Berlin ab 50…

… und jünger

Künstlerkolonie bei Neuruppin

Eine Freundin, engagierte Organisatorin der „Zeughausmesse für angewandte Kunst“ in Berlin, hat mir eine Kunstgewerbe-Ausstellung in Gildenhall bei Neuruppin sehr ans Herz gelegt. Da ich in der Nähe meinen Urlaub verbrachte,  fuhr ich hin, eigentlich mehr ihr zuliebe, ohne viel zu erwarten. Gefunden habe ich ein Kleinod.

Allerdigildenhall-1ngs erst nach einigem Suchen. In Gildenhall selber, einem kleinen Ort an der gegenüberliegenden Seite vom Ruppiner See, fand ich keinen Hinweis. Nach mehrmaligem Hin- und Herfahren und schon kurz vorm Aufgeben, fand ich ein Schild. Etwas abseits von der Straße wurde mir ein Weg über eine Holperstraße ausgewiesen. Mein Gefühl, es geht ins Nirgendwo, verstärkte sich. Dieser Ort musste wirklich gefunden werden wollen, sonst hatte man keine Chance. Am Ende der Straße fand ich eine ehemalige Schule. Vor einem längs gestreckten Flachbau saßen zwei Dagildenhall4men. Sofort nahm eine der Damen mich unter ihre Fittiche und startete eine Führung mit wunderbaren Erläuterungen. Dieses Haus beherbergte in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts Atelierräume der Künstlerkolonie Gildenhall.

Der Zimmerer und Bauunternehmer Georg Heyer schuf diesen Ort, um seinen Traum zu leben: gemeinsam mit anderen Künstlern arbeiten, kreativ sein und wohnen. Zahlreiche Kunstschaffende folgten seinem Ruf: Architekten wie Otto Bartning, der den Bebauungsplan für Gildenhall schuf, Keramiker wie Richard Mugildenhalltz, der mit Ernst Barlach zusammengearbeitet hat, Weberinnen wie Else Mögelin, die am Bauhaus in Weimar unter anderem von Walter Gropius und Paul Klee ausgebildet wurde, siedelten sich in Gildenhall an. Aber auch Schmiede, Drechsler und Bildhauer lebten und arbeiteten dort in der Gemeinschaft. Es war die Zeit der Reformbewegung, überall wurden neue Formen des Zusammenlebens ausprobiert.  Es war eine Zeit des Aufbruchs und Ausprobierens. „Es ist, als ob alle Tage Sonntag wäre“ ist ein überlieferter Satz von Else Mögelin, auf die Frage nach ihrer freien Arbeit dort in Gildenhall. Leider musste Gildenhall nach Wirtschaftskrise und Inflation 1929 aufgegeben werden.

Die Räume, von unsagbarer Nüchternheit, beherbergen heute einengildenhall2 Hort. Das Gebäude, ehemals vom Architekten Max Erhardt entworfen, durch Anbauten und Rauputz verändert, lässt seinen Bauhaus Charakter nur noch erahnen. Und auch bei den Wohnhäusern in Gildenhall selber kann man nur noch raten, dass sie einmal Teil dieser spannenden Arbeitskolonie waren. Schade. Dieser Ort ist es allemal wert, als Kulturdenkmal hervorgehoben zu werden. Der Hort soll bald renoviert werden, man kann nur hoffen, dass dabei Architekturhistorisches berücksichtigt wird.

Die mir empfohlene Ausstellung beherbergte einige wunderbare gildenhall3Exponate: Gebrauchsgegenstände, wie Tische, schmiedeeiserne Tore, Webereien, vieles sehr einfach und schlicht, dabei von großer Eleganz. Leider war sie bereits am 28.August zu Ende, aber im Museum Neuruppin gibt es eine Dauerausstellung zur Kunsthandwerkersiedlung. http://www.neuruppin.de/fileadmin/dateien/bilder/Pressemitteilungen/Dokumente/160729_Flyer_Ausstellung_Gildenhall.pdf

Vielleicht verbinden Sie den Besuch im Museum mit einem Gang durch das hübsche kleine Städtchen Neuruppin mit dem sehenswerten Tempelgarten und der gerade in den kommenden grauen Novembertagen empfehlenswerten  Fontane Therme am Ufer des Neuruppiner  Sees.

Ihre

AvS

 

 

 

Ein Kommentar

  1. Christiane

    Wenn ich ehrlich bin, weiß ich mit dem Beitrag als Empfehlung wenig anzufangen. Die Ausstellung am Originalort Gildenhall ist längst vorbei. Darüber hinaus ist offenbar an den Gebäuden selbst nichts mehr zu erkennen – so habe ich es verstanden. Der Flyer ist zeitlich Makulatur; was das Museum nun genau zeigt, ist aus allem nicht erkenntlich. Auch die Öffnungszeiten finden sich nicht und zumindest nicht leicht. Dass Neuruppin nicht nur ein nettes Städtchen ist, sondern die Fontane-Stadt ist, sagt der Beitrag auch nicht – und das wäre vielleicht ein Anlass dorthin zu fahren. Wie geht die Stadt mit dem Erbe um? Das ist eine Antwort wert. Oder wäre es.
    Christiane

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