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Philosophieren heißt Sterben lernen

Philosophieren heißt Sterben lernen, hat der französische Philosoph Michel de Montaigne (1533 bis 1592) in einem seiner Essays geschrieben. Er meinte damit, dass man bei allem Handeln und Tun die eigene Endlichkeit nicht aus den Augen verlieren sollte.

Heutzutage gaukeln die Werbung, die Medien, das Internet und schließlich sogar wir selbst uns eine Welt vor, in der der Tod kaum vorkommt, und so haben wir ihn weitgehend aus unserem Denken verbannt. Nur bei Sterbefällen im engeren Umfeld oder in Träumen begegnet er uns überhaupt. Selbst die Horrormeldungen in den Nachrichten über die Opfer von Krieg und Gewalt bringen uns kaum mit der eigenen Endlichkeit in Verbindung. Die Distanz der Bilder ist zu groß.

Neuerdings häufen sich Zeitungsartikel über Sterbehilfe, Palliativmedizin und ein selbst bestimmtes Lebensende. Ärzte, Geistliche, Juristen und Politiker diskutieren ihre unterschiedlichen Sichten auf das Unabänderliche und kommen doch zu keinem Konsens. Ab einem gewissen Alter möge man sich mit Fragen des Erbes und der Nachfolge beschäftigen so heißt es dann, und man solle Bankvollmachten erteilen sowie eine Vorsorgevollmacht und gleich noch eine Patientenverfügung unterschreiben.

Der Gedanke, eines Tages hilflos dahin zu vegetieren, vielleicht sogar angeschlossen an Maschinen mit Schläuchen und Leitungen, über die wir künstlich ernährt, unser Herzschlag und die Atmung reguliert werden, macht uns zu schaffen.

Kein Wunder, dass daraus der Wunsch entsteht, bei klarem Verstand die richtige Entscheidung über unser Lebensende zu treffen. Doch kann man sein Sterben aus Sicht der Gegenwart überhaupt planen?

Gut – für die Situation nach dem Tod ist alles klar: Ein Testament, Anweisungen, wie mit der persönlichen Habe umzugehen sei, welche Verträge aufgelöst und welche verlängert werden müssen…

Doch wie steht es mit dem Sterben selbst? Wann ist der Moment erreicht, von dem an andere für mich entscheiden müssen und werde ich ihn kommen sehen? Und wenn es mit mir wirklich zu Ende geht, werden dann die heute getroffenen Entscheidungen noch die richtigen sein?

Sind wir überhaupt jene von Vernunft gesteuerten Wesen, die nach gegenwärtiger Faktenlage, also dem Gesundheitszustand und medizinischen Prognosen und Statistiken, eine Entscheidung über die Umstände unseres Lebensendes treffen können?

Neurowissenschaftler haben längst heraus gefunden, dass das, was wir für Vernunft halten, nichts anderes ist als Illusion, Zufall oder Emotion. Jedes Handeln, jeder Wille entsteht aus dem Geflecht unserer Neuronen und die vernetzen sich nach dem Prinzip des Zufalls, bestenfalls nach unseren individuellen Lebenserfahrungen. Doch eigentlich hätte es zu dieser Erkenntnis keiner modernen Neurowissenschaft bedurft. Montaigne schreibt dazu: „Ich habe bisher kein ausgeprägteres […] Mirakel gesehen als mich selbst.“ Er selbst also traute seiner Vernunft am wenigsten.

Unsere Entscheidung, im Fall der Fälle lebenserhaltende Maßnahmen abzulehnen oder sie zu fordern, wird von nichts anderem gesteuert als von den uns gegenwärtig beherrschenden Gedanken, die wir für rational halten. Im entscheidenden Moment können die ganz anders sein.

Das Gespür, wann unser Leben zu Ende geht, haben wir weitgehend verloren. Meine Großmutter hatte es möglicherweise noch. Als sie fühlte, ihr Leben ginge zu Ende, begann sie, ihren Letzten Willen aufzuschreiben und schrieb auch einige Briefe an ihre Kinder. Das Wort Tod kommt darin nicht vor, doch klar wird, worum es ihr ging. Sie wollte ihre Liebe und Verantwortung für die Familie an ihre Kinder und Enkel weitergeben, so lange sie dazu noch in der Lage war. Sie war keinesfalls krank, als sie diese Zeilen schrieb, doch schon zwei Wochen später starb sie einen schnellen Herztod. Hatte sie ihr Ende gefühlt und hatte ihr die lebenslange gedankliche Beschäftigung mit dem Tod den Weggang erleichtert? Ich glaube ja.

Als ihr Herz stehen blieb, vor über einem halben Jahrhundert, war ihr Leben in dieser Sekunde erloschen. Heute ist das nicht mehr so klar. Es gibt Rettungsdienste, die in Minuten zur Stelle sind, der nächste Defibrillator, mit dem man ein Herz wieder zum Schlagen bringen kann, ist nicht weit entfernt. Der Todeszeitpunkt ist keine unveränderliche Größe mehr, so dass sich damit ganze Ethikkommissionen befassen, ohne zu einer befriedigenden Antwort auf die Frage zu kommen, wann ein Leben zu Ende geht.

Montaigne hat aus seiner ständigen Beschäftigung mit der Endlichkeit auch neue Kraft für sein Leben geschöpft. Er liebte das Leben, machte weite Reisen, selbst in dem Bewusstsein, unterwegs möglicherweise an Krankheit, Gewalttat oder Entbehrung zu sterben. Dennoch reiste er. Genesung aus schwerer Krankheit – er litt unter Nierenkoliken – empfand er als Geschenk des Lebens. Und bevor er im Jahr 1592 im Alter von nicht einmal 60 Jahren starb, hatte er aus seiner Sicht ein erfülltes Leben gelebt.

Beziehen wir die Endlichkeit unseres Dasein besser in unser Handeln ein, sprechen offen darüber und treffen die Entscheidungen, die unseren Nachkommen nach dem Tag X das Leben erleichtern. Doch seien wir uns auch dessen bewusst, dass unser Wille von heute in unserer Todesstunde jegliche Bedeutung verliert.

Nachdenkliche Worte? – kann sein. An einem Novembertag darf man einmal über den Tod nachdenken, sollte es sogar.

Carpe diem,

Ihr PB

Fotos (c): privat (1), PB (2,3)

Ein Kommentar

  1. Ray

    Montaigne sagt aber noch etwas: Man solle in jedem seiner Lebensaugenblicke, auch in den glücklichsten, den Tod nicht aus den Augen verlieren. Denn der Tod gehört zum Leben und nur wenn ich auf ihn vorbereitet bin, kann ich ein gelassenes Leben führen. So in etwa sind seine Worte. Ich glaube, dass viele Menschen, die ein langes Leben hinter sich haben und nicht von einem plötzlichen Tod überrascht werden, sehr wohl spüren, wenn ihr Leben zu Ende geht. Vielleicht können und wollen wir, die wir überleben werden, es nur nicht hören. Weil wir den Verlust nicht ertragen wollen. Und wir zwingen auf diese Weise manchmal die uns Nahestehenden das Leben nicht aufgeben zu können.
    Montaigne sagt weiter, dass der Tod sich in die Weltordnung eingliedert: es ist ein Stück Leben dieser Welt. Ist das nicht letzten Endes ein sehr tröstlicher Gedanke?
    Ray

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