Berlin ab 50…

… und jünger

Immer Ärger mit Rudolf Wissell

Warum Namensvergaben manchmal schaden

Staumeldung von der Rudolf Wissel Brücke gehören fast jeden Tag dazu. Über 175 000 Autos werden hier täglich gezählt. Und nun erscheint, wie die Zeitungen meldeten, der Neubau der in die Jahre gekommenen Rudolf-Wissell-Brücke dringend. Eine europaweite Ausschreibung beinhaltet die Sanierung der 939 Meter langen Brücke, die zwischen 1958-1961 gebaut wurde. Im Februar 2018 wird der Gewinner bekannt gegeben. Sanierungen fanden bereits 1971 und 1984 statt. Da die Fahrbahnen von einem Überbau aus Hohlkästen, die die gesamte Breite umfassen, getragen werden, kann nicht – wie sonst üblich – eine Hälfte saniert und der Verkehr über die andere Seite einspurig geführt werden. Also sind Abriss und „innovative Lösungen“ gefragt, was immer das auch bedeutet.

Mir stellte sich die Frage: Wer ist der Namensgeber, für den da täglich mit der Staumeldung Negativ-Reklame gemacht wird? Natürlich gibt WIKI Auskunft: Rudolf Wissell (1869- 1962) war ein deutscher SPD-Politiker und Gewerkschafter. Er wurde im März 1918 in den Reichstag berufen und war mit Noske gegen die Errichtung einer Räterepublik nach russischem Vorbild, was Deutschland den Bürgerkrieg ersparte. Während der Weimarer Republik war er zeitweise Reichswirtschaftsminister (1919) und Reichsarbeitsminister (1928-30). Bei der Abstimmung über das „Ermächtigungsgesetz“ zur Errichtung der NS-Diktatur im März 1933 war er einer von 94 Abgeordneten, die gegen das Gesetz stimmten. Er kam kurz in Haft und lebte danach zurückgezogen in Berlin.

Nach 1945 beteiligte sich Wissell am Wiederaufbau der Berliner SPD. Die Vereinigung von SPD und KPD im Osten lehnte er strikt ab, RRG würde ihm vermutlich auch nicht gefallen. Er erhielt viele Ehrungen und neben der Brücke sind noch eine Siedlung und eine Schule in Berlin nach ihm benannt. Das Ehrengrab ist in Mariendorf auf dem Friedhof in der Eisenacher- Straße. Da Rudolf Wissell ja ein Berliner Politiker ist, sollte es doch weitere Spuren neben der Brücke geben.

Fündig wurde ich über einen Flyer des „neuen“ alten Museums Europäischer Kulturen (Abbildung), das sich als letzter Überlebender der Dahlemer Museumslandschaft (https://berlinab50.com/2015/12/18/abschied-von-dahlem/) ein neues Logo gegeben hat (Abbildung). Also auf nach Dahlem und die Ausstellung besucht! Der Flyer berichtet über Wissells Zeit seines Lebens währende Sammelleidenschaft für altes Handwerkzeug, in dessen Ergebnis 1929 ein zweibändiges Werk “Des alten Handwerks Recht und Gewohnheit“ (Abbildung) erschien. Die umfangreiche Sammlung ging im Krieg unter. Wissell sammelte aber weiter und diese 500 Objekte umfassende Sammlung erwarb das Museum 1966 aus dem Nachlass. Ich hoffte nun, Exponate dieser Sammlung samt Informationen über Herkunft, Verwendung und Handwerksberufe zu sehen. Leider erwies sich der Flyer als Mogelpackung: Es gibt nur eine Vitrine im Foyer (siehe Abbildung). Also auch hier Enttäuschung unter „Rudolf Wissell“. Auf Nachfrage wurde mitgeteilt, dass eine Ausstellung über die Sammlung Wissell nicht vorgesehen ist und die Exponate weiter im Fundus ruhen werden. Das hat Rudolf W. nicht verdient!

Also auch hier keine Würdigung. Und was die Brücke angeht, bei dem zu erwartenden Ärger und der hohen Frequenz negativer Schlagzeilen sollte man sie einfach umbenennen. Zum Beispiel nach Sigrid Kressmann-Zschach! Zwei Fliegen mit einer Klappe, wie man so sagt: Erfüllung der Frauenquote bei Brückennamen (sieht mau aus!) und Schonung des guten Namens von Rudolf Wissell. Ach, sie wissen nicht, wer die Dame war? Die Bauunternehmerin und Architektin (1929-1990), der der Spruch nachgesagt wird „ Männer, Häuser und Geld kann man nie genug haben“, war in den 60-er/70-er Jahren des letzten Jahrhunderts „die“ Größe in der West-Berliner Bauwirtschaft und an vielen Senatsprojekten als Unternehmerin beteiligt. Pleite ging sie mit dem Steglitzer Kreisel. Der Berliner Senat geriet in Turbulenzen, BER lässt grüßen. Kurz gesagt, ihr Name steht für die enge Verflechtung von öffentlichem Geld, politischen Einfluss und privatem Geschäftserwartungen- kurz „Filz“ genannt. Sie war schlechte Presse gewöhnt und könnte den zu erwartenden Ärger mit der Brücke wohl besser wegstecken. Was halten sie davon?

Meint mw

Fotos(c) mw

Ein Kommentar

  1. I.A.

    „….hätte wegstecken können“, denn nu isse ja tot, die Frau Kressmann-Zschach. Will man nun weltweit ausloben, weil man keine allein deutsche Pleite mehr wegstecken will und kann? Und, die Exponate aus dem Keller wären es doch wohl wert, herausgehoben zu werden in Form einer Ausstellung?
    I.A.

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