Berlin ab 50…

… und jünger

„Ich möchte ein Kilo Tomaten“

Seit Januar 2016 habe ich im nahegelegenen Flüchtlingsheim ehrenamtlich Deutschunterricht gegeben. Sprache ist meiner Meinung nach das wichtigste Instrumentarium für Integration überhaupt.  Und ich erwartete – von mir selbst ausgehend –  dass die Menschen, die sich dieses Land ausgesucht haben, um hier zu leben, auch die Sprache lernen wollen und jede Minute und jedes Angebot nützen würden. Schließlich haben sie vieles, manchmal alles hinter sich gelassen, um sich hier eine neue Existenz aufzubauen.

Inzwischen weiß ich, dass wir anders denken und es so, von unseren Selbstverständlichkeiten ausgehend, zu ziemlichen Fehleinschätzungen kommt. Zum Beispiel: wenn es auch nur um den kleinsten Fehler geht (gar nicht zu reden von schwerwiegender Kritik), wird eher das „Gesicht gewahrt“, höflich gelogen, Simg_0775chuld auf andere geschoben – also genau das Gegenteil unserer Maxime für moralisch „richtiges“ Verhalten . Das Oberhaupt unserer Patenfamilie sagt immer, er würde sofort und dann ganz schnell Deutsch lernen, wenn er aus dem Camp ausziehen kann. Dass Lernen seine Zeit des Wartens sinnvoll füllen und ihn schneller weiterbringen könnte, sieht er nicht. Lernen ohne Fehler geht aber nicht. Er wartet jetzt seit fast einem Jahr  und der einzige deutsche Satz, den er kann, heißt  – neben „Guten Tag“ und „Dankeschön“ –   „Ich möchte ein Kilo Tomaten„.

Es ging mir also darum, den damals frisch angekommenen Flüchtlingen zu helfen und Deutsch zu lernen. Eine schwierige Sprache, die mit ihrer – wie Farsi, Dari oder Arabisch – so gar nichts gemein hat, oft nicht einmal die Schrift und die Schreibrichtung. Meine ersten Deutschunterrichts-Einheiten waren für die Kinder. Die lernen schnell, sind neugierig und hatten, bis es Arbeit und Fleiß verlangt, auch großen Spaß.

Als im Laufe des Frühjahrs immer mehr Kinder in die „richtige“ Schule gehen durften und somit kaum mehr Kinder zu den freiwilligen Deutschstunden kamen, tauchten die Mütter auf, die oft Analphabetinnen waren. Wir begannen also mit der Schrift  und der Schreibrichtung, ich suchte nach Wörtern und Texten mit mehr oder wenigeflüchtlinger alltagsbezogenen Szenen, aber es bleibt immer, wie praxisnah auch die Texte sein mögen, eine Schulsituation.  Und die ist für Erwachsene allgemein – psychologisch gesehen – schwer auszuhalten. Besonders für Männer, die sich aufgrund ihres Rollenverständnisses nicht genauso in die „Schule“ begeben möchten wie ihre kleinen Kinder. Deshalb kommen meistens nur Frauen. Nun lernen aber Erwachsene  langsamer und so ist nach anfänglichem Spaß irgendwann „Schule“ anstrengend und vor allem frustrierend, weil einfach wenig hängen bleibt. Man plagt sich mit der Sprache (und damit auch mit der neuen Welt), die einem fremd bleibt, die Schulsituation verstärkt den Eindruck von trockener Theorie. Grammatik und das Lernen von Vokabeln hat im Camp außerhalb der „Schulstunde“ keinen Platz. Nicht, weil man keine Zeit hätte, nicht nur, weil es schwierig ist, Ruhe und Muße zu finden, sondern auch weil man die Sprache nicht anwenden muss. Man bleibt unter sich und für schwierige Situationen gibt es Dolmetscher. Also sitzt der Geflüchtete in der „Deutschstunde“ und schreibt und liest und hofft, dass man es sich bis zum nächsten Mal merkt. Und je ergebnisloser das Lernen ist desto weniger Spaß hat man am Unterricht und der Teufelskreis beginnt …. so jedenfalls meine Erfahrung.

