Berlin ab 50…

… und jünger

Auch in diesem Jahr keine Geburtstagsfeier

Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, nicht mehr zu den vier Prozent der heute über 60-Jährigen gehören zu wollen, die laut Umfragen aufgehört haben, ihre Geburtstage zu feiern. Nach dem Motto: Warum sollte ich den bisherigen Feiern noch weitere anfügen, noch eine und noch eine und so weiter. Bleibt es doch Tatsache, dass viel zu viele schon auf meiner „Jahres“liste stehen, so dass die kommenden Feiern eher einem Abgesang als einem Auftakt gleichen würden.

Die Ereignisse, die Berlin und die ganze Welt in den letzten Wochen vor Weihnachten, getroffen haben, haben den Vorsatz in Vergessenheit geraten lassen.

Gerade jetzt anzufangen, meinen Geburtstag zu einem Fest zu machen, kam mir falsch vor, zumal ich noch nie in meinem Leben diesen Tag gefeiert habe. Was vor allem an dem Datum liegt, an dem ich geboren wurde.

Als Kind habe ich ihn sogar verwünscht und mir nichts mehr ersehnt, als ein Kind zu sein, das an einem ganz normalen Tag im Jahr Geburtstag hat.

Nein, bei mir musste es der 26. Dezember sein. Der 2. Weihnachtstag! Wissen Sie, was das heißt? Mein Geburtstag lief einfach in der Folge der weihnachtlichen Feiertage mit, so, als wäre es nur ganz nebenbei auch der Tag, an dem ich zur Welt gekommen bin. Es war immer erst der 2. Weihnachtstag, an dem die Familie und die Freunde meistens schon ermattet waren. Und dann – da war doch noch etwas? – mein Geburtstag.

Und das kränkte mich! Die ich doch jedes Jahr im September erleben musste, wie meine Schwester ihren Geburtstag feiern durfte: Mit ihren Freundinnen, mit Topf schlagen, Wurst schnappen, Extra-Geschenken und vor allem mit der Genugtuung: Das ist ganz allein mein Tag!

Die kleine Schwester als Geburtstagsgast – nun ja, man war ja großzügig, aber eigentlich …

Natürlich sind mir auch die kleinen „Feierlichkeiten“ in der Grundschule entgangen, die damals noch üblich waren. Jedes Kind in der Klasse, das Geburtstag hatte, wurde ein wenig gefeiert und hatte für den Tag „Narrenfreiheit“. Das war damals begehrenswert!

Meine Geburt selbst war wohl keineswegs ein glückliches Weihnachtsgeschenk für meine Eltern. Im Kriegsjahr 1944, in Braunschweig, eine schwer traumatisierte Stadt, die allein in dem Jahr rund 36 Luftangriffe erlebt hatte, auch auf Krankenhäuser. Mein Vater weit weg irgendwo in den Tiefen Russlands, meine Mutter überlebte die Geburt nur mit Glück, und ich war auch nicht gerade der Wonneproppen, der ich hätte sein sollen. Meine Schwester, drei Jahre älter und von den Großeltern behütet, fand mich vermutlich auch ein wenig unnötig – wer kann ihr das vor allem in diesen mageren Zeiten verdenken?

Nun ja, mit der Zeit gewöhnten wir uns aneinander und irgendwann nach dem Krieg waren wir auch wieder eine Familie, aus dem Krieg äußerlich unbeschädigter hervorgekommen als viele andere.

Was mir blieb, war das Schicksal eines „2. Weihnachtstags-Geburtstags-Kindes“.

Geburtstags-Geschenke gab es natürlich nicht. Es war in den ersten Jahren nach dem Krieg, für die Eltern schon kaum möglich, für Weihnachten etwas Besonderes für uns zu organisieren.

Und eben auch keine Geburtstagfeiern.

Ich habe also in der Kindheit und in der Jugend diese Jahrestage nicht feiern können, und in den späteren Jahren gewöhnte ich mich daran. Irgendwann habe ich es auch nicht mehr vermisst – ich wurde ja erwachsen und lernte, dass Geburtstage nicht folgenlos einfach so daherkommen, sondern bedeuten, dass wieder ein Strich auf der Lebenszeitliste fällig ist. Und dass viele Striche irgendwann zu dem einen – besonderen – Schrägstrich führen.

Warum also feiern?

Und heute, jetzt im Lebensjahr jenseits der 70? Wie denke ich jetzt? Im letzten Jahr glaubte, ich, ich sollte damit anfangen. Und zwar an eben dem 2. Weihnachtstag, der mir nun einmal als Tag der Geburt zugedacht wurde. Ich dachte, ich sei nun alt genug geworden, um daraus mein eigenes Fest zu machen, mich mit den Menschen zu umgeben, von denen ich hoffe, dass sie mich auch den Rest meines Lebens begleiten. Es geht nicht um Geschenke, nicht mehr darum, sich feiern zu lassen und einmal im Jahr im Mittelpunkt zu stehen (was für Kinder außerordentlich wichtig ist). Sondern darum, mein Leben zu feiern, wie es war. Im Bewusstsein, dass es kein besseres gibt. Ich habe mich immer wieder für dieses Leben entschieden, und das Beste, was mir am Ende passieren kann, ist, dass ich diese Entscheidungen nicht bereue und zu ihnen stehe.

So dachte ich. Und ich denke für die Zukunft auch weiterhin so. Aber für den 26. Dezember 2016 fühlte sich der Gedanke gar nicht mehr gut an. Ich wollte nicht feiern in einer Zeit, die noch so sehr überschattet war von schrecklichen, unfassbaren Ereignissen.

Bleibt die Hoffnung, dass dieses Jahr wirklich ein neues Jahr wird – im positiven Sinne.

Bleiben Sie mir gewogen.

I.B.F.

Fotos(c) I.B.F.

2 Kommentare

  1. Das es nur 4% sein sollen, erstaunt mich sehr

  2. Deutlich spüre ich die Verletzung, die Ihnen angetan wurde und als Kind vermochte man es nicht verstehen, warum die Abläufe so und nicht anders waren.
    Gehen wir einmal davon aus, dass ein Weihnachtsfest mit viel Arbeit für die Hausfrau und Mutter verbunden war, ohnehin die Familie zusammen kam, warum also noch ein Fest gestalten. Es war und ist mit zusätzlichen Kosten und Mühen verbunden.
    Kinder hatten damals – hinzunehmen -. Aber so einfach war es nicht für ein Kind das die fehlenden Rituale um die eigene Person, vermisste.
    Es sind nicht die Geschenke die fehlen nein, es ist die besondere Ehrung, die einem nicht zuteil wurde.
    Heute denken die Eltern anders, aus eigener, erlebten Erfahrung.
    Gute Geburtstage Hilde

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