Berlin ab 50…

… und jünger

Hommage an (m)eine Gaslaterne

Meine Gaslaterne heißt offiziell LM4 und wir kennen uns seit über 40 Jahren, so lange nämlich wie ich hier wohne. Wahrscheinlich aber steht sie schon sehr viel länger dort. Sie begrüßt mich, wenn ich abends nach Hause komme, manchmal auch erst nachts und in wenigen Fällen tat sie das sogar, wenn der Morgen bereits graute.

LM4 in den 1980-ern mit Cadillac

Manchmal streikte sie auch, blieb tagelang dunkel oder sie leuchtete einfach tagsüber weiter, so lange, bis sie von einem dafür zuständigen Monteur wieder zur Ordnung gebracht wurde.

Vielleicht war sie es mit ihrem schimmernden, schon von Ferne sichtbaren Schein, die manchmal sentimentale Gefühle in mir auslöste. Bei der Rückkehr von Dienstreisen beispielsweise, dann, wenn ich aus einem anderen Land wieder nach Hause kam, mit meinem Köfferchen den kurzen Weg von der S-Bahnstation die Straße hinunter lief und sie als Zielpunkt ausmachte. Ihr Gaslicht – von weitem noch verschwommen im Nebel oder verwaschen im strömenden Regen.

Auf diesen letzten Metern fragte ich mich dann, warum ich gerade hier meine Wurzeln habe und nicht woanders, dort vielleicht, wo ich gerade herkomme und wo es auch Laternen gibt, nur eben andere.

Im Jahr 1906 hatte man den Stadtteil angelegt und damit auch dessen Straßen und Plätze, und zu deren Beleuchtung Gaslaternen aufgestellt. Fortschrittlich für die damalige Zeit war die stadtumspannende Verlegung eines Gasrohrnetzes, das heute noch in großen Teilen in Betrieb ist. Das bestätigten mir die Bauarbeiter, die gelegentlich Abdichtungen an den Rohren vornehmen: Ja, das Gasnetz sei in die Jahre gekommen, doch generell gegen neue Rohre ausgetauscht werden müsse es dann doch noch nicht. Eine Manschette, ein wenig Dichtmittel, das reiche.

BAMAG U7 – lichtstark auch am Tag

Zurück zu meiner Laterne. Natürlich bin ich nicht ihr Eigentümer, dennoch gehört sie irgendwie in mein Leben. Einmal war sie von einem Auto angefahren worden, und seitdem steht sie ein wenig schief. Minimal nur. Passanten und den behördlichen Angestellten der Tiefbauämter fällt das nicht auf, jedoch mir, der ich der Zeuge gewesen war und dessen Blick sich damals besorgt auf die Laterne gerichtet hatte, als Polizei und Feuerwehr damit beschäftigt waren, den betrunkenen Autofahrer und seine demolierte Blechkiste aus dem Verkehr zu ziehen. Wer denkt in einer solchen Situation schon an eine Gaslaterne, von der es tausende gibt.

Als sie einst aufgestellt wurde, war sie ganz sicher noch hübscher als heute. Damals nämlich trugen die Berliner Laternen den sogenannten Schinkelaufsatz, sechseckig mit Palmettenverzierungen. Irgendwann einmal, in den 1950-er Jahren, hatte man viele der alten Leuchtaufsätze entfernt und gegen einen schnöden Aufsatz Typ BAMAG U7 ausgetauscht. Eigentlich ein Stilbruch, doch wer interessiert sich schon dafür. Ihr gusseiserner Bündelpfeilermast, so die offizielle Bezeichnung, war ihr immerhin geblieben.

Als Kinder waren wir mit den alten Berliner Gaslaternen ziemlich ruppig umgegangen. Unsere ersten Kletterversuche fanden an ihnen statt, und die Laternenmasten mit ihren Wülsten forderten sogar dazu heraus. Sie waren ideale Steighilfen. Einmal oben angekommen, rüttelten wir am Laternenkopf, um sie zum Zünden zu bewegen, was sie gelegentlich auch taten. Heute weiß ich – sie wollten uns nicht enttäuschen.

Erst Umrüstung – dann doch nicht

Jetzt, im Jahr 2017, geht es meiner alten Laterne an den Kragen. Parkverbotsschilder wurden aufgestellt und rot-weiße Absperrungen. Die Gaslaternen werden elektrisch umgerüstet. Das hatte ich natürlich längst erwartet, denn, so lautet ein Beschluss, dass der Mensch was lernen muss, nämlich, mit Energie sparsam umzugehen. Eine Gaslaterne „frißt“ pro Jahr Erdgas im Gegenwert von über 300 Euro, und dass es so verschwenderisch nicht weitergehen kann, müssen selbst die Gegner dieser Umrüstung einsehen, ja sogar meine Gaslaterne selbst.

Man hat sich viel Mühe gegeben, das Ergebnis der Umrüstung so erscheinen zu lassen wie das gasbetriebene Original, was auch gelungen ist. Die neuen, den kleinen Glühstrümpfen nachempfundenen Leuchtdioden sind vom Original nicht zu unterscheiden.

Freundliche Bauarbeiter, mit der Umrüstung beauftragt, berichteten mir, auch die alten Laternenmasten müssten ausgetauscht werden, sie seien durchweg sanierungsbedürftig, jedoch kämen wieder gleiche zum Einsatz, generalüberholt, sandgestrahlt und mit neuem Anstrich.

Das beruhigt mich, auch wenn ich bedauere, dass meine Laterne am Ende nun doch eine andere werden wird und nicht mehr die altvertraute, die mir bei Wind und Wetter heimgeleuchtet hatte.

Adieu, liebe LM4, du warst eine aufrechte, treue Begleiterin.

PB

P.S. LM ist eine Amtsbezeichnung und heißt Lichtmast. Und alles ist ganz anders gekommen: LM4, 5, und 6 wurden nicht ersetzt und sind spurlos verschwunden. Was bleibt sind Dunkelheit und Leere.

Fotos(c) PB

Ein Kommentar

  1. A,M.

    Eine hübsche kleine Geschichte, herzerwärmend sozusagen.
    Trotzdem oder gerade einige weitere Fakten zur Ehrenrettung der Gaslaterne: Sie ist keineswegs ein eine Geldvernichterin: Z.B. Eine Gaslaterne hat eine Lebensdauer von 80 – 100 Jahren. Elektrische dagegen nur zwischen 20 und 40 Jahren, je nach Ausrüstung. Wäre Ihre Gaslaterne eine elektrisch betriebene gewesen – Sie hätten schon längst das Totenglöckchen läuten müssen. Verschmutzung durch tote Insekten – gibt es nicht bei Gaslaternen. Und von den Kosten der Umrüstung und deren Amortisation reden wir erst gar nicht.
    Aber reden sollten wir darüber, was Berlin als Stadt verliert, wenn es seine Gasbeleuchtung einstellt. Nicht nur Sie, lieber PM, sondern wir alle.
    A.M.

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