Berlin ab 50…

… und jünger

Bescheidenheit ist eine Zier

Immer im November fahren wir an das Grab meiner Schwiegermutter auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf, vor den Toren Berlins. Ich liebe diesen Friedhof. Seine Weitläufigkeit hat etwas Einzigartiges. An manchen Stellen fühle ich mich wie in einem Wald, in dem Grabsteine in das Unterholz eingelassen wurden. Oft schimmert, von der Sonne beschienen, eine kleine Pagode oder ein prunkvolles Mausoleum durch das Blätterwerk hindurch. Die meisten sehr alt, teilweise marode. Die mit Efeu- und Moos überzogenen Steine zeugen von einer anderen Zeit. Aber auch eine neuartige, wie ich finde, sehr schöne Art der letzten Ruhe, wird hier angeboten, die Bestattung unter Bäumen. Nach Auswahl eines Baumes wird die Urne unmittelbar daneben beigesetzt. Eine kleine schlichte Grabplatte, auf der der Name des Verstorbenen erfasst ist, wird direkt neben dem Baum in die Erde eingelassen. So entsteht nach und nach ein Friedwald, der so gut zu Stahnsdorf passt. Neue, kleine Grabplatten befinden sich neben alten und verwitterten, teilweise umgestürzten oder beschädigten Grabsteinen aus alten, längst vergangenen Zeiten. Beim letzten Spaziergang durch den Friedwald fiel mir ein blumengeschmücktes Grab ins Auge. Bei näherem Hinsehen fand ich heraus, dass es das Grab von Manfred Krug war. Ein so bekannter Schauspieler der deutschen Film- und Fernsehlandschaft wählt diese bescheidene Begräbnisart. Das hat mich auf besondere Weise angerührt, in unserer heutigen Zeit, in der Bescheidenheit gerade bei den Großen und Mächtigen unserer Gesellschaft immer seltener anzutreffen ist. Aber auch im Rest der Bevölkerung ist Bescheidenheit bei Weitem keine Zier mehr. Die Meisten leben nach dem Motto „weiter kommste ohne ihr“.

Es fängt doch schon im Supermarkt an. Die Drängeleien um eine neu geöffnete Kasse kennt jeder, alle finden es doof, aber die Meisten machen mit. Und es hört bestimmt nicht beim Thema Weihnachten auf. Die Kommerzialisierung in dieser Zeit geht ins Uferlose. Uns allen stände etwas mehr Mäßigung gut zu Gesicht. Und das nicht nur im Materiellen, sondern auch im zwischenmenschlichen Bereich. Auch hier wünsche ich mir öfter etwas mehr Zurückhaltung. Die Demut, mein Gegenüber wirklich auch mal anzuschauen, wahrzunehmen, wer da vor mir steht und ihn auszuhalten, auch wenn er anders ist. Ohne ihm oder ihr gleich die eigenen Meinungen oder Ansichten überstülpen zu wollen. Mich selber etwas zurücknehmen, mich selber bescheiden, bestimmt nicht die schlechteste Art, sich der Adventszeit zu nähern.

Eine etwas bescheidenere Vorweihnachtszeit wünscht

Ihre AvS

Fotos (c) AvS

Ein Kommentar

  1. Dorothea

    Liebe AvS, ich verstehe zwar Ihren Ruf nach Bescheidenheit; er ist sicher angemessen. Aber das, was Sie als Zeichen von Bescheidenheit, später nennen Sie es Demut, einfordern, hat kaum etwas damit zutun. Die Entscheidung, sich einäschern zu lassen, hat viele Gründe – Bescheidenheit ist kaum dabei. Es sei denn, Sie sehen das Argument der Kostenreduzierung als eine solche Bescheidenheit an. Das wäre sehr kurzgegriffen. Dass die Menschen immer zu den Kassen im Supermarkt gehen , die ihnen kürzer erscheinen , hat psychologische Gründe, die schon oft untersucht wurden. Dass sie mit „Unbescheidenheit“ zu erklären sind, habe ich bislang noch nicht gelesen.
    Und ja, die Demut: Das ist ein weiter und kulturell unterschiedlich definierter Begriff. Sicher zählt das „Sich-zurück-nehmen“ dazu. Auch die Anerkennung der Leistungen anderer. Aber dass ich die Menschen mit „Demut“ anschauen soll – ist das wirklich Ihr Wunsch? Respekt vor dem Anderen, auch und besonders vor dem Andersartigen, Toleranz, Offenheit – das alles würde ich sofort unterschreiben. Demut käme mir hingegen nicht in den Sinn.
    Bin ich deswegen ein „unbescheidener“ Mensch?
    Dorothea

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