Berlin ab 50…

… und jünger

Berlin ist, wenn man hinsieht

Zur Zeit fällt mir immer wieder ein Plakat im Straßenbild auf. Ein etwas verwahrlost wirkender Mann mit zerzaustem Bart und verstrubbelten Haaren schaut mit großen Augen aus dem Bild. Es ist ein Spendenaufruf zur Unterstützung Obdachloser im Winter. Betitelt ist das Bild mit der Zeile: Berlin ist, wenn man hinsieht, wo andere wegschauen. Dazu fällt mir eine Szene auf der Berlinale des letzten Jahres ein:

Man merkt es sofort, es ist Berlinale-Zeit. Die Potsdamer Platz Arkaden hallen wider von geschäftigem Treiben. Menschen schlendern oder hetzen durch die Halle, je nachdem, was sie antreibt. Ich mag diese Stimmung am Potsdamer Platz. Sie wirkt international und weltstädtisch. Ich versuche zu erkennen, wer zur Berlinale hier ist. Bei manchen ist es leicht. Sie haben einen Akkreditierungsausweis umgehängt, eine Berlinale-Tasche geschultert oder ein Programmheft in der Hand. Die eher existentiell wirkenden, meist dunkel gekleideten Menschen und auch die perfekt gestylten Menschen ordne ich der Berlinale zu. Bei manchen ist es schwieriger. Die Passanten mit Einkaufstüten in der Hand oder die einfach nur „normal“ aussehen und herumschlendern, lassen sich nicht so einfach zuordnen. Überall sitzen Menschen, die in ihren Handys scrawlen, telefonieren, essen, im Programmheft blättern und suchen, manche unterhalten sich. Neben mich setzten sich zwei junge Männer auf die Bank, beide mit ihren Handys beschäftigt.

Mir gegenüber auf einem Sitzplatz entdecke ich einen jungen Mann. Kurze braune Haare, Vollbart. Er hat ein Bein über das andere geschlagen. Seine Haltung ist gebeugt. Neben ihm auf der Bank liegt ein aufgeschlagenes Programmheft. Er zieht das Heft mit seiner linken Hand unter der Rechten hindurch, bis der untere Rand seine Fingerspitzen berührt, dann dreht er das Heft ganz schnell um und fängt von vorne an, zieht es mit der linken Hand, der untere Rand berührt die Fingerspitzen, umdrehen. Immer wieder. Immer wieder. Schnelle Bewegungen. Nun bemerke ich, dass er mit sich selber redet. Auch schnell, auch die ganze Zeit. Langsam dämmert es mir, dass er anders ist. Bei näherem Hinsehen stelle ich fest, dass seine Kleidung verwahrlost wirkt. Ist er ein Obdachloser, der sich hier aufwärmt? Nun lässt er sein Heft in Ruhe und rollt einen Streifen Papier durch seine Finger. Auch immer wieder, auf und zu, immer wieder. Dabei schaut er sich um. Sein Blick wirkt gehetzt und zutiefst verletzt. Plötzlich fällt ein Schatten auf ihn. Er blickt auf und erkennt einen großen, stämmigen Mann vom Service Personal, der breitbeinig vor ihm steht. Dieser spricht kurz mit ihm und schon steht der junge Mann auf und bewegt sich zum Ausgang. Beim Gehen zieht er ein Bein etwas nach, der Rücken ist gebeugt. Immer wieder schaut er über die Schulter. Nun wirkt er noch verlorener als eben. Der Security-Mann folgt ihm bis zum Ausgang, bleibt kurz stehen und geht ihm dann doch noch hinterher, ganz so, als wolle er sich vergewissern, dass er auch wirklich nicht wieder kommt. Die beiden jungen Männer neben mir spielen weiter mit ihren Handys. Keiner hat etwas bemerkt.

Hoffen wir, dass Berlin wirklich anders hinsieht.

Ihre AvS

Fotos(c) AvS, PB

Ein Kommentar

  1. Moni

    Das ist eine merkwürdige Geschichte. Oder ist es gar keine, sondern sind es nur Gedankensplitter? Vom Plakat zur Berlinale, vom traurigen Elend in unserer Stadt zu den angeblich „existentiell“ gekleideten Berlinale-Besuchern – das ist gewiss eine Widersprüchlichkeit, mit der aber alle Großstadtmenschen leben müssen.
    Und wer hat hingeschaut? Der Sicherheitsservice, der noch dazu „breitbeinig daher kommt! Und die Verfasserin. Die darüber eine Geschichte geschrieben hat.
    Die Botschaft des Plakats ist aber wohl doch noch eine andere: Hinschauen und etwas zu tun versuchen.
    Vielleicht verstehe ich die Geschichte nicht.
    Moni

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