Alphabetisierung von Erwachsenen ist noch ein wenig schwieriger, weil man auf dem Niveau von Kleinkindern beginnen muss – das fängt bei der Schreibrichtung an, das geht über Vokale, die man nicht „hört“, weil man sie nicht kennt,  und dann auch nicht schreibt (es kommt  so zu einer Anhäufung von Konsonanten) img_0777 und endet, wo in Büchern und Materialien Worte und Sätze stehen, die dem kindlichen Niveau entsprechen, aber nicht den Alltagsgepflogenheiten von Erwachsenen. Also sucht man in der Welt der Erwachsenen  Situationen wie  Brotbacken oder Einkaufen.  Aber selbst mit dem  schönsten Foto-Back-Buch bleibt das virtuelle Brotbacken  mit Mehl, Milch, Ei, Salz und Zucker  eine Schulsituation.

Dies brachte mich auf die Idee, dass wir für Erwachsene einen praxisorientierten Weg finden müssen, weg von der praktizierten Schulsituation (und sei sie noch so aufgelockert).

Um Sprache und Schrift in den Köpfen von Erwachsenen konstant zu verankern, muss man Situationen schaffen, die ihnen bekannt sind, wie z.B. Einkaufen, Kochen, zum Friseur gehen oder Picknick machen. Am schnellsten geht so etwas in Rollenspielen – also Theater. Bei dieser Gelegenheit kann man auch den meist starren Rollenverteilungen – Frau = Küche, Mann= Öffentlichkeit – ein wenig zu Leibe rücken. D.h., jeder Teilnehmer kann nach Talent, nach Fähigkeiten, seine Rolle finden – und dies am besten erst einmal mit „Hand und Fuß“ . Auf diese  Weise werden immer mehr Worte, Sätze und Redewendungen gelernt, ebenso wie die Schrift. Das Rollenspiel ermöglicht es, auf einfache und spielerische Weise eine Sprache zu erlernen und zu üben. Da es dem menschlichen Gehirn nicht möglich ist, zwischen Rollenspiel und Realität zu unterscheiden, wird diese Methode oft in therapeutischen Anordnungen angewendet. Das Spiel koppelt die Sprache und die dazugehörige Situation auf emotionale Art und Weise und führt somit zu einem erleichterten Abruf der Lerninhalte. Und auf diese Weise können auch Kulturstandards der jeweiligen Länder leichter mit einfließen und transparent gemacht werden.

Der Idee war geboren – wir gründen eine Theatergruppe, die sowohl aus Geflüchteten als auch aus interessierten Berliner Bürgern besteht. Es werden Alltaimg_5955gssituationen nachgestellt und kreativ weiter entwickelt werden und so kann für beide Seiten eine Vermittlung von Kultur und Sprache auf spielerische Weise, aber auf Niveau von Erwachsenen geschehen. Aus dieser Arbeit werden dann kleine Szene/Sketche erarbeitet, die „öffentlich“ aufgeführt werden können.

Dies ermöglicht auch ein gegenseitiges Kennenlernen und den Abbau von Berührungsängsten, eine intensivere Kenntnis der Lebensläufe, der Beweggründe, weshalb sie ihr Heimatland verlassen  haben –  und auf der anderen Seite ein Kennenlernen unserer Kultur, unserer „Werte“. Kurz: dieser Dialog könnte eine große integrative theater1Kraft entwickeln.

Ab Januar 2017  geht’s los und ich bin sehr gespannt, was sich daraus entwickelt.

Bleiben Sie neugierig, ich bleibe es ganz sicher

go

Fotos (c) mw

 

 

 

 

4 Kommentare

  1. Liebe „go“ – das ist grandios! Ich drücke allen Beteiligten die Daumen. Wieder einmal: Energie und Tatendrang und Nichtaufgeben und ganz viel Einfühlungsvermögen – ach gäbe es noch viele „go“s….!

  2. Monika

    Wie kommt es nur, dass mir der Beitrag bzw. sein Tenor so hart und ohne Empathie erscheint? Wir – mit unserem Selbstverständnis – sind die Guten; die weniger Guten sind die Geflüchteten, die unsere Angebote nicht annehmen. Bequem sind, faul sind, Anstrengungen nicht mögen. So ist die Botschaft dieses Beitrags. Und selbst wenn „Verständnis“ formuliert wird, scheint es mir, als sei das nur vorgeschoben.
    Die Flüchtlinge leben in vielen Fällen in mehr als beengten Verhältnissen – wo sollen sie konzentriert lernen, üben können? Wie viel Energie ist verbraucht worden von den bisherigen Erlebnissen, auf der Flucht und hier in Deutschlang. Wie viele sind traumatisiert?Wer von uns Erwachsenen geht so leichtfüßig wieder zur Schule, wie es hier von den Flüchtlingen erwartet wird? Wie sehr lastet die ungewisse Zukunft auf ihnen und absorbiert Konzentration? Und wenn Frauen in den Unterricht kommen, dann ist das ein großer persönlicher Fortschritt für viele Frauen – finde ich zumindest.
    Und: Dass es ehrenamtliche „Lehrer“ gibt, ist eine große Sache. Aber man möge doch auch bedenken, dass es – um lehren zu können – einiges an didaktischem Grundwissen bedarf. Ob das mit Lehrbüchern dieser Art zu kompensieren ist? Gerade wenn es um Analphabeten geht? Mich bedrückt der Beitrag. Auch wenn die Lösung, mit Hilfe von einem Theaterspiel die Sprache zu vermitteln, sicher eine gute ist. Die Tendenz allerdings, die diesen Beitrag begleitet, kann ich deswegen doch nicht vergessen.
    Monika

  3. Werner

    Liebe Monika, wie schön, dass Sie bei aller harschen Kritik doch wenigstens etwas guten Willen bei obigem Beitrag vermuten. Wie schön wäre es, wen sie Ihre –vermutlich ja viel positiveren-Erfahrungen bei der ehrenamtlichen Betreuung von Flüchtlingen im letzten Jahr hier mitteilen. Dann könnte sich ein Gespräch auf Augenhöhe ergeben. Wo lasen sie denn „faul, bequem usw.“? Projizieren sie da Ihre Vorurteile über die Menschen, die wir „geschenkt bekommen haben“ (Göring-Eckhardt) hinein? Haben sie schon mal was von interkulturellen Unterschieden in der Problembewältigung gehört? Und dazu gehört nun mal, dass man im arabischen Raum nie „nein“ sagt und unbedingt, auch bei eigenen Fehlern, das Gesicht gewahrt werden muss, und sei es mit einer Lüge („Aberu“ im Persischen). Das ist bei den Chinesen übrigens auch so. Im iranischen Kulturkreis gilt z.B „Tarof“ als geschickte Kulturtechnik, in dem z.B. man höfliche, aber nie ernstgemeinte Angebote macht. Das wussten wir (auch meine Frau und ich haben eine Patenschaft) z.B. auch nicht bei „unserer“ vierköpfigen iranischen Familie, die wir seit Mai 2016 intensiv begleiten und die den Heiligen Abend bei uns verbrachte. Sie werden nun gleich wieder „Rassismus“ schreien, so aber einfach ist das Zusammenleben mit anderen Kulturen nicht. Ich habe gemerkt: Lesen bildet. Und das Internet bietet reichliche Informationen zu anderen Kulturen. Ich warte nun auf Ihren Bericht aus ihren Ehrenamt!

  4. Monika

    Ihre Kritik scheint mir ein wenig wohlfeil. Bedeutet sie doch u.a., dass Kritik nur der üben darf, der eigene Ehrenamts-Erfahrungen hat. Habe ich nicht! Schlimm, nicht wahr? Und trotzdem schreibe ich, was mich bei diesem Artikel bedrückt. Und dass Sie mir unterstellen, ich würde mich nicht mit anderen Kulturen beschäftigten (so lese ich Ihre Bemerkung), ist ein wenig übergriffig. Sie werden es nicht glauben, aber einer unserer Trauzeugen ist Perser und seine gesamte – ziemlich – große Familie begleitete uns – und begleitet uns noch – durch all die Jahre bis jetzt. Samt Freunden, die alle aus einem anderen Kulturkreis kommen. Zu kritisieren bedeutet nicht zugleich, ignorant zu sein. So einfach ist das!
    Die Worte „höflich gelogen“ und „Schuld auf andere schieben“ sind in Ordnung, meinen Sie. Ich meine das nicht.
    Monika

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: