Berlin ab 50…

… und jünger

Ein Recht auf den Wind im Haar

Ich radel ausgesprochen gerne – wenn es das Wetter erlaubt.  Es ist eine schöne Art, sich fortzubewegen. Nicht zu schnell, so dass man etwas von seiner Umgebung mitbekommt, durch die man sich bewegt, nicht zu langsam, so dass man einige Kilometer zurücklegen kann – und der Wind einem durch die Locken bläst.

Im Moment bin ich nach einer Meniskusoperation  allerdings immer noch nicht wieder einsatzfähig, laufe noch auf Krücken und sehne mich nach einer „Ausfahrt“. Geduld, Geduld wird mir immer wieder gesagt – ok sage ich mir, also Geduld, aber bald bin ich nicht mehr zu halten. Geduld ist nicht meine Disziplin, aber ich weiß, sie wird nur auf eine kurze Probe gestellt und sie wird sich lohnen. Danach bin ich wieder fit für viele Radausflüge und wenn die Temperaturen wieder ansteigen und langsam stabil bleiben, beginnt auch meine Saison.

Aber was passiert, wenn die Mobilität das Radfahren nicht mehr zulässt? Dazu möchte ich Ihnen kurz eine neue Idee vorstellen:

2013 wurde in Kopenhagen ein Projekt ins Leben gerufenen, das inzwischen einige Nachahmer gefunden hat: „Cykling uden alder“.  Auch die Arbeitsgruppe NEUE ARBEIT der Diakonie Essen wurde inspiriert durch Kopenhagens „Radeln ohne Alter“ und ihre Idee wurde für den Deutschen Fahrradpreis 2017 nominiert. Es geht darum, alten Menschen, die nicht mehr so mobil sind, „das Recht auf Wind im Haar“ zu ermöglichen. Es sind Radausflüge von mindestens einer bis 3-4 Stunden, Vergnügungsfahrten, keine Besorgungsfahrten. So kann man zum Beispiel bis vor die Türe eines Museums (dort gibt’s meistens Rollstühle),  in das Wohnviertel seiner Kindheit, an einen See oder in ein Café in einem besonderen Park gefahren werden.  Vier Rikschas sind in der „Grünen Hauptstadt Europas 2017“ momentan unterwegs:  zwei davon sind  Radkutschen bei denen die Senioren hinter dem Fahrer sitzen (Christiania-Rikschas), eine Rikscha, bei dem die Gäste vor dem Fahrer platziert sind, und eine weitere, bei dem der Gast in einem Rollstuhl vor dem Fahrer transportiert wird.

Angesprochen wurden Seniorenzentren auf das kostenlose Projekt und „Radeln ohne Alter“ erntete großes Interesse. Seit 1. August 2016 fahren nun montags bis Freitag Senioren zu Orten, wo sie sonst nicht mehr hinkommen, an der frischen Luft und in einem Tempo, dass sehen und nachdenken ermöglicht. Glücksgefühle pur! Daneben ist das Essener Projekt ist auch Teil einer Beschäftigungsmaßnahme. So radelt z.B. ein 59-jähriger, der zu alt für einen Job ist, hier für kleines Geld Senioren durch Essen – für ihn, dem diese Ausflüge das Gefühl vermitteln, gebraucht zu werden, ist dies ebenso ein Gewinn wie für viele in ihrem Aktionsradius eingeschränkte Menschen.

Der  Weltverband von „Radeln ohne Alter“ , der CWA Kopenhagen, benennt auf der Internetseite den Zweck dieses Projekt so: „Wir träumen davon, zusammen eine Welt zu erschaffen, in der der Zugang zu aktiver Mitbürgerschaft bei unseren älteren Mitbürgern Glück erschafft; wir wollen ihnen die Möglichkeit geben, ein aktiver Teil der Gesellschaft und der örtlichen Gemeinde zu bleiben. (….) Auf diese Art bauen wir Brücken zwischen den Generationen und stärken Vertrauen, Respekt und den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.“  Was für eine schöne Idee!

Neben Essen gibt es in Deutschland weitere 13 Standorte, und auch Berlin hat einen. Der 2015 gegründete Verein in Berlin arbeitet mit fünf verschiedene Trägern von Senioren- und Pflegeheimen zusammen, insgesamt gibt es 6 Räder und speziell ausgebildete Fahrer. In Berlin sind es nur ehrenamtliche „Piloten“.  Noch fehlt die finanzielle und personelle Möglichkeit, das Angebot auch über diese momentanen Kooperationen hinaus zu vergrößern. Aber ich hoffe sehr, dass diese Idee sich schnell verbreitet und damit vielleicht auch Förderer aktiviert. Es wär doch schön, wenn sich die Seniorenrikschas in Berlin durchsetzen würden! Mehr Infos finden Sie unter: http://radelnohnealter.de/kontakt.

Bisher gibt es für RoA in Deutschland keinerlei staatliche Förderung. Umso wichtiger sind breites gesellschaftliches Engagement und natürlich Spenden! RoA ist gemeinnützig anerkannt und natürlich kann man auch Fördermitglied werden.

Viel Wind im Haar wünscht

go

Fotos (c) RoA

 

Ein Kommentar

  1. I.A.

    Solch eine schöne Möglichkeit werde ich sofort für die von mir zu betreuenden Älteren orten, danke sehr!!!
    I.A.

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