Berlin ab 50…

… und jünger

Absolute Sicherheit – in 45 Tagen

Erst die „richtigen“ Apps machen das Smartphone zum praktischen Alltagsbegleiter. Die Auswahl in den App-Stores ist unüberschaubar und stellt den Neuling vor Probleme. Zum Glück bietet das Netz zum Beispiel über Zeitschriften wie CHIP  Bewertungen und Beschreibungen an, die die persönliche Auswahl erleichtern. Einige Apps sind für mich unverzichtbar und haben eine ganz realen und praktischen Mehrwert, wie z.B. die BVG Fahrinfo.  Aber nicht alle Apps halten das, was sie versprechen.

Kürzlich fand ich im App-Store die  Schadstoff-App „Scan4Chem“ des Umweltbundesamtes und war interessiert, welchen Mehrwert sie gegenüber der vom  BUND Deutschland von Laien für Laien entwickelten, bereits am Markt befindlichen und vortrefflich Hysterie und „deutsche Angst“ bedienenden  App „ToxFox“ hat. Mit der BUND- App kann man sich über verschiedene, in nicht geprüften Listen aufgeführten „verdächtigen“  Chemikalien in Kosmetika informieren und  Schadstoffe in Malutensilien oder Spielzeugen “aufspüren”. Zumindest erfährt man ihren Namen, was aber noch keine Risikobewertung  ist.  Nach der europäischen Chemikalienverordnung  (REACH) hat der Verbraucher ein Recht zu wissen, ob und welche „besonders besorgniserregenden Stoffe“ in Produkten enthalten sind. Dabei handelt es sich  um derzeit 145 gesundheitsschädliche oder umweltschädliche Chemikalien, die auf einer im Internet jedermann zugänglichen, geprüften und damit verbindlichen Liste stehen.  Gelangen diese Stoffe im Rahmen der Herstellung oder Weiterverarbeitung in ein Produkt und sind in diesem über 0,1 % enthalten, ist der Hersteller oder Händler/Importeur  gegenüber dem Verbraucher/Käufer innerhalb von 45 Tagen (kostenfrei) auskunftspflichtig. Aber nur dann, wenn die Schadstoffe wirklich enthalten sind. So kann der Kunde entscheiden, das Produkt nicht zu kaufen und damit eine bewusste Kaufentscheidung treffen. Das klingt erstmal sehr vernünftig, ist allerdings genauso umständlich, wie es sich liest und damit eigentlich sinnentleert.

Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor einem gelben Quietsch-Entchen, dass Sie für Ihren Enkel kaufen wollen. Sie stellen dem Hersteller eine schriftliche Anfrage, ob einer der gelisteten gefährlichen Stoffe darin enthalten ist. Nach 45 Tagen haben sie immer noch keine Antwort erhalten: Ist nichts Böses drin oder nur in sehr geringer Menge, ist der Brief verloren gegangen oder entzieht sich der Verkäufer seiner Auskunftspflicht?

Die  App „Scan4Chem“ des Umweltbundesamtes soll  diese Anfrage zukünftig nun erleichtern (https://www.umweltbundesamt.de/tags/scan4chem). Die App ist im App Store (Play Store z.B.) für ihr Smartphone kostenfrei  zu erhalten. Wie funktioniert die App? Der auf jedem Produkt enthaltene Barcode wird mit dem Smartphone eingelesen und unter Angabe ihrer persönlichen Daten wie Adresse usw. wird automatisch eine Anfrage generiert, die Sie an den Hersteller verschicken. Eine  interne Funktion erinnert sie nach 45 Tagen an die Anfrage. Also in den nächsten 45 Tagen immer schön auch die Spams kontrollieren!  Die Auskunftspflicht gilt für die Hersteller von Haushaltswaren, Textilien, Schuhen, Sportartikeln, Möbeln, Heimwerkerbedarf, Elektronikgeräten, Spielzeug, Fahrzeugen oder Verpackungen. Sie gilt jedoch nicht in Bereichen, die anderen gesetzlichen  Regelungen unterliegen: für flüssige oder pulverförmige Produkte (wie Lacke oder Farben), Medizinprodukte, Arzneimittel, Lebensmittel, Kosmetika, Wasch- und Reinigungsmittel, Futtermittel oder Pflanzenschutzmittel und Biozid- Produkte. Alles klar?   Oder wollen Sie doch besser einen Anwalt Ihres Vertrauens hinzuziehen? Und es gilt weiterhin: Eine Auskunftspflicht besteht nur im „positiven“ Fall, wenn ein gelisteter Schadstoff über 0,1 % enthalten ist.  Eine Negativauskunft kann nach der Verordnung nicht eingefordert werden. Und  so stehen Sie, wenn nach 45 Tagen keine Antwort kommt, vor der nächsten Frage: Will er (der Hersteller)  nicht oder hat er nichts. Doch halt, auch hier weiß  die App Rat: Einfach mal  bei der zuständigen  Landesbehörde schriftlich nachfragen. Ich bin sicher, die warten schon sehnlichst auf ihren Auftrag.  Die Zuständigkeit der Länderbehörden richtet sich aber danach, in welchem Bundesland der jeweilige Händler, Hersteller oder Importeur ansässig ist, also unbedingt gut recherchieren. Die Beamten der Länderbehörde  wenden sich dann an den Produzenten / Vertreiber und fragen nach. Sollte er die Auskunft gegenüber der Behörde verweigern, droht Strafe. Die Behörde kann das Vorhandensein von gelisteten Schadstoffen durch eine aufwendige Analytik  klären.  Ist nichts Gefährliches drin, ist außer Spesen (für die Behörde)  nichts gewesen, sonst gibt es eine ordentliche Strafe. Da sich die Anfrage auf 145 von der europäischen Chemikalienagentur gelistete Stoffe beschränkt, ist die Aussage natürlich auf diese Stoffe reduziert. Es gibt aber ca. 100.000 chemische Stoffe und zusätzlich  all die in der Natur vorkommenden, leider damit nicht automatisch „guten“ chemischen Verbindungen.

Eine neue, schöne App, die uns mehr Sicherheit verspricht. Dafür aber juristischen Rat,  gute Nerven und viel freie Zeit  benötigt. Mein Fazit: Da ungenutzte Programme wie diese App im Hintergrund an den Systemressourcen zehren, habe ich sie wieder deinstalliert. Und fühl mich dennoch sicher. Die Apokalypse muss warten.

Meint mw

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: