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Die Kirchenguste (1)

Kaiserin Auguste Viktoria – die „Kirchenguste“- und ihre Bedeutung für den Kirchenbau in Berlin und im Heiligen Land am Ende des 19. Jahrhunderts

Ältere Leser und Hobby-Berlinhistoriker mögen den Ausdruck „Kirchenguste“ vielleicht noch kennen. Der einleitende Beitrag soll ihre historische Einordnung erleichtern und den Beginn einer kleinen Reihe über Kirchenbauten am Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin und im Heiligen Land bilden, die mit dem Wirken von Kaiserin Auguste Viktoria in engem Zusammenhang stehen.

Auguste Viktoria Friederike Luise Feodora Jenny von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, so lautete ihr vollständiger Name, ist den Berlinern als Namengeberin von Auguste – Viktoria -Alleen, -Straßen und -Schulen und dem Auguste-Viktoria-Klinikum bekannt. Geboren 1858, stammte sie aus einem Herzoghaus, dessen Titelträger nach dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864 seinen Stammsitz Schleswig-Holstein verlor und in die Niederlausitz (nach Dolzig, heute Polen; Dolziger Strasse in Friedrichshain) emigrierte. Das Wappen von Auguste-Viktoria zeigt Teile des Schleswig-Holsteinischen Wappens („Holsteinisches Nesselblatt“). Den preußischen Kronprinzen Wilhelm lernte sie 1878 am englischen Hof kennen (Königin Victoria ist ihre Großtante und seine Großmutter) und sie verliebten sich. Am preußischen Hofe wurde das als unpassend angesehen, da ihre Familie durch den Verlust Schleswig –Holsteins deklassiert und sie damit keine „standesgemäße Partie“ war. 1880 verlobten sie sich – gegen alle Widerstände – in Gotha und 1881 heirateten sie in Berlin. 1888 wurde sie durch die Thronbesteigung Wilhelms II. deutsche Kaiserin und Königin von Preußen. Kanzler Bismarck bezeichnete sie als „Holsteinische Kuh“, nur dazu geeignet, den Hohenzollern Nachwuchs zu schenken. Tatsächlich bekam sie sechs Söhne und eine Tochter. Wegen ihrer strengen protestantischen Frömmigkeit nannten die Berliner sie „Kirchen-Guste“. Doch ihre Frömmigkeit galt nicht nur der eigenen Familie, sie hat auch Einfluss auf ihren Mann. Und der befand sich 1890 in einer schwierigen Situation: Er hatte Bismarck entlassen, der auf eine Verschärfung der Sozialistengesetze drängte. Andererseits wollte der Kaiser die „Proleten“ nicht kampflos an die Sozialdemokratie verlieren. Seine Frau riet ihm, die soziale Bewegung durch Rückbesinnung auf traditionelle, evangelisch-religiöse Werte zurückzudrängen. Mit dem 1890 extra dafür gegründeten „Evangelischen Kirchenbauverein“ betrieb der Kaiser nun die Neuerrichtung von Kirchen in den industriellen Ballungsgebieten Preußens bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Der Verein stand unter dem Protektorat seiner Frau, Kaiserin Auguste Viktoria, die ganz wesentlich bei der Standortsuche und der Beauftragung der Architekten „mitmischte“. Noch heute bekannte Mitglieder des Vereins waren der Bankier Ernst von Mendelssohn-Bartholdy und der Pastor Friedrich von Bodelschwingh. Bis 1908 ließ der Verein allein in Berlin 38 Kirchenbauten errichten, darunter so bekannte wie die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, die Apostel-Paulus-Kirche in Schöneberg und die Immanuel Kirche in Prenzlauer Berg. Das Heilige Land erhielt auch drei Kirchen: In Jerusalem die Erlöserkirche (Weihe 1898) sowie die Himmelfahrtskirche (Weihe 1910) und in Bethlehem die Weihnachtskirche (Weihe 1893). Warum aber im Heiligen Land, damals ein abgelegener und unterentwickelter Bestandteil des Osmanischen Reichs, wo „Willi“ ja keine kolonialen Attitüden im Land seines engen Freundes Sultan Abdülhamid II (abgesetzt 1909, lebte von 1842-1918) hatte? Mit der Vertreibung der letzten Kreuzritter aus Palästina im Jahr 1291 war das „Heilige Land“ im Besitz der muslimischen Mameluken, ab 1516 gehörte es als Provinz zum Osmanische Reich. Nach der Reformation ließ im protestantischen Teil Europas das Interesse an heiligen Stätten und die Suche nach Reliquien nach. Erst durch den Feldzug Napoleons (1798-1801, die sog. „Ägyptische Expedition“), der mit einer Niederlage gegen das von England unterstützte osmanische Ägypten endete, erwachte in Europa ein großes Interesse an altägyptischer Kultur, aber auch am Heiligen Land. Befeuert durch die Romantik entwickelte sich am Anfang des 19. Jahrhunderts eine neue religiöse Sehnsucht nach den Ursprüngen des christlichen Glaubens in ganz Europa. Zugleich war das Osmanische Reich durch Kriege, z.B. gegen Russland, Befreiungsbewegungen (Griechenland, Balkan) und innere Unruhen zunehmend isoliert und geschwächt, so dass man in der Politik vom „Kranken Mann am Bosporus “ sprach. Palästina war zu dieser Zeit dünn besiedelt (200.000 Bewohner, 90% Muslime), hatte keine Infrastruktur, keine Bodenschätze und war arm und rückständig. Der geschwächte Sultan konnte hier in der Peripherie seines Reichs großzügig Ländereien in Folge diplomatischer Schachzüge an die europäischen Mächte verschenken und so richtete 1833 die anglikanische Kirche von England in Jerusalem eine erste Missionsniederlassung ein, aus der später ein Konsulat wurde. Nun begannen auch die anderen Großmächte im Heiligen Land eigene Interessen durchzusetzen, ohne dafür in einen militärischen Konflikt mit Istanbul einzutreten zu müssen. Frankreich wurde Schutzmacht der Katholiken in Palästina und errichtete Klöster, Kirchen und Krankenhäuser. Damit stand es in Konkurrenz zum katholischen Österreich, das sich ebenfalls engagierte. Russland sah sich als Schutzherr aller orthodoxen Christen, griechisch und russisch und noch heute sind in Jerusalem die Kirchen aus dieser Zeit zu bewundern. England begann die Ansiedlung von Juden in Palästina zu fördern, um sich als deren Schutzmacht zu etablieren. Und Preußen? Preußen hatte traditionell gute Beziehungen zu den Osmanen und stand kritisch zu den anderen Mächten, die sich wiederholt im Krieg mit Istanbul befanden. Und da hatte der „Romantiker auf dem Thron“, wie der tief religiöse preußische König Friedrich Wilhelm IV. auch genannt wurde, eine irritierende Idee: die Errichtung eines protestantischen Bistums in Jerusalem, wo es zu dieser Zeit keinen einzigen Protestanten gab.

Mehr dazu in der nächsten Folge am 13. Januar.

Ihr mw

Foto(c) mw

Ein Kommentar

  1. Vielen Dank für diese grandiose Geschichtskunde. Ich kann die Fortsetzung kaum erwarten und freue mich darauf..! Liebste Grüsse nach Berlin… ew

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