Berlin ab 50…

… und jünger

Die letzten Dinge

Es ist eben Tatsache, dass es für uns Alten keine Zukunft mehr gibt, aber auch wenn man auf viele Dinge verzichten muss, kann man sich jedoch die gegenwärtige Zeit noch recht angenehm vertreiben“ schrieb Clara (80 Jahre alt) als Kommentar auf den Blog Artikel „ Bin ich nun wirklich alt?“ von I.B.F.(https://berlinab50.com/2017/02/24/bin-ich-nun-wirklich-alt/) und das hat mich – wie auch der Artikel von I.B.F. – betroffen gemacht. Soll ich „die Tatsache, dass die Zukunft eigentlich keine mehr (für mich) ist“- fürchten oder eher, wie I.B.F. dann als versöhnliches Resultat ihrer Überlegungen schreibt, mich mit meinem Leben aussöhnen und mit dem Unabänderlichen bewusst leben, so ganz ohne Vorwurf und Larmoyanz?

Ich kann Clara folgen und bewundere ihren Lebensmut trotz aller gesundheitlicher Beeinträchtigungen. Die erwähnte „gegenwärtige Zeit“ und die „fehlende Zukunft“ klingen für mich allerdings nach einem „Wartesaal“ im Vorfeld des Todes und lösen bei mir Unbehagen aus. Gute Laune und Fröhlichkeit sind zwar eine Temperamentseigenschaft, können aber das Leben – frei nach Kant – erleichtern: „ So soll man beschwerliche, aber notwendige Arbeit in guter Laune verrichten, ja selbst in guter Laune sterben, denn all dieses verliert seinen Wert dadurch, dass es in übler Stimmung begangen oder erlitten wird“. „Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit“ sagt der Prediger Salomo (Pred. 3, 14).

Der Mensch hat, im Gegensatz zu allen anderen Lebenswesen, eine Vorstellung von der Endlichkeit seines Seins. In Zeiten der Pest, der allgemeinen Unsicherheit durch Krieg und Willkür, war es ganz normal, am Morgen eines jeden Tages mit seinem Ableben, unabhängig vom Alter, zu rechnen, worauf ja der Spruch des Augustiner-Mönchs Thomas von Kempen zurückgeht: „Wenn die Morgenstunde kommt, so rechne darauf, dass du die Abendstunde nicht erlebst“ und „ Selig, wer sein Sterben immer vor Augen hat und täglich bereit ist“. Dergleichen Gedanken sind heute eher abwegig und verpönt.

Warum ich darüber jetzt nachdenke? Der Blog-Beitrag hat auch mich nun wieder an die Endlichkeit meiner Existenz erinnert. Ich bin 62 Jahre alt und habe mich schon seit langem – zuerst nur aus kunsthistorischem Interesse – mit dem Sterben und den Letzten Dingen befasst, durch Literatur (z.B. Studs Terkel „ Gespräche um Leben und Tod“), mit Filmen wie Stefan Haupt´s „Elisabeth Kübler-Ross – Dem Tod ins Gesicht sehen“, dann durch zahllose, auch heute noch gern durchgeführte Friedhofspaziergänge aus Interesse an der Gestaltung der Gräber, an den beigesetzten Personen und an der Natur und später durch eigene Erfahrungen des Abschieds von Eltern und „alten“ Freunden.

Wobei mein frühes Interesse am Tod bei vielen Freunden mit Skepsis und Unverständnis gesehen wurde.

Die wesentlichen Festlegungen zum Ableben – einschließlich zur Organspende bei Unfall – sind getroffen, ich habe „mein Haus bestellt“, wie man früher gesagt hätte. Und trotzdem fühle ich mich nicht auf einer imaginären Warteliste. Was bleibt, ist der Wunsch, jenseits der „gelben Creme aus der Apotheke“ und „Lifta, dem Treppenlift“ hoffentlich noch lange ein unruhiges, interessiertes, waches Leben bei hoffentlich guter Gesundheit zu führen, ohne die Endlichkeit aus dem Auge zu verlieren und darüber zu klagen.

Meint mw

Fotos(c) mw

2 Kommentare

  1. „Was bleibt, ist der Wunsch, jenseits der „gelben Creme aus der Apotheke“ und „Lifta, dem Treppenlift“ hoffentlich noch lange ein unruhiges, interessiertes, waches Leben bei hoffentlich guter Gesundheit zu führen, ohne die Endlichkeit aus dem Auge zu verlieren und darüber zu klagen.“ Das wünsche ich Dir von ganzem Herzen und wenn Du ganz fest daran glaubst, wird der Wunsch in Erfüllung gehen! LG Freija

  2. I.B.F.

    Nun, da Sie meinen Beitrag ansprechen, sollte ich vielleicht etwas klarstellen: Ich fühle mich keineswegs im Wartesaal des Todes. Dass meine Vergangenheit länger ist als meine Zukunft sein wird, ist eine Tatsache. Sie bedeutet aber nicht, dass ich nun in ständiger Warteposition auf mein Ende mein Leben verbringe. Ich betrachte es einfach nur anders und möchte mich vor allem freimachen von Ansprüchen von außen, in denen ich keinen Sinn mehr sehen. Ich möchte mein Leben führen. Deshalb bin ich nicht weniger wach und gut oder auch einmal schlecht gelaunt wie z.B. Sie und alle anderen, die Ihren Kommentar teilen.
    Und noch eines: Sie sind 62, Clara ist 80, ich bin 73. Sehen Sie den Unterschied? Fragen Clara, fragen Sie mich nach unserem Lebensgefühl, als wir in Ihrem Alter waren? Sie werden vermutlich staunen.
    I.B.F.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: