Berlin ab 50…

… und jünger

Eine Apotheke und viele Geschichten

Nun bin auch ich in einem Alter, in welchem der Besuch einer Apotheke zum Alltag gehört. Obwohl Internet-affin, ziehe ich doch den Besuch der Apotheke meines Vertrauens im Kiez mit kleiner Konversation über „dies und das“ der anonymen Bestellung vor, so, wie ich es auch bei „meiner“ Buchhandlung halte.

Ich bin noch in einer Zeit groß geworden, wo der Gang mit der Mutter zur Apotheke solche Eindrücke auslöste, wie sie Kurt Tucholsky in der Weltbühne bereits 1930 beschrieb: „Manche Leute gehen in fremden Orten immer erst in den Ratskeller, – ich gehe in die Apotheken. …Hier ist alles geborgen in Töpfchen und Flaschen mit uns unbekannten Namen, ein seltsam anheimelndes Reich wundersamer Säfte und Tinkturen… und immer riecht es nach strengen und herben Sachen“.

(c) Stefan Wolski

Aber diese Zeiten sind lange vorbei und die Apotheke ist längst nicht mehr, wie Tucholsky meinte, „das Heiligenbild des ungläubigen kleinen Mannes“. Dafür gibt es jetzt aber den Veganismus als heilsbringende Religion. Wenn sie noch einmal ein bisschen von dem alten Gefühl erleben möchten, sollten sie die Berlin-Apotheke am Hackeschen Markt in der Rosenthaler Straße 46/47 besuchen. Diese Apotheke birgt viele Geheimnisse, von denen ich einige kurz schildern möchte. Die Einrichtung aus mit Ahorn kassettiertem amerikanischen Nussbaum mit den vielen Dutzend Fächern und schönen Schränken und dem aus Rokokozeiten anmutenden Deckengemälde mit Rosen streuenden Engeln stammt aus dem Jahre 1886. Man spürt unmittelbar den Reichtum und den Stolz des Besitzers, Apotheker Carl Arnold Marggraff, eines Stadtverordneten und Ehrenbürger Berlins .

Die Offizin ist noch genauso erhalten, wie auf dem Bild von 1932 gezeigt. Die heutige „Berlin Apotheke“ hieß seit ihrer Gründung im Jahr 1732 bis 1954 „Rothe Apotheke“, vermutlich wegen der roten Fensterläden. In der DDR-Zeit, nachdem man den ehemalig jüdischen Besitz kurzerhand verstaatlicht hatte, erhielt sie von ihrer damaligen Leiterin den Namen „Berolina-Apotheke“, weil sie es nicht so mit den „Roten“ hatte. Wirklich, das ist bezeugt!

2006 wurde die nach der Wende privatisierte, ehemals staatliche Berolina-Apotheke weiterverkauft und trägt als Teil einer Apothekenkette seitdem den originellen Namen „Berlin-Apotheke“. Die Apotheke hatte viele prominente Besitzer, neben Marggraff, der sich gemeinsam mit Robert Koch für die Anlage der Kanalisation in Berlin einsetze, auch ein Mitglied der jüdischen Buchhändlerfamilie Hertz von 1822-1837. Und hier ereignete sich ein familiäres Drama – ein Ehebruch – der 100 Jahre später einen Teil der jüdischen Verlegerfamilie Springer vor Deportation und Ermordung schützten sollte.

Die Frau von Johann Jacob Hertz, Marianne Hertz, hatte ein Verhältnis mit dem der Familie verbundenen Dichter Adelbert von Chamisso (1781–1838). Aus dieser Verbindung stammte Wilhelm Ludwig Hertz (geboren 1822) – der Ehemann legalisierte den Seitensprung. Die Tochter des Chamisso-Sohns heiratete 1879 den 1850 in Berlin geborenen Verleger Fritz Springer. Fritz Springer gehörte zu zweiten Generation der Verlegerfamilie Julius Springer. Deren Verlag war bis zur Enteignung durch die Nationalsozialisten der führende deutsche Wissenschaftsverlag.

Die „Arisierung“ der eigenen Abstammung über den Ahnen Chamisso rettete zahlreiche Mitglieder der Familien Hertz und Springer, nicht jedoch Fritz Springer. Als am 20.1.1944 die Gestapo den 94-jährigen in seinem Landhaus in der Kolonie Alsen (Wannsee) abholen wollte, nahm er Gift. Ein Stolperstein in der Straße zum Löwen 12 erinnert an ihn.

Auch der letzte Besitzer der Apotheke (seit 1907) vor der Arisierung, Wilhelm Wartenberg, war jüdischer Abstammung und ein angesehener Berliner Bürger, langjähriger Vorsitzender des Apothekervereins und Mitglied des Reichsgesundheitsrates. Er ließ das Haus 1928 mit vorgeblendeter Fassade „bauhausmäßig“ aufpeppen. 1939 wurden Haus und Apotheke arisiert. Wartenberg starb 1942 vor der Deportation, sein Sohn Fritz konnte emigrieren. Die Apotheke übernahm ein NS-Apotheker, der sich am 3.5.1945 mit seiner Tochter in der Apotheke das Leben nahm, nachdem er den „Endsieg“ nicht erleben konnte. Nutznießer der Arisierung des Hauses war die österreichische Schauspielerin Liane Haid (1895-2000), die 1990, nach der Wende, aus der Schweiz allen Ernstes um Rückübertragung „ihres“ Eigentums aus DDR-Besitz bat. Das Haus ihres Großvaters erhielt jedoch die Tochter des 1983 in London verstorbenen Sohnes Fritz zurück und nach Plänen des Frankfurter Architekten Alfred Jacoby wurde das arg heruntergekommene Gebäude restauriert.

Ach ja, es gab auch noch vor Klärung des Restitution den Versuch der „heißen Sanierung“ durch stadtbekannte Immobilienhaie, die aber abgewehrt werden konnte (siehe Abbildung). Und zum Springer-Verlag ist noch anzumerken, dass die Revolutionäre 1968 im alten West-Berlin Springer-Hamburg und Springer-Wissenschaft nicht unterscheiden konnten und auch im Wissenschaftsverlag Randale machten. Nun ja, für die Revolution muss man ein heißes Herz, aber nicht unbedingt Verstand haben.

Sicher haben auch sie ihre „Lieblingsapotheke“. Schreiben sie doch mal über ihre Erfahrungen.

Meint mw

Fotos (c) mw

Ein Kommentar

  1. Hallo,
    das klingt natürlich sehr spannend, ist die Apotheke von innen auch saniert worden oder sind noch alte Elemente vorhanden?

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