  – Überprüfung durch „Expertenkommissionen“ bleibt dann so mancher Ehrenbürger auf der Strecke. Einige Beispiele der letzten Jahre (in Klammern Person und Jahr des Auslaufens der Ehrengrabstätte):  Wilhelm Friedrich Ernst Bach (Cembalist, Musiklehrer, Nachkomme von Johann Sebastian Bach, 2015), H.G. Droysen (Historiker und Politiker; 2015); Madame Dutitre (Berliner Original, 2015); Ch.G. Ehrenberg (Begründer der Mikropaläontologie, 2015);  C.F. Greafe (Professor der Chirurgie, Augenarzt, 2014); E.A. Grell (Direktor der Singakademie Komponist; 2014); Maximilian Harden (Schriftstelleminkowskir,2014); Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff  (2014, Architekt im Dienste Friedrichs II. von Preußen, hat das Aussehen der Residenzstädte Berlin und Potsdam in dieser Zeit geprägt) und als letztes Beispiel aus 2014 Hermann Minkowski (Mathematiker und Physiker, auf dessen Grundlage der Ideen zum Raum-Zeit-Kontinuum Einstein die Relativitätstheorie  entwickelte)  und seines  in gleicher Grabstätte beigesetzten Bruders Oskar Minkowski. Oskar M. hat als Mediziner grundlegende  Untersuchungen durchgeführt, die zur Entdeckung des Pankreas-Diabetes führten.

Unruhe im Auditorium der Mendelsohn-Remise! In einer lebhaften Diskussion  wird bürgerschaftliches Engagement – für den Senat kostenfrei- eingefordert  und  der Senat aufgefordert, das Auslaufen der Ehrengräber transparenter zu gestalten und die vermisste „Popularität“ zum Beispiel von Knobelsdorff , die ja mit  fortschreitender Bildungsferne „unserer Menschen draußen im Land“ verbunden ist , nicht durch falsche Signale  noch zu unterstützten. Interessanterweise sollen – nach Auskunft des Senats – wirtschaftliche Gründe bei der Verlängerung der Anerkennung als Ehrengrab keine Rolle spielen. Und das bei den klammen Kassen Berlins, naja.

Das es auch anders geht, zeigt das Beispiel Spandau: Von den 19 friedh_hallesches-t-90Ehrengräbern auf dem Spandauer Friedhof “ In den Kisseln“ gehören 17  Spandauer Politikern und Stadtältesten, je ein Ehrengrab für einen Wasserballtrainer und einen Komponisten runden die Gemeinschaft  ab. Da können  Bach, Graefe  und Co nicht mithalten.

Wen die aktuelle Liste der Ehrengräber interessiert, der wird hier fündig: http://www.stadtentwicklung.berlin.de/cgi-bin/egab/eg.pl?fieldname=grab&search=P&Search=Suche+starten

Bleiben Sie gesund!

Ihr mw

 

 

 

 

Ein Kommentar

  1. PB

    Wie bitte – 163 Euro pro Jahr für die Grabpflege? Viele Ehrengräber sehen aus, als wäre jahrelang nichts aber auch gar nichts daran „gepflegt“ worden. Nur zwei Beispiele: Das Grab von Theodor Mommsen an der Bergmannstraße oder das von Bernhard Heiliger auf dem Dahlemer Dorffriedhof, auf denen das Unkraut, Verzeihung, das Wildkraut wuchert. Die Frage ist, wer mit der Dienstleistung der Grabpflege beauftragt ist, ob es überhaupt kontrolliert wird und wo das Geld bleibt…

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