Berlin ab 50…

… und jünger

Die Schildbürger

Leistikow-Blick – „verschönt“

Bei meinen gelegentlichen Spaziergängen um den Schlachtensee ist mir aufgefallen, wie viele Schilder es am Seeufer gibt. Wer eigentlich macht sich die Gedanken über das, worüber die Bevölkerung – hier speziell die „Erholungssuchenden“ – damit aufgeklärt werden sollen? Könnte den Spaziergängern die Schönheit eines märkischen Gewässers möglicherweise entgehen, wenn sie nicht mit Schildern darauf hingewiesen würden?

Von Eulen und Tulpen… die Liebe des Schilderaufstellers zur Natur.

Da gibt es die dreieckigen Schilder „Eule“ und „Tulpe“, die auf ein Landschaftsschutzgebiet beziehungsweise eine Geschützte Grünanlage hinweisen, letzteres sogar ergänzt mit dem Datum des gesetzlichen Inkrafttretens. Wichtige Hinweise also, den Blick für die Landschaft neu zu schärfen und sich Gedanken darüber zu machen, dass gesetzgebende Kräfte schon viel früher als man selbst von deren Schönheit ergriffen waren und dieses Empfinden in einem Gesetzestext vom 24. November 1997 für die Nachwelt festgehalten haben. Gerne hätte ich den Gesetzestext jetzt zur Hand, um daraus vielleicht auf meinem Spaziergang zu deklamieren, ganz wie bei Goethes Osterspaziergang, doch wo in meinem Bücherregal stand er zuletzt?

An anderer Stelle des Sees äußern sich die Schilderaufsteller feinsinniger zur Schönheit der Landschaft und haben die großformatige Reproduktion eines Bildes von Walter Leistikow aufgestellt. Es lädt ein zu gedankenvollen Betrachtungen über das Einst und Jetzt. Damals, als das Bild entstand, gab es hier sicherlich noch keine Schilder. Leistikow starb 1908, fast 90 Jahre vor dem Gesetz, welches die Grünanlagen heutzutage schützt.

Und auch die EU… gibt ihren Senf dazu

Die Umweltbehörde der EU im fernen Brüssel hat sich Gedanken über den Gewässerschutz gemacht und informiert darüber mit gleich drei großformatigen Schildern: Es handele sich hier um ein „EU-Badegewässer“, also offensichtlich um kein gewöhnliches. In einem langen Text (langatmig wäre gemein) wird auf den EU-Gewässerschutz verwiesen und dass man vernünftigerweise darauf achten möge, diesen See nicht zu verunreinigen. Ob diejenigen, die so etwas machen, sich diesen Text vor ihrem frevelhaften Tun durchlesen, um gar davon abzulassen, wage ich zu bezweifeln.

 

 

Auch Nullen…

…kann man multiplizieren

Gleich dutzendfach wendet sich die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz in ihrer Eigenschaft als Oberste Naturschutzbehörde an die lieben Mitbürgerinnen und Mitbürger und bittet um „Verständnis für vorübergehend notwendige Maßnahmen“ zur Renaturierung der Uferbereiche, die durch „Umwelteinflüsse“ stark geschädigt worden seien. Sehr rücksichtsvoll die Formulierungen, denn solche schädigenden Umwelteinflüsse werden wohl überwiegend den „Erholungssuchenden“ selbst zuzuschreiben sein. Ob der liebe Mitbürger sich von solchen Schildern in seinem schädigenden Handeln wohl beeinflussen lässt?

Andere Schilder weisen auf die Erlaubnis des Radfahrens hin, soweit die Fußgänger davon nicht beeinträchtigt werden und weitere Schilder sind längst verblichen, mit Graffiti beschmiert, überklebt oder ganz demoliert worden. An die 50 Stück habe ich am Seeufer gezählt und dabei nicht einmal jene mitgerechnet, die sich mit dem ständig wechselnden „Hundeverbot“ beschäftigen.

Doppelt gemoppelt hält besser.

 

 

Wer sind diese Leute in den Verwaltungen, die solche Schilder aufstellen und wer entscheidet darüber? Wer „gestaltet“ deren Inhalte und – vor allem – wer glaubt daran, dass sie gelesen und sich „Erholungssuchende“ jeglicher Couleur daran halten werden? Oft sind solche Schilder nur die Zielscheibe von Aggression und Vandalismus.

Schulen verrotten, Einwohnermeldeämter klagen über zu wenig Personal, doch in den entlegeneren Etagen der Bezirksämter scheint es Verwaltungsangestellte zu geben, die nichts anderes tun, als neue Schilder zu planen und Aufträge für deren Anfertigung und Aufstellung zu erteilen. Für diesen zweifelhaften Zweck scheint genügend Geld vorhanden zu sein, denn das Aufstellen eines Schildes kostet. Schätzt man die Kosten pro Schild einschließlich Verwaltungsaufwand, Anfahrt und Fundamentierung um die 1.000 Euro, so wird man mit dieser Annahme nicht ganz falsch liegen. Eine zweifelhafte „Wertschöpfung“.

Was man dem Spaziergänger mit auf den Weg gibt…

Auch Schilder können eine Umweltverschmutzung sein, zumindest eine optische, und spätestens dann, wenn sie umkippen und ins Wasser fallen, sogar eine biologische.

Lassen Sie sich ihren nächsten Spaziergang um den Schlachtensee nicht von solchen Gedanken vermiesen.

Ferdinand

 

 

 

3 Kommentare

  1. I.A.

    Hoffentlich wird diese feinsinnige Kritik ans Bundesumweltschutzamt(?) weitergeleitet, damit sie vielleicht zu einem Nach- bzw. Umdenken anregt? Und auch an die tapferen Bürger,
    die seit Jahren nur wegen der Hunde/Halter auf die Barriere gehen?

    I.A.

    • Die zuständige Behörde trägt den Namen „Oberste Naturschutzbehörde“ des Senats von Berlin. Die Verwendung des Superlativs im Namen deutet auf mindestens zwei untergeordnete Naturschutzbehörden hin, so jedenfalls fordert es die Steigerungsform der Deutschen Sprache. Die Zuständigkeit für den „Schilderwahnsinn“ herauszufinden hieße, sich im Berliner „Behördenwahnsinn“ zu verzetteln. Das aber erspare ich mir verständlicherweise.
      Ferdinand

  2. Uwe-Jens Has

    Das kann man ja nur mit Konträrfaszination sehen, diese Schilder ( Schilda?).
    Fehlt bloß noch, nach dem Eule und Tulpe-Vorbild ein ‚Keule und Nulpe‘-Schild als Hinweis
    vor der Badewiese für empfindsame Spaziergänger.

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