Berlin ab 50…

… und jünger

Alchemie – die Suche nach dem Weltgeheimnis

Meine Begeisterung über die selten zu sehenden, wirklich  hochwertigen Exponate, die die   Staatlichen Museen zu Berlin in Kooperation mit dem Getty Research Institute, Los Angeles in der Ausstellung „ Alchemie. Die große Kunst“ zeigen,  sei fairerweise an den Anfang des Berichts gestellt.

Carl Spitzweg.Der Alchimist, um 1860 (c) Staatsgalerie Stuttgart

Und dann muss ich sogleich Kritik üben: Für alle Leser „über 50“ ist die Licht-und Schriftgestaltung der Ausstellung eine Herausforderung. Zu der aus konservatorischen Gründen verständlichen Abdunkelungen des gesamten Raumes  passen einfach nicht kleine Schrifttafeln in (kleiner) weißer Schrift auf schwarzem Grund, direkt neben den in Vitrinen ausgestellten Exponaten, die dazu zwingen, förmlich in die Vitrinen  zu kriechen, wenn da nicht das Glas wäre. Hier würde ein elektronischer Guide oder zumindest  Leuchttafeln mit den Beschreibungen Abhilfe schaffen. Sehr schade, dadurch verlor die Ausstellung für mich enorm.

Auch die Katalogbox als alchemistischer Zettelkasten ist zwar  eine vermeintlich originelle Idee, aber unhandlich-unpraktisch und wird vermutlich nach mehrmaligen „Durcharbeiten“ ohne akribische Rück-Ablage im Chaos enden und entsorgt werden. Dafür waren mir 29,00 € zu viel Geld. Auch auf den sonst üblichen Flyer wurde verzichtet. Also kaum eine Chance, sich auf die Ausstellung vorzubereiten, wenn man der Beschilderung optisch nicht folgen kann.

Ausschnitt/Der Alchemist, nach Pieter Bruegel d.Ä, 1558 © bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett

Da ich mich als pharmaziegeschichtlich Interessierter mit dem Thema etwas auskenne, war ich immer wieder hoch erfreut, mir bekannte Bücher, Graphiken und Bilder einmal im Original zu sehen. Doch worum geht es überhaupt? 230 Objekte aus drei Jahrtausenden beleuchten das Verhältnis und die postulierte innere Verbindung von Kunst und Alchemie. Es werden nicht nur alchemistische Schriften und Gegenstände gezeigt, sondern auch Kunstwerke, die Alchemisten als Protagonisten ihrer Zunft in ihrer Zeit kritisch zeigen und  – neuere – Kunstwerke, die  quasi alchemistische Verfahren für den künstlerischen Prozess nutzen.

Natascha Sonnenschein. Paradies der Künstlichkeit, 2001 (c) Natascha Sonnenschein/VH Bild-Kunst, Bonn 2017

Der Begriff Alchemie hat arabischen Ursprung (Artikel „al“)  und wurde wohl im 2. Jahrhundert in Alexandria als Ableitung des griechischen Wortes „Chymeia“ (Metallgießen) geprägt.  Die handwerkliche Praxis reicht aber 5000 Jahre zurück, was Sammlungsstücke aus Ägypten beweisen. Unser tradierter Begriff „Alchemie“ verbindet  damit chemische Versuche im  späten Mittelalter zu  „Metalltransmutationen“, mit der die Verwandlung einfacher Metalle in Edelmetalle (Gold) mit Hilfe eines Steins des Weisen, dem  „Lapis philosophorum“, gelingen würde. Jedoch nicht nur schnödes Treiben nach Gold und Reichtum war eine Triebfeder der Alchemisten. Nein, es ging auch um die  Nachahmung des göttlichen Schöpfungsaktes, um die eigene Schöpfung eines „Homunculus“. Eine Idee, die sich bis in heutige philosophisch-ethische  Diskussionen  – wie  z.B. um das Gen Schaf Dolly – nachverfolgen lässt. Der  alchemistische Ansatz, Materie als Teil der natürlichen Schöpfung in ein künstlerisches Ergebnis zu „transmutieren“, führt zu den hier gezeigten Ergebnissen zeitgenössischer Kunst, womit die Ausstellung die Wesensverwandtschaft von Kunst und Alchemie belegen will. Doch in der frühen Neuzeit wandelte sich der philosophische Anspruch in einen zuvörderst materiellen: Die verschuldeten barocken Fürsten setzten ihre Hoffnung auf das Gold der Alchemisten und betrieben Laboratorien.  Willkommene „Nebenprodukt“ der vergeblichen Versuche waren z.B.  Goldrubinglas (Alchemist Kunkel auf der Pfaueninsel in Berlin, dazu einmal später mehr) und die Porzellan-Nacherfindung  durch den Apothekergehilfen Böttger. Auch das heute noch benutzte  Abführmittel Glaubersalz ist so ein Nebenprodukt (Johann Rudolf Glauber, 1604-1670, Begründer der chemischen Industrie). Die Alchemie konnte die auf sie gesetzten Hoffnungen natürlich nie einlösen, hat aber durch ihre experimentellen Arbeiten die Entwicklung von Chemie und Pharmazie sehr gefördert, wobei der  Übergang von Alchemie zu Chemie, von Hokuspokus zur Wissenschaft fließend war.

Und doch möchte ich, trotz der eingangs geäußerten Kritik, die Ausstellung, die noch bis zum 23.07.2017 im Berliner Kulturforum zu sehen ist, den Lesern empfehlen. Allerdings sollte man sich vorher auf der gelungenen Webseite des Museums über das Thema informieren: http://www.smb.museum/ausstellungen/detail/alchemie-die-grosse-kunst.html

Und da mein Titel des Beitrags zwei Ausstellungen – in Berlin und Halle  – verbindet, hier noch der Hinweis auf eine zweite Ausstellung zum selben Thema: Im Landesmuseum für Vorgeschichte (der Heimstatt der Himmelsscheibe) in Halle  ist noch bis 05. Juni diesen Jahres die Ausstellung „Die Suche nach dem Weltgeheimnis“ zu sehen. Die Ausstellung zeigt seltene Stücke aus einem Wittenberger Alchemistenlabor aus dem 16.Jahrhundert, die bei Ausgrabungen 2012 gefunden wurden.http://www.lda-lsa.de/landesmuseum_fuer_vorgeschichte/sonderausstellungen/ .

Mehr darüber nach meinem Besuch der Ausstellung!
Ihr mw

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