Berlin ab 50…

… und jünger

Bin ich nun wirklich alt?

Eigentlich hatte ich bisher das Gefühl, ich sei üblicher Durchschnitt, was meine Einstellung zum meinem Alter betrifft. Über 70 und damit eben in einem Alter, in dem Geist und Körper sich erschöpft fühlen.

Wenn ich jetzt aber vermehrt Aufforderungen lese wie z.B. diese: Bleiben Sie neugierig! Bleiben Sie dran! oder Sätze wie: Die 70-er sind die neuen 60-er!, dann glaube ich eine leise innere Stimme zu hören: Vielleicht bist Du wirklich alt, Du fühlst Dich keineswegs so neugierig und willst Du auch gar nicht immer „dran bleiben“. Und: „Du denkst doch, dass das alles nur dazu gedacht ist, das Älterwerden schönzureden“.

Denn mich machen die flotten Sprüche eher mutlos, sie verunsichern mich und vor allem: Ich fühle mich unter Druck.

Ich habe mehr als sieben Jahrzehnte hinter mir und ich merke sie: Mein Körper lässt mich häufiger im Stich als mir lieb ist. Und vor allem in einer Weise, bei der mir das Neugierigbleiben ziemlich schwerfällt. Früher konnte ich stundenlang Stadtspaziergänge unternehmen, meinen Kopf verdrehen, um zu sehen, was die Häuserfronten über mir zu bieten haben, Ausstellungen besuchen, die Bilderklärungen lesen, selbst wenn sie wenig kommod platziert waren. Und mich bei allem frei und leicht zu fühlen..

Und heute, in einer Zeit, die mir alle Freiheit lässt, Neues, Unbekanntes, Verändertes zu erkunden, fühle ich mich erschlagen, müde, und ich frage mich, ist es das wert, ändert es etwas an der Tatsache, dass die Zukunft eigentlich keine mehr ist.

Vermutlich werden viele meiner Altersgenossinnen und -genossen ihre Köpfe schütteln über diese Zweifel und Ängstlichkeiten. Aber ich kann das Gefühl nicht loswerden: Vieles passiert – für mich – zu schnell; die Moden (damit meine ich nicht die Kleidermoden) wechseln im rasanten Tempo. Die Ausstellungen, die man unbedingt gesehen haben muss (muss man?), folgen Schlag auf Schlag; der Bücherberg, der unbedingt gelesen werden muss, droht umzukippen, die Filme, die ich immer noch nicht gesehen habe, die Vorträge, die so spannend sein sollen…

Und im Hinterkopf die Mahnung: Bleib dran, nimm teil, bring dich ein, bleib neugierig

Jeden Morgen, wenn ich aufstehe, frage ich mich: Warum lässt mein Körper mich so schnöde im Stich. Denn die Sehnsucht nach alledem, was früher möglich war, bleibt, sie verschwindet ja nicht so einfach, nur weil ich älter, alt werde. Aber offenbar trägt sie mich nicht mehr über die Hürden, die der Körper jetzt setzt.

Noch vor wenigen Monaten war ich begeisterte Läuferin. Zwar kein Marathon und keinen der Stadtläufe, aber immerhin ein – fast – täglicher Lauf von rund einer Stunde in den Straßen von Charlottenburg. Bei jedem Wetter!

Und jetzt, einige Monate später? Nichts geht mehr: Die Knie schmerzen schon beim Gehen, die Füße tragen nicht mehr, die Sehnen sind hart und schmerzhaft. Mit einem Wort: Verschleiß! Und der bleibt! Damit ist das Ende meiner Läuferzeit eingeläutet.

Natürlich: Ich könnte mir sagen, anderen geht es viel schlechter, sind um Vieles mehr gehandicapt. Alles richtig, und vermutlich haben sie dasselbe Gefühl, wenn sie die obigen Aufforderungen lesen.

Ganz leise sagt meine Stimme dann noch etwas: Musst Du wirklich jeder Tanzaufforderung folgen? Ist es nicht auch an der Zeit, dass Du Dich damit auseinandersetzt, wie Dein Leben zu Ende gehen soll? Was Du wirklich noch erreichen willst? Nämlich, Dich mit Dir und dem Leben auszusöhnen und das Gefühl zu gewinnen: Es war gut so, und es ist gut, wie es kommen wird.

I.B.F.

P.S. Vielleicht bin ich auch einfach nur larmoyant? Was meinen Sie?

