Berlin ab 50…

… und jünger

Wie wollen wir im Alter leben?

Vielleicht erinnern Sie sich noch: Vor einiger Zeit habe ich mir Gedanken gemacht, wie wir, wie ich im Alter wohnen möchte.

Schon damals ist mir klar geworden, dass es eigentlich um etwas viel Umfassenderes geht, nämlich um Frage, wie ich leben möchte, welche Vorstellungen ich habe von meinem ganz persönlichen Leben jetzt im Alter.

Früher, als ich noch ein gutes Stück vom Ruhestand entfernt war, aber doch schon nahe genug, um mir Gedanken über die spätere finanzielle Situation zu machen, schien es mir, als ginge es einzig darum, meinen Lebensstandard und meine Lebensumstände zu halten. Es sollte möglichst alles so weitergehen, nur eben mit mehr Zeit und weniger Verpflichtungen. Wenn Sie wollen, so träumte ich wohl von paradiesischen Verhältnissen.

Vielleicht ist es das beständige Älterwerden, das mir – trotz allgegenwärtiger Verheißungen, dass die 70 die neuen 50 sind – immer häufiger Grenzen und Verschleiß aufzeigt, dass ich mich frage, ob ich meine Lebensumstände wirklich so beibehalten will und kann. Sind es noch die jährlichen großen und kleinen Reisen ins In- und Ausland, die mich glücklich machen? Oder besser gefragt: Müssen es die Reisen sein, damit ich mich zufrieden fühle? Ist es wirklich für mein Lebensgefühl wichtig, mich mit Freunden zu treffen, bei denen ich gar nicht so sicher bin, ob sie für mich wirklich meine „Freunde“ sind. Sind es nicht eher Kontakte, die sich beruflich oder anderweitig zufällig ergeben haben, aber eben doch nicht tiefer gehen? Wäre es nicht sinnvoller – im wahrsten Sinne des Wortes –, alten Freunden mehr Zeit und Aufmerksamkeit zu widmen Von denen ich weiß, dass sie mir auch im hohen Alter zur Seite stehen, so wie ich hoffentlich für sie da sein kann?

Weniger ist mehr – dieses Motto hat zurzeit Konjunktur: Konsumverzicht, was wohl in den meisten Fällen heißt: nicht mehr 20 Paar neue Schuhe, sondern „nur“ noch zehn. Nicht mehr Lebensmittel einkaufen als wirklich notwendig und weniger exotische, sondern heimische. Nicht mehr ständige den allerneuesten Trends nachlaufen, sondern auch einmal überflüssiges Shopping einfach streichen. Es gibt natürlich auch den radikalen Schnitt, also Nahrungsmittel aus der Tonne, keine Nutzung von Verkehrsmitteln, ohne Geld durchs Leben kommen und so weiter.

Das allerdings ist nun auch nicht das, was ich mir für mich vorstellen kann. Mein Leben ganz auf den Kopf und in Frage zu stellen – darum geht es mir auch nicht.

Worum es mir geht, ist vielleicht am besten mit Reduktion, Konzentration auf das Wesentliche zu beschreiben. Denn eines spüre ich schon eine ganze Weile: Das Leben wird immer unsicher bleiben, daran ändert auch die – finanzielle – Vorsorge nichts. Es wird immer Unvorhersehbares geschehen; das zu erkennen, reicht ein Blick in die Wirklichkeit. Gewissheiten gibt es nicht mehr. Auch keine Sicherheit.

Aber eines zu erreichen ist möglich, und das ist jetzt mein Ziel: flexibel zu sein, nicht an Dingen festzuhalten, die nicht wirklich wichtig sind, alten Gewohnheiten nicht einfach blind zu folgen. Mit einem Wort: loslassen können. Und damit die Angst in Schach zu halten, dass die Welt über mir zusammenbricht.

Wir haben bei uns an der Wand eine Grafikreihe von Fred Sandback, einem amerikanischen Künstler (1943 – 2003) hängen. Es sind sechs Zeichnungen, die auf den ersten Blick unvollendet scheinen. Es sind dünne Linien, die zwar miteinander verbunden sind, aber nie ein Ganzes ergeben. Der „Raum“, in den sie gestellt sind, wirkt dennoch „gefüllt“; er hat eine Struktur bekommen, die zugleich durchlässig und in sich geschlossen ist.

Diese Zeichnungen sind für mich ein Sinnbild für eine Reduktion, die gelungen ist. Sie gibt halt, aber lässt Raum. So wünsche ich mir, könnte ich mein letztes Lebensdrittel gestalten.

Vielleicht schaffe ich es – wenn Sie mir gewogen bleiben.

I.B.F.

Ein Kommentar

  1. Die Grafiken gefallen mir sehr gut, ebenso wie der Fotograf im Spiegel und die Themen deiner Texte. Herzliche Grüße

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