Berlin ab 50…

… und jünger

Eine vergessene Porzellanmanufaktur

„Kennen Sie Schomburg?“ wollte ich sofort PB fragen, als ich mit großer Begeisterung seinen Bericht über die Sammlerleidenschaft für Isolatoren las. Mir fiel spontan eine Ausstellung im Tiergarten ein, die vor über 20 Jahren unter diesem Motto stand. 1996 zeigte das Heimatmuseum in der Turmstraße eine stadthistorische Ausstellung des außerordentlich engagierten Museumsleiters Bernd Hildebrandt zu der in Vergessenheit geratenen Porzellanmanufaktur Schomburg am Spreebogen in Alt-Moabit. Carl Schomburg gründete hier 1853 -westlich von der Porzellanmanufaktur F.A. Schumann (auf ihrem Gelände baute nach 1886 die Meierei Bolle ihre Auslieferungszentrale)- eine Porzellanmanufaktur. Neben Haushaltsgeschirr wurde sehr bald auch Elektroporzellan hergestellt, denn die Entwicklung von Telegrafie, Telefonie (ab 1881) und Elektrizität hatten eine gewaltige Nachfrage nach Isolatoren geschaffen. Isolatoren in allen Formen und Größen wurden von Schomburg bis 1902 an der Spree produziert. Bereits 1848 hatte Werner Siemens Porzellan als geeignetes Material vorgeschlagen, es dauerte doch noch einige Zeit, bis Porzellan sich gegenüber anderen Materialien durchsetzte.

Die unglaubliche Vielfalt an Isolatoren, die in der Ausstellung gezeigt wurden und die sicher noch im Depot lagern, entstammte dem Grund der Spree. Hildebrandt gelang es, bei der Räumung des Schumann Grundstücks – hier entstand Anfang der 90iger Jahre der Focus-Teleport als Standort für Technologiefirmen- die Bauleitung zu überzeugen, Fundstücke aufzuheben. Als das Spreeufer mit Wasserbaggern bearbeitet wurde, kamen ungeahnte Schätze zum Vorschein-die Spree war die Müllhalde von Schomburg. Der Tauchclub Berlin schickte auf Anfrage zwei Taucher. Bei der Fülle der Funde kam die Idee auf, die Geschichte von Schomburg, die hier zwischen 1853 und 1902 Industrieporzellan herstellten, zu erforschen. Die Firmengeschichte, aber auch die schweren Arbeitsbedingungen der Arbeiter, die eine Lebenserwartung von nur 40 Jahren hatten (Staublunge) und der Kampf um soziale Sicherheit wurden in der Ausstellung thematisiert. 1902 musste die Firma wegen der Beschwerden der Berliner (Dreckschleuder) nach Sachsen aufs Land umsiedeln. Übrigens gibt es auf Anregung eines Schomburg-Nachfahren seit ca. 1960 eine Schomburg Straße in Marienfelde.

Das erst 1987 gegründete Heimatmuseum Tiergarten fiel der Bezirksfusion zum Opfer, Bernd Hildebrandt ging 2004 in den vorzeitigen Ruhestand. Seit 2004 ist das Tiergartenmuseum gemeinsam mit dem Weddinger- und dem Alt- Berliner Heimatmuseum im neu gegründeten „Mitte-Museum“ in der Pankstraße vereint. Das Museum im denkmalgeschützten Schulgebäude von 1864 ist seit Frühjahr 2016 für zwei Jahre wegen Sanierung geschlossen. Vielleicht kann die Ausstellung nach Wiedereröffnung noch einmal gezeigt werden? Ein seltenes, aber die Bedeutung Berlins als Wiege der Elektrotechnik schön illustrierendes Sammelgebiet sollte den Berlinern nicht vorenthalten werden.

Meint mw

 

Ein Kommentar

  1. PB

    Danke für den ergänzenden Beitrag zu meinem Artikel über das Sammeln alter Isolatoren. Beim Lesen des sehr detaillierten und lehrreichen Ausstellungskatalogs „Kennen Sie Schomburg?“ von 1996, den ich vorher nicht kannte, habe ich viel Wissenswertes über „Elektroporzellan“, dessen Geschichte und auch dessen Sammler gelernt. Für einen Moment habe ich fast bedauert, meine – wie ich inzwischen weiß – relativ kleine Sammlung weggegeben zu haben, doch es war die richtige Entscheidung. Inzwischen ist sie Teil einer historisch wertvollen und museal präsentierten Kollektion, worauf ich sogar ein bisschen stolz bin.
    Im Moment hat es den Anschein, als würde ich vom „Isolatorenjäger“ zum Forscher mutieren :-))
    PB

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