Berlin ab 50…

… und jünger

Sammeln – der eiserne Wille

War hier mal was?

Begonnen hat alles in den 1980-er Jahren auf einem Spaziergang durch den Düppeler Forst. Genau genommen auf der Trasse der ehemaligen Friedhofsbahn, die von Wannsee zu den Stahnsdorfer Friedhöfen fuhr. Die nur eingleisige Nebenstrecke war mit dem Mauerbau im Jahr 1961 stillgelegt worden, die morschen Bahnschwellen 25 Jahre später  längst von Bäumen und Büschen durchwachsen. Die Natur holte sich ihr Territorium zurück.

Nichts als Schotter

Den Blick zu Boden gerichtet lief ich mit der von den Bahnschwellen vorgegebenen Schrittlänge und entdeckte dabei in jeder der Schwellen einen kleinen, eisernen Nagel. In deren Köpfe war immer die gleiche, zweistellige Zahl eingeprägt, nämlich die des Jahres, in welchem die Schwellen verlegt worden waren. In diesem Fall die Zahl 37. Die Strecke war zwar schon im Jahr 1913 in Betrieb genommen worden, doch waren die Gleise im Jahr 1937 offensichtlich erneuerungsbedürftig, so dass man sie ausgetauscht hatte.
Ich zog einige der Nägel mit den Fingern heraus, was relativ leicht zu bewerkstelligen war, weil, wie erwähnt, das Holz der Schwellen schon teilweise vermoderte. Schöne Nägel waren das, wie von Hand geschmiedet mit einem Vierkantschaft  und einem runden, angeschmiedeten Kopf, der eben die Jahreszahl trug. Zu irgend einem Zweck würde ich die Nägel sicherlich gebrauchen können. So wanderten sie erst einmal in eine Blechdose im Keller.

Stillgelegt

Damals waren viele S-Bahnstrecken, die unter DDR-Verwaltung standen, von einer Stilllegung betroffen, sie verwahrlosten und die Bahngelände waren frei zugänglich. So entdeckte ich manch weitere Bahnschwelle, die irgendwo herumlag und der ich ihren Jahresnagel stahl. Bald konnte ich gar nicht mehr anders, als beim Anblick von Bahnschwellen, die auch oft als Stufen oder Einfriedungen in Parkanlagen ihre Zweitverwendung gefunden hatten, nach dem Nagel zu suchen, und ein Schweizermesser, um sie herauszupolken, hatte ich mir längst eingesteckt.  So wurde die Blechbüchse schließlich voll von Nägeln verschiedener Jahrgänge. Als ich meine kleine Sammlung einmal einem Freund zeigte, wurde auch der angesteckt und begann zu suchen. Und wer sucht der findet, wie später auch Kollegen und entferntere Bekannte. Sie bildeten sogar Gruppen, die an den Wochenenden stillgelegte Güterbahnhöfe, das Schöneberger Südgelände oder die Gleise des ehemaligen Anhalter Bahnhofs nach Nägeln absuchten.

1908

Es entstanden Konkurrenzen, wer den ältesten Nagel erbeuten würde. Man scharrte in der Erde, fand verrostete Nägel, kratzte mit Drahtbürsten daran herum, um die Jahreszahl freizulegen. Nicht immer gelang die Flucht vor der misstrauischen Bahnpolizei, doch die Polizisten hatten Verständnis, als man ihnen die harm- und wertlose Beute präsentierte. „Aber um Gottes Willen nicht die befahrenen Gleise betreten!“, so mahnten die freundlichen Polizisten. Sie hielten sie die Sammler für harmlose Irre, was irgendwie auch stimmte.
Auch im Ausland wurde gesucht, und so brachte mir ein Freund, der im Entwicklungsdienst arbeitete, sogar einen Nagel aus Togo mit.
Irgendwann einmal war meine Sammlung auf Hunderte von Jahresnägeln angewachsen, manche davon über hundert Jahre alt. Doch einige Jahrgänge ließen sich einfach nicht auftreiben. Die nämlich, in denen keine Bahnstrecken gebaut oder erneuert wurden. So fehlen die Jahrgänge des Weltkriegs 1914-18 und die darauf folgenden Hungerjahre bis etwa 1925 und die Jahrgänge ab 1940 bis 1949.
Eine Häufung hingegen gab es Ende der 1930-er Jahre,  als viele Bahnstrecken und auch die Autobahnen gebaut wurden. Wie man heute weiß keineswegs nur für friedliche Zwecke.
Mit Beginn der 1970-er Jahre war es vorbei mit den hölzernen Eisenbahnschwellen und damit auch mit den Jahresnägeln. Von da an wurden nur noch Betonschwellen verbaut, auf denen übrigens ebenfalls eine Jahreszahl erkennbar ist, nur eben als Abdruck und nicht mehr als Nagel.  Und da eben fand auch meine Sammlung ihr Ende.
Heute umfasst sie nur noch zwei Hände voll. Die Nägel sind teilweise als „Geburtstagsnägel“ verschenkt oder zu künstlerischen Zwecken verwendet worden. Wie gesagt: Jede Leidenschaft hat einmal ein Ende und damit auch diese kleine Serie.

Ihr PB

Fotos(c) PB

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: