Berlin ab 50…

… und jünger

Berliner Adressbücher

 

Ein den Berlinern leider zu wenig bekannter, aber einfach zu hebender Schatz.

Die 128 digitalisierten Berliner Adressbücher (mit 385.000! digitalisierten und bildbearbeiteten Seiten mit Index-Daten) aus der Zeit von 1799 bis 1943 sind auf der Webseite der Zentral- und Landes Bibliothek für jedermann einsehbar: https://www.zlb.de/besondere-angebote/berliner-adressbuecher.html.

Die Sammlung ist von großem zeitgeschichtlichem und dokumentarischem Wert und kann z.B. auch bei der Familienforschung hilfreich sein. Ferdinand hat hier im Blog vor zwei Jahren in sechs spannenden Beiträgen zur Familiengeschichte über die unterschiedlichen „Findhilfsmittel“ berichtet (https://berlinab50.com/2015/02/16/familienforschung-teil-1-der-anfang/). Die Adressbücher gaben mir aber in einem anderen Zusammenhang Informationen preis: Da ich bisher immer in Gebäuden, die vor 1930 errichtet wurden, gewohnt habe, galt bei meinen letzten Umzügen die erste Recherche der Geschichte des jeweiligen Hauses. In den letzten zwei Mietshäusern (in Johannisthal und Schmargendorf) lernte ich noch langjährige, vor 1940 geborene Mieterinnen kennen, deren Eltern schon in dem Haus wohnten. Da „erwachten“ die trockenen Daten, über die ich gleich noch berichten werde, zum Leben und Geschichten über Geschichten wurden erzählt.

Was erwartet sie bei der online Suche? Die Adressbücher enthalten nur die Namen der männlichen Haushaltsvorstände. Ehefrauen spielen erst als Witwe eine Rolle, wenn der Haushaltsvorstand „hinüber“ ist. Neben dem Namen ist oft auch die Berufsbezeichnung vorhanden. Die Adressbücher enthalten auch Straßenkarten, was dann immer hilfreich ist, wenn sich die Nummerierung der Straßen (in Berlin besonders kompliziert, da mehrere Systeme) geändert hat. Man kann nach Namen und nach Straßen suchen. Da Berlin als Groß-Berlin erst seit 1920 existiert, muss man davor z.B. Charlottenburger oder Schmargendorfer Straßen in den Vororten suchen. Der Eintrag war verpflichtend und der Hauseigentümer musste die Daten seiner Mieter liefern. Der Eigentümer war ebenfalls mit Wohnadresse verzeichnet. Auch Angaben zu Branchen und Behörden, Verbänden und Vereinen, Sehenswürdigkeiten, Verkehrsverbindungen, Fahrpreise, Theater, Konzert- u.a. Säle und Geschäftsanzeigen sind hier zu finden. Die Verfolgung der Juden ist auch hier ablesbar, die Zwangsnamen Sarah und Israel tauchen auf, Telefonanschlüsse verschwinden und plötzlich sind auch die Menschen nicht mehr im Adressbuch. Ein wichtiges Zeitzeugnis für die Ermittlungen im Vorfeld einer geplanten Stolperstein-Verlegung.

Herrschaftlich…

Nun zu meinen Erlebnissen: War die alte Dame in Johannisthal noch etwas verstört über meine Frage, wann der Herr Vater Oberamtsrat wurde, so gab Frau Woelk, die 1917 in Schmargendorf bei Berlin im abgebildeten Haus im ersten Stock rechts (mit Balkon) geboren wurde, mir 2012 noch ausgiebig Auskunft, als ich ihr Namen aus dem Adressbuch nannte.

Doch zuerst zu den Fakten: Das Haus wurde am Rande des Grunewalds 1905 im Dorf Schmargendorf als herrschaftliches Wohnhaus für vier Mietparteien gebaut. Jede Partei hatte ein Stockwerk für sich, mit Mittelbau und zwei -wenn auch kurzen – Seitenflügeln. Dienstbotenaufgänge gab es nicht. Das Treppenhaus war opulent. Im Jahr 1906 wohnten nur zwei Mieter (eine Witwe und ein Weichensteller) hier. Das Haus war damit nur zur Hälfte bewohnt, so dass das Renditeobjekt nichts abwarf und die Rentierswitwe Schulze auf Abhilfe sann. Die erwarteten Wohlhabenden blieben aus, da die Stadt zu weit weg war, und so wurde 1908 das Haus umgebaut und neun Wohnungen und ein kleiner Laden entstanden. Ab 1909 sind dann zwischen acht und zwölf Mieter bis 1943 (dann enden als Kriegsfolge die Adressbücher) nachweisbar. Da hier die Mieter länger wohnten, sind schöne soziale Beobachtungen möglich. Herr Sprang war z.B. 1909 Büroassistent, 1910 schon Kaufmann, 1916 Büroassistent des Berliner Magistrats, 1920 Bürosekretär, 1923 Stadt- Oberbürosekretär, 1927 Stadtoberinspektor und das blieb er, bis er 1940 als Stadtoberinspektor i.R. geführt wurde. Das Haus war ein Haus der kleinen Leute, die Wohnungen zwischen 50 und 80 Quadratmeter groß und es gab viele Kinder. Mitte der 1920-er Jahre gab es in dem Haus über 20 Kinder, so erzählte Frau Woelk, die in den umliegenden Kleingärten herumtobten.

…opulent

Frau Woelks Vater hatte 1916 als Eisenbahnsekretär begonnen und war zuletzt Reichsbahnoberinspektor i.R, bevor er 1941 starb. 1942 wurde das Haus von einer Bombe getroffen und der linke Seitenflügel zum Teil zerstört.

Frau Woelk war bis zu ihrem Tod im Winter 2014 recht auskunftsfreudig. Allerdings versetzte sie Weihnachten 2012 die Hausbewohner in Schrecken. Sie hatte anlässlich ihres 95-ten Geburtstages ein Interview mit einer großformatigen Berliner Zeitung und empfahl uns, die Zeitung zu kaufen. Mein Nachbar kam mit bleichem Gesicht und zeigte mir den Aufmacher „Sie war die Verkosterin von Adolf Hitler“. Die Geschichte war aber anders als vermutet: Sie musste im Führerhauptquartier Wolfsschanze mit anderen Frauen Proben der Lebensmittellieferungen verkosten, da es Gerüchte gab, dass die Alliierten Hitler vergiften wollten.

Nach dem Bericht begann der große Ansturm der internationalen Fernsehsender und Zeitschriften auf unser Haus, denn „Sex and Hitler sells“. Schauen Sie auf YouTube oder auch in WIKI nach Margot Woelk und sie werden mehr erfahren. Oder im Blog unter: https://berlinab50.com/2013/09/09/geburtstagsuberraschung/

 

Findet mw

Fotos(c) mw

 

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