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… und jünger

Neu gelesen (7): Frau Sorge von Hermann Sudermann

Ferdinand „stolperte“ (nur fast) über ein Ehrengrab auf dem Friedhof Grunewald. Dem von Hermann Sudermann (1857 – 1928), einem einst viel gelesenen Schriftsteller, der heute fast in Vergessenheit geraten ist. Das brachte ihn auf die Idee, erstmals seit seiner Jugend wieder einen Roman von Sudermann zu lesen. Dieser Entschluss wurde zu einer harten Prüfung und ließ ihn erstmalig an seinem Konzept zweifeln, die Auswahl seiner Literatur dem Zufall zu überlassen.

Der Roman handelt im ostpreußisch-litauischen Grenzland, dem Memelland. Eine 7-köpfige Familie: Die Eltern, zwei Brüder, Zwillingsschwestern und schließlich Paul, der jüngste. Der Vater scheitert an seinem Ehrgeiz, verspekuliert sich, verliert Haus und Hof. Man muss zukünftig mit einer Bauernkate Vorlieb nehmen, rutscht ab in prekäre Verhältnisse. Die Mutter stirbt schließlich im Gram. Die beiden älteren Brüder, faul, dennoch vom Vater bevorzugt, setzen sich ab in die Stadt, um dort das studentische Leben zu genießen. Auch mit den beiden Mädchen läuft es nicht gut. Sie sind putzsüchtig und schwatzhaft. Alle belächeln Paul, den jüngsten der Geschwister, der, scheinbar von einfachem Gemüt, sich als einziger für den Hof verantwortlich fühlt. Unerreichbar für Paul ist Elsbeth, die einzige Tochter gutbürgerlicher Nachbarn auf dem schönen Landsitz Helenenthal, den die Familie einst hatte aufgeben müssen. Auch sie hat Sympathien für Paul, doch die gesellschaftlichen Schranken sind einfach zu hoch.

Paul indes kämpft an allen Fronten. Gegen die Armut, die gesellschaftliche Ächtung, die Arroganz der beiden Brüder, die Verachtung des Vaters, den Leichtsinn der Schwestern und die Qualen seiner unerfüllten Liebe zu Elsbeth. Mit aller Kraft schuftet er im Stall und auf den Feldern, schikaniert vom jähzornigen Vater, der sich im Alkohol verfangen hat. Hinzu kommen Katastrophen wie Brände, Krankheit und – noch schlimmer – Ehrverletzung. Über allem schwebt „Frau Sorge“, die metaphysische Titelgestalt, die jegliche Hoffnung auf bessere Zeiten im Keim ersticken lässt.

Zu allem Überfluss: Die beiden leichtsinnigen Schwestern lassen sich von zwei Taugenichtsen aus der Nachbarschaft „verführen“. Paul rastet aus und zwingt die Unseligen mit Waffengewalt, die Ehre der Schwestern wieder herzustellen und so kommt es zu dem, was man heute als eine doppelte Zwangsverheiratung bezeichnen würde.

Paul geht durch Feuer und Kerker, um schließlich, nach 17 Jahre langem Kampf, die begehrte Elsbeth an ihrem Hochzeitstag, praktisch vor der Kirchentür, aus den Armen ihres unwürdigen Bräutigams zu reißen. Ein Fotofinish fürwahr!

Damit soll es genug sein. Sudermann lässt kein Klischee ungenutzt, setzt immer noch einen drauf und überzieht maßlos. Das alles in dem pathetischen Stil des ausgehenden 19-ten Jahrhunderts.

Kein Wunder, dass er schon in den Feuilletons seiner Zeit als Kitschautor verspottet wurde. Ganz anders jedoch reagierten seine Leser und das Theaterpublikum. Seine Romane erreichten Rekordauflagen und er wurde zum meist aufgeführten Bühnenautor seiner Zeit.

Nach dem Lesen von Frau Sorge hatte ich von Sudermann eigentlich mehr als genug, doch weitere Recherchen ließen mich zweifeln: Irgend etwas musste doch dran sein an dem Mann, dessen Schriften eine solche Popularität erreicht hatten und der sogar Vorsitzender des Vereins Berliner Presse geworden war.

Ich nahm noch einmal den Sammelband zu Hand: Die Reise nach Tilsit, eine Novelle von gerade einmal 30 Seiten. Diese Chance wollte ich Sudermann noch geben – und ich wurde überrascht. Mit stimmungsvollen Bildern und gleichzeitig kriminalistischer Spannung erzählt Sudermann die Geschichte eines jungen Paares, dessen Beziehung schon zerbrochen scheint und das just an dem Tag zu sich selbst zurück findet an dem ein geplanter Gattinnenmord stattfinden sollte. Grausam und kitschig-schön. Wie in einem Märchen.

Wer sich mit Sudermann beschäftigen will, sollte lieber nach dem Zyklus Litauische Geschichten greifen, die als sein literarischer Zenit gelten.

Der Besuch von Schloss Blankensee, Sudermanns einstigem Arkadien wäre zu empfehlen. Es liegt im gleichnamigen Dorf samt See in der Nähe von Trebbin. Das Schloss und der zugehörige Park sind nach jahrzehntelangem Verfall denkmalgerecht restauriert worden. Das Arbeitszimmer Sudermanns liegt im ersten Stock und kann nach Anmeldung (www.sudermannstiftung.de) besichtigt werden.

 

Ein von Schülern liebevoll gestalteter Audio-Guide, den man auf sein Smartphone herunterladen kann, führt in sieben Episoden durch den Park. Über Brücken des Flüsschens Nieplitz, durch den Italienischen Garten und die Kaiserallee. Mit etwas Geduld werden Sie auch den leeren Sockel finden, auf dem einst die Frauenbüste stand, die heute seinen Grabstein ziert.

Ferdinand

Fotos (c) Ferdinand

2 Kommentare

  1. B.F.

    Nun, Sundermanns Romane schienen auch die Film“industrie“ (neudeutsch) zu interessieren. Sehr viele wurden verfilmt und noch dazu mit all den Größen der damaligen Zeit: Eleonora Duse, Sarah Bernhardt, Asta Nielsen, Fritz Kortner und so weiter.
    Und wenn Sie in die Bettinastraße gehen und vor der Nummer 3 Halt machen, dann finden Sie eine Gedenktafel. Er muss der damaligen Zeit wohl doch etwas gegeben haben.
    B.F.

  2. B.F.

    Hoffentlich verzeiht es mir Herr Sudermann, dass ich ihm noch „n“ verpasst habe.
    Man sollte sich immer vergewissern, was die Finger auf der Tastatur tun. Verzeihen Sie mir, Herr Sudermann“
    B.F.

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