4 Kommentare

  1. Clara

    Sie haben mir aus der Seele gesprochen. Noch bis vor einem Jahr habe ich Arbeiten verrichtet, die ich heute nur noch unter Schmerzen verrichten kann (Z.B. Gartenarbeiten, Malerarbeiten in meiner Wohnung etc.). Inzwischen kann ich froh sein, wenn ich heil auf´s Fahrrad komme. Sitze ich erst mal drauf, kann ich noch fahren wie ein Weltmeister, nun ja, das ist etwas übertrieben. Aber die Kondition ist noch ganz gut.
    Sei neugierig mit fast 80 (bin ich), gehe mit der Zeit und tu was für die grauen Zellen. Das tue ich zwar nicht immer, aber bei Google & Co. lese ich nach, was ich nicht kenne. Beim Skat- oder Scrabble-Spielen brummt mir zwar manchmal der Kopf, aber ich freue mich über den Erfolg, ein Spiel zu gewinnen. Als Bücherratte (schon in sehr jungen Jahren) lese ich heute leider zu wenig. Dafür stricke ich, wenn im TV ein guter Film läuft.
    Es ist eben Tatsache, dass es für uns Alten keine Zukunft mehr gibt, aber auch wenn man auf viele Dinge verzichten muß, kann man sich jedoch die gegenwärtige Zeit kann noch recht angenehm vertreiben

  2. I.A.

    Heute, nach der „Sternstunde der Philosphie“ (ORF), die unbedingt nachhörenswert ist, hab‘ ich noch ein Stück österreichisches Karnevalsvergnügen verfolgt und gleich am Anfang kamen die Aussagen „Ich möchte nicht mit meiner 70-jährigen Großmutter schlafen, denn
    die ist im Altenheim“ und danach „…nicht off die Großmutter droof…“. Es ist deprimierend, so wird zunehmendes Alter verlustigt von einem ca. 55-jährigen Faschingskönig!? Sehen wir der Sache ins Gesicht: Altwerden ist brutal und kann nicht beschönigt werden durch Sätze wie z..B. „die 70iger sind die neuen 60iger“ etc.. Und, was I.B.F. in ihrem guten, diskussionswürdigen Beitrag anspricht, bedeutet für mich in der Konsequenz: die Akzeptanz des Älterwerdenmüssens und vor allem des Miteinandersprechens, dem Austausch, der Solidarität! In dem Sinne können wir uns, so meine ich, unterstützen und stärken und helfen.
    I.A.

  3. I.B.F.

    Liebe Clara, liebe I.A., auf verwandte Seelen zu treffen, ist schön. Und Ihr beider – leiser und vorsichtiger – Optimismus ist zu bewundern. Es ist wahr, es geht um Akzeptanz des eigenen Alters. Und das ist eine ziemlich schwierige Sache in der „heutigen“ Zeit („heutige Zeit“ – das klingt schon sehr nach „nicht mehr zugehörig sein“, was natürlich nicht stimmt, es ist auch immer noch meine Zeit). Vielleicht ist es ja einfach so, dass es für uns, die wir über 70 sind (und eben nicht 50 und jünger), keine „Bühne“ gibt. Wir sind nicht laut genug – könnte das sein? Vielleicht sollten wir uns als über 70-Jährige auch in diesem Blog nachhaltiger zu Wort melden. Mit Themen, die das Leben ohne wirkliche Zukunft betreffen
    Ach ja, Fahrrad fahren – das ist auch eine Sache, die mich bekümmert. Ich fühle mich nicht mehr sicher genug, um – zumindest in Berlin – auf der Fahrbahn zu fahren. Und den Gehweg zu benutzen, fällt mir schwer. Es geht immer noch gegen meine Einstellung, die mir sagt: Lass‘ den Fußgängern den Fußweg. Obwohl: Es ist subjektiv vielleicht doch etwas anderes, ob ein 20-Jähriger mit seinem Bike auf dem Gehweg herumrast oder ein älterer Mensch ruhig und umsichtig vor sich hin radelt. Aber objektiv?
    Bleiben wir in Kontakt? Dafür gibt es wohl den Blog, denke ich. Liebe Clara, liebe I.A., schreiben Sie ein wenig mehr über sich und Ihren Alltag.
    I.B.F.

  4. I.A.

    Ein Artikel zum gleichen Thema wurde am 7.5. 2015 – auch von I.B.F. – im Blog eingestellt, bitte im Archiv nachlesen, es lohnt sich.
    I.A.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: