Berlin ab 50…

… und jünger

Sammeln – die Isolation

Können Sie sich noch an die Telegrafenleitungen erinnern? Sie liefen meist an den Landstraßen oder den Eisenbahnstrecken entlang und wenn man aus dem Fenster des fahrenden Zuges schaute, geriet man leicht in den Rhythmus der aufsteigenden und abfallenden Drähte. Auf – ab – auf – ab…

Die durchhängenden Kabel waren an Porzellanhütchen befestigt, welche auf den Telegrafenstangen saßen wie weiße Spatzen. Oft zwölf, sechzehn oder mehr. Manchmal hatte man am Straßenrand Arbeiter gesehen, die mit Hilfe von Steigeisen auf die Masten kletterten, neue Leitungen zogen oder defekte Drähte austauschten. Die hölzernen Masten rochen nach Teer und im Sommer, bei großer Hitze, bildeten sie schwarze, klebrige „Schweißtropfen“. Das aber kümmerte die stolzen weißen Spatzen, die Isolatoren, nicht. Sie thronten weit oben und genossen den Blick in die Ferne.

Irgendwann müssen die Telegrafenleitungen klammheimlich verschwunden sein, denn heute sieht man sie kaum noch. Die Telefongespräche und Daten werden als digitale Impulse mit Glasfaserleitungen, die unter der Erde liegen, übertragen oder gleich drahtlos über Richtantennen, die auf Gittermasten oder Hochhäusern montiert sind.

Als man die Drähte durchschnitt und die Telegrafenmasten fällte, fielen einige der weißen Isolatoren ab, kullerten in den Graben und entgingen so einem Schicksal, welches man Entsorgung nennt, obwohl ihre Existenz wohl kaum jemandem Sorge bereitet hätte. Wie man Porzellanisolatoren umweltschonend „entsorgt“ weiß ich nicht, doch da sie keine Giftstoffe enthalten ist anzunehmen, dass sie einfach auf eine Müllkippe geworfen werden. Nicht aber jene, die sich im Graben, im hohen Gras, haben verstecken können.

Da blitzte ein solcher Isolator hervor, als ich vor über 30 Jahren an einem stillgelegten Bahndamm entlang ging, irgendwo in Österreich auf einer Urlaubsreise. Mein Sohn und ich machten uns öfter auf die Suche nach irgendwelchen Resten, aus denen man etwas basteln konnte. Ein Schiff aus einem Stück Rinde, einen Drachen aus Holzstäben und einer Plastiktüte. Auch den Porzellanisolator würde man sicherlich irgendwann einmal gebrauchen können, doch bis dahin landete er erst einmal als Briefbeschwerer auf meinem Schreibtisch. Er hatte eine interessante Form und sah dekorativ aus.

Sie erraten es natürlich schon: Es blieb nicht bei dem einen. Am Teltowkanal bei Kohlhasenbrück fand sich ein zweiter, ganz anderer, mit dem Signum der Königlich Preußischen Porzellanmanufaktur, KPM. Ja, tatsächlich stellen große Porzellanmanufakturen nicht nur edles Tafelgeschirr her, sondern auch Industrieporzellan. Warum auch nicht. Weitere Stücke kamen von der Manufaktur Rosenthal und von anderen, mir damals noch nicht bekannten Herstellern.

Die Sammlung wuchs, in meinem Büro fand sich ein geeignetes Wandbord zum Aufstellen und irgendwann wurden die Kollegen aufmerksam und brachten weitere Fundstücke mit, die sie meist mit einem süffisanten Lächeln überreichten. Ein etwas seltsamer Sammler, der Herr Kollege. Briefmarken, Münzen – das hätte man ja verstanden…

Falls Sie mich jetzt ebenfalls für etwas schrullig halten, so muss ich Sie warnen: Sie werden Ihre Meinung revidieren müssen.

Irgendwann einmal kam die Reporterin einer großen Frankfurter Tageszeitung in mein Büro, um mich zu dem besonderen Erfolg des Unternehmens, für das ich tätig war, zu interviewen. Bei dem kurzen Vorgespräch deutete sie auf mein Regal und fragte: „Was ist das?“.

