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… und jünger

Neu gelesen (9): Martin Eden von Jack London

Ferdinand stolperte in eine Sendung von arte über Jack London (1876-1916) und wurde an die Literatur seiner Jugend erinnert. Noch acht Titel und zwei Biografien Londons waren in seinem Bücherregal übrig geblieben.

Er war ein Idol meiner Jugend. Seine Bücher habe ich geradezu verschlungen, nachdem ich ihm im Deutschunterricht zum ersten Mal begegnet war. Wolfsblut war der Titel, den wir Schüler hatten lesen und besprechen müssen. Es war der seltene Fall eingetreten, dass mich die vom Lehrer angeordnete Literatur interessierte, also ein Glücksfall. Ich blieb dran, las alles, was mir von London in die Hände fiel, über die Wildnis und das nackte Überleben. Spannend und doch tiefsinnig.

Zur See und im Sattel hat Irving Stone seine Biografie über Jack London betitelt, und so war der Abenteuerschriftsteller auch im richtigen Leben ein unruhiger Geist. Das Segeln hatte er in der Bucht von San Francisco gelernt, später trampte er ruhelos durch Amerika, und als er irgendwann sesshaft wurde und sich in Oakland ein Haus baute, war sein Leben auch schon vorbei.

Seine Bücher gelten als weitgehend autobiografisch, und wo sie das nicht sind, ist deren Handlung zweifellos authentisch und gut beobachtet. Jack London kannte sich aus unter den Trampern und Trinkern Nordamerikas, die an den Schienensträngen herumlungerten, um auf den nächstbesten Zug aufzuspringen, dessen Ziel sie nicht einmal kannten, geschweige denn, dass es überhaupt in ihrem Leben ein Ziel gegeben hätte. Welcher Jugendliche liest nicht gerne solche Geschichten: Einfach aufbrechen in eine unbekannte Ferne, das Abenteuer suchen.

Doch hinter dem Abenteuer forschte Jack nach den unerreichbaren Träumen, den Lebenslügen und dem Aufstieg und Niedergang seiner Helden. Selbst oft getrieben von Alkoholismus und Spielsucht interessierten ihn die Schicksale der Menschen, über die er schrieb.

Als ich mich eines Abends auf der Flucht vor den Tatort-Krimis durch die TV-Kanäle zappte, landete ich bei einer Dokumentation über Jack London in arte. Darin berichteten amerikanische Literaturwissenschaftler über den Schriftsteller , der einst, vor 100 Jahren, der meistgelesene der Welt gewesen war. Sein Roman Martin Eden sei der Schlüssel zu seinem Leben, so hieß es, und wer nicht nur seine Abenteuergeschichten lesen wolle, sondern auch etwas über das außergewöhnliche Leben des Bestsellerautors, der solle zu diesem Buch greifen. Ich griff in mein Bücherregal und da stand es.

Der junge Gelegenheitsarbeiter und Seemann Martin Eden lernt die vier Jahre ältere, ätherische Ruth Morse kennen und gerät durch sie in in die bürgerliche Gesellschaftsschicht des amerikanischen Westens. Er ist fasziniert von ihrer Bildung und dem gesellschaftlichen Niveau in dem Ruth aufgewachsen ist. So eifert er ihr nach, einerseits, um seinem bisherigen, ziellosen Leben zu entfliehen, andererseits, um sie zu gewinnen. So liest er die Bücher der Philosophen jener Zeit, besucht Vorlesungen an der Universität und entdeckt dabei sein literarisches Talent.

Er versucht sich weitgehend erfolglos als Schriftsteller, muss sich aber als Wäschereiarbeiter und Hemdenbügler über Wasser halten und enttäuscht dabei Ruth, die hoffte, er würde einst zum Mann ihres Lebens avancieren, der sie vom Schicksal eines „späten Mädchens“ erlösen würde. Sie trennt sich von ihm.

Doch das Blatt wendet sich. Martin Eden wird zum erfolgreichen Schriftsteller, er wird hofiert, steigt auf in gesellschaftliche Höhen. Oben angekommen erkennt er die Blutleere der bourgeoisen Gesellschaft und deren Ferne zum wirklichen Leben. Er sucht erneut den Kontakt zum Milieu aus dem er stammt, das der Hafenviertel, der Kneipen, Wäschereien und Handwerksbetriebe San Franciscos. Es gelingt ihm jedoch nicht und er geht auf eine große Reise…

Hier sind sie also, die Träume, Illusionen und Lebenslügen, von denen uns die amerikanischen Schriftsteller so wunderbar berichten.

Indes: Jack London alias Martin Eden scheitert daran, sie am autobiografischen Fall zu erzählen. Zu befangen, zu unkritisch, zu langweilig. Ich bleibe lieber bei seinen Abenteuergeschichten, in denen es reichlich Parallelen zum richtigen Leben gibt.

Ferdinand

In Neu gelesen sind bisher erschienen (alle zu erreichen über das Suchfeld):
(1) Gabor von Vaszary: Monpti
(2) Erica Jong: Angst vorm Fliegen
(3) Gerhart Hauptmann: Buch der Leidenschaft
(4) Franz Werfel: Der veruntreute Himmel
(5) Françoise Sagan: Bonjour Tristesse
(6) Vicky Baum: Hotel Shanghai
(7) Hermann Sudermann: Frau Sorge
(8) Eine Auswanderin

 

Ein Kommentar

  1. A.L.

    Jack London – das sollte man vielleicht noch wissen, wenn man seine genannten Romane noch einmal liest – war Anhänger der Darwinschen Evolutionstheorie. Und ebenso war er beeinflusst von der Lehre Herbert Spencers, die zu beschreiben ist mit: „Survival of the Fittest“ (ungefähr: Das Recht des Stärkeren). „Ruf der Wildnis“ ist für Londons Philosophie ein gelungenes Beispiel: Das Buch wurde im Übrigen ebenso wie der „Seewolf“ oftmals verfilmt.
    A.L.

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