Berlin ab 50…

… und jünger

Neu gelesen (8): Eine Auswanderin

Ferdinand hat ein Herz für alte Bücher und diesmal stolperte er am Straßenrand nicht nur sprichwörtlich über ein schmales, rotes Buch, das dort auf dem Kopfsteinpflaster lag. Es erzählte ihm seine Geschichte, ohne dass er es dazu lesen musste.

Das rote, in Leinen gebundene Büchlein lag direkt neben einem Müllcontainer, in den man alten Hausrat geworfen hatte. Offensichtlich eine sogenannte Haushaltsauflösung, aus welchen Gründen auch immer. So, wie es neben den Container gefallen war, erinnerte es mich an das siebente Geislein, dass es mit einem Sprung geschafft hatte, sich zu verstecken und damit dem Schicksal seiner Geschwister entgangen war. Natürlich hob ich es auf und als ich es aufschlug, fiel mir eine handschriftliche Eintragung ins Auge:

Dieses Buch wurde 1939 von einer der letzten Auswanderinnen aus Deutschland mitgenommen.

Später schenkte sie es der Stadtbibliothek Naharia.

1973 wurde es ausrangiert, weil es nicht mehr genug deutsche Leser gibt.

Möge es als Vorbote neuer, freundschaftlicher Beziehungen mit einer neuen Generation zurückkehren!

Unter dem deutschsprachigenText eine hebräische Unterschrift und ein Bibliotheksvermerk, wie ich mir von einer jüdischen Bekannten übersetzen ließ.

Gehört hatte das Buch einmal einer Waltraud Burgschweiger, so jedenfalls lese ich deren handschriftlichen Eigentumsvermerk. Zweifellos hatte sie Deutschland nicht freiwillig verlassen, und was in der Eintragung freundlich als “Auswanderin” umschrieben wird, dürfte nichts anderes als eine Emigration, eher eine Flucht, gewesen sein.

Welche Wege mag dieses schmale Buch genommen haben, um am Ende irgendwo an einem Berliner Straßenrand zu landen und um dort einen neugierigen Passanten über sich „stolpern“ zu lassen. Sein Weg nach Palästina im Jahr 1939 ist belegt, doch wie kam es wieder zurück nach Deutschland, in jenes Land, das seine frühere Besitzerin unfreiwillig hatte verlassen müssen und deren Lektüre und Trost das Büchlein einst gewesen war?

Im israelischen Naharia hatte es ein Leben als Leihbuch geführt. Allzuoft war es offensichtlich nicht ausgeliehen worden, denn es ist wenig abgegriffen, auch hatte man es nicht, wie bei Leihbüchern oft, ausbessern müssen. Es hat auch keine weiteren Eintragungen, als den bereits erwähnten und keine Unterstreichungen, mit welchen sich rücksichtslose Ausleiher von Büchern oft darin verewigen.

Einen handfesten Titel hat das Bändchen nicht und sein Inhalt ist unspektakulär. Es sind Zitate und Aphorismen deutscher Philosophen und Dichter, gesetzt in Fraktur, einem heute eher unbeliebten Schrifttyp. Die Emigrantin aus dem Jahr 1939 hatte sich an der Frakturschrift nicht gestört, sonst hätte sie als Reiselektüre auf ihrem langen Weg nach Palästina sicher ein anderes Buch gewählt.

Warum überhaupt wählte sie Zitate und nicht einen Prosatext, wie etwa einen Roman? Sie hatte Deutschland verlassen müssen, weil sie erkennen musste, das ein Weiterleben in ihrem Heimatland zu einer tödlichen Gefahr werden würde. In der Trauer sucht man Trost, und den hoffte sie vielleicht in der Zitatensammlung zu finden. Eigenartig, dass es nicht ein einziges Zitat eines jüdischen Dichters enthält.

Irgendwann trennte sich Waltraud Burgschweiger von dem Buch, übergab es der Bibliothek Naharia. Warum? Wollte sie die Vergangenheit samt ihrer Flucht vergessen, alle Erinnerungen an ihre einstige Heimat, an ihre Jugend in Deutschland tilgen? In welchem Jahr das Buch in den Besitz der Bibliothek gelangt ist, ist nicht vermerkt, nur das Jahr 1974, in welchem es die Bibliothek wieder verlassen hat, um mit seinen neuen Besitzern zurück nach Deutschland zu gelangen.

Zu viele Gedanken über ein kleines, unscheinbares Buch? – mag sein.

Ich jedenfalls bewahre es nun schon seit über 25 Jahren auf. Als einen Glücksbringer.

Stolpern ist ein sicheres Zeichen dafür, dass man in Bewegung ist, und Stolpersteine gibt es im Berliner Straßenpflaster viele.

Ferdinand

Fotos(c) Ferdinand

 

 

Ein Kommentar

  1. Ein schönes Beispiel für Alltagsgeschichte ! Grüße an Ferdinand, wer immer das ist 🙂

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