Isolatoren“, so antwortete ich wahrheitsgemäß, und was dann folgte, war ein Interview über das seltsame Hobby, welches dieser Mitarbeiter jener erfolgreichen Firma in seiner Freizeit ausübt. Wie die Geschäftsleitung auf das Interview reagierte, als es kurze Zeit später in der Zeitung erschien, ist mir im Einzelnen nicht bekannt, doch ich glaubte, eine gewisse Reserviertheit zu spüren, wenn ich jemandem aus der Vorstandsetage auf dem Gang begegnete. Man hatte wohl etwas anderes erwartet.

Zurück zur Sammelleidenschaft. Die Isolatoren vermehrten sich wie von selbst in ihren vielfältigen Formen, Bezeichnungen und Materialien. Es gibt welche aus Porzellan, Keramik, Glas, mit unterschiedlichen Aufschriften, Bezeichnungen, Herstellungsjahrgängen und Herkunftsländern. Deutschland, Europa, Amerika und Asien… die Kollegen brachten sie stolz von ihren Privat- und Dienstreisen aus aller Welt mit und es entstand ein gewisser Wettbewerb, wer wohl den am weitesten entfernten Fundort verzeichnen kann. Ein Isolator aus Kuba, der laut Signatur in Thailand hergestellt ist oder einer vom Heiligen Berg Athos, der aus DDR-Produktion stammt – das ist interessant…, doch keine Angst – ich erstickte nicht in Isolatoren. So weit kam es nicht.

Als ich die Firma später verließ, wanderte meine Sammlung, in Pappkartons verpackt, in den Keller. Es gab keinen geeigneten Platz dafür. Meine Frau hatte jeden Gedanken, sie in unsere Wohnung zu verlagern, mit einem leichten Anheben der Augenbrauen im Keim erstickt. Nach Jahrzehnte langer Ehe wusste ich meine Chancen realistisch einzuschätzen.

Zehn Jahre später kam der Entschluss, die Sammlung aufzugeben. Längst hatte ich von einem Sammler erfahren, ungleich größer als ich, der ein Isolatorenmuseum in der schönen Stadt Lohr am Main betreibt. Als Sammler erfährt man schließlich voneinander, und ich hatte sein Museum vor Jahrzehnten, am Anfang meiner Leidenschaft, sogar einmal besucht. Heute ist das Museum mit seinem damaligen Stand kaum mehr zu vergleichen. Es handelt sich um das umfänglichste Isolatorenmuseum Europas, auch, wenn es bisher „nur“ in einem Transformatorenhäuschen untergebracht ist, jedoch erweitert mit einem „Isolatorengarten“ rundherum. Man trifft sich dort, aber auch in anderen europäischen Städten, mit Sammlern aus der ganzen Welt zu Tauschbörsen und zeigt seine Schätzchen. Das Bemerkenswerte ist, es geht nicht um Geld. Man tauscht aber verkauft nicht. Das ist der Ehrenkodex der Isolatorensammler, zumindest derer in Europa, von denen derzeit ca. 35 bekannt sind.

Als ich dem Museumsbetreiber und selbst leidenschaftlichem Sammler meine Isolatoren anbot, war er sofort begeistert. Als Tauschobjekt bekam ich eine Flasche Frankenwein und ein wunderbar gestaltetes Buch über die spektakuläre Isolatorensammlung eines Hochschulprofessors mit Anekdoten über seine teilweise halsbrecherischen Abenteuer, die er beim Sammeln und Erklettern von Masten und Fassaden erlebt hat.

Ich habe meine Meister gefunden, auch wenn ich vor über 30 Jahren wahrscheinlich zu den Pionieren der Isolatorensammler gehörte, freilich ohne es geahnt zu haben.

 

Morgen kommen wir dann eisern sammelnd zum Schluss.

Ihr PB

Fotos(c) Isolatorenmuseum Lohr am Main, PB

 

2 Kommentare

  1. I.A.

    Was für eine schöne Geschichte und noch dazu mit einem glücklichen Ende, mein Sammlerherz bebt!
    I.A.

  2. PB

    Danke,
    beben Sie weiter, doch verraten Sie uns bitte noch was Sie alles sammel(te)n.
    Ihr PB

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