Berlin ab 50…

… und jünger

Hungerkünstler

Die Nachricht im Tagesspiegel vom 7. März .2017 „ Knochige Models in Porno-Pose“, die von extrem mageren Models in der Werbekampagne von Yves Saint Laurent berichtet, ist für mich Anlass, hier einmal über die große und kurze Zeit heute vergessener „Sensations-Künstler“ im Berlin der 1920-er Jahre zu berichten: die der Hungerkünstler.

Im Nachkriegs-Berlin, von Arbeitslosigkeit, Inflation und Armut geprägt, herrschte ein ausgesprochener „Vergnügungshunger“ mit Sehnsucht nach dem Sensationellen und Außergewöhnlichen. Da kamen die Schausteller, die durch öffentliche Zurschaustellung ihres Hungerns Geld verdienten, gerade recht, auch wenn uns das heute angesichts der Nachkriegsarmut eher zynisch erscheint. Berlin war das Eldorado der öffentlich dargebotenen „Hungerrekorde“.

 

Am 13.Februar 1926 trat in dem Lokal Krokodil in der Friedrichstrasse am Oranienburger Tor der 25-jährige Siegfried Herz aus Krefeld unter dem Künstlernamen „Jolly“ seine auf 44 Tage angelegte Hungerkur in einem versiegelten Glaskäfig an. Bei der Veranstaltung wurden am Ende 350.000 bezahlende Besucher gezählt, der Reingewinn soll 130.000 RM betragen haben, was heute ca. 470.000 € entspräche. Der Erfolg stachelte nun andere „Künstler“ an, zumal es dazu ja keinerlei Ausbildung bedurfte. Ventago, Fastello, Harry Nelson (Reinhold Illmer), Wahlmann und auch eine Frau (Daisy) versuchten nun in Berlin den Rekord zu überbieten. Daisy stellte dabei einen neuen Hunger-Weltrekord in der Frauen-Liga mit 34 Tagen auf.

Aber auch in anderen Städten – und nicht nur in Deutschland – trat ein regelrechtes „Hungerfieber“ auf. Manche „Hungerkünstler“ unterbrachen entnervt ihre Darstellung, dann zeigten die Illustrierten den Künstler beim Ausbruch aus seinem Käfig. Jedoch sollten die Mitbewerber nie wieder den finanziellen Gewinn von Jolly erreichen, es blieb meist bei maximal 2.000 RM. Nur Harry Nelson verdiente 35.000 RM, aber sein Agent unterschlug sie. Außerdem kam der Verdacht auf, dass die „Hungerkünstler“ trotz aller Isolation sich doch heimlich ernährten. So soll „Jolly“ in der Nacht von seinen Angestellten mit dünnen Metallröhren über kleine Öffnungen in seinem Glaskäfig mit Nahrung versorgt worden sein. Jolly, der den Schwindel zugab, musste 1.000 RM Strafe bezahlen, nun ja – bei 130.000 RM Gewinn kein Problem. Aber die Öffentlichkeit wurde misstrauisch und das Interesse an der „Hungerkunst“ flaute bereits 1927 wieder ab. Grund dafür dürften auch Todesfälle bei Rekordversuchen gewesen sein. Auch verboten die Polizeibehörden nun derartig „unmoralische“ Veranstaltungen. Die öffentliche Meinung hatte sich schnell gewandelt. Das Kino war nun die neue Unterhaltung und Ablenkung.

Franz Kafka schrieb übrigens schon 1922 seine sarkastische Erzählung „Ein Hungerkünstler“, in der sein Protagonist im Käfig im Zirkus vergessen wird und stirbt.

Insoweit ist die krankhafte Sucht nach Sensationellem, Originellem, um Auffallen um jeden unmoralischen Preis – wie die Werbekampagne von Yves Saint Laurent – nichts Neues.

Findet mw

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: