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MÄNNER UND FRAUEN SIND GLEICHBERECHTIGT …. ein schlichter Satz mit weitreichenden Folgen

Heute vor genau 60 Jahren, am 18.Juni 1957, wurde das Gleichberechtigungsgesetz  nach langem, zähem Kampf erlassen und trat am 1. Juli 1958 in Kraft.

Die Mütter des Grundgesetzes: Wessel, Weber, Nadig, Selbert. © Erna Wagner-Hehmke/ Haus der Geschichte

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt.(..)“    –  Diesen Satz im Grundgesetz (Artikel 3, Absatz 2) haben wir der Juristin Dr. Elisabeth Selbert zu verdanken, eine der vier „Mütter des Grundgesetzes“. Es lohnt sich einmal die Entstehungsgeschichte dieses Satzes nachzulesen. Es liest sich wie ein Krimi! Heute, da wir fast schon selbstverständlich die Gleichberechtigung praktizieren, ist es kaum mehr vorstellbar, was Selbert und ihre drei Mitstreiterin  Friedrike Nadig, Dr. Helene Weber und Helene Wessel an Mut, Entschlossenheit und Weitsicht aufgebracht haben.

Der Satz klingt schlicht, hatte aber große Folgen. Denn in der konkreten Umsetzung bedeutete dies, dass alle geltende, dem Gleichheitsgebot widersprechenden Gesetze abgeschafft werden und eine grundsätzliche Reform des traditionellen Familienrechts aus dem 19.Jahrhundert in Gang gesetzt werden musste.  Deshalb hatte Selbert wie eine Löwin für ihn gekämpft.

Das Ehe- und Familienrecht, das 1948 angewendet wurde, stammte aus dem Jahr 1896. Schon damals hatte die Historische Frauenbewegung gegen seine Verabschiedung durch den Reichstag gekämpft, und schon damals scherten sich Politiker aller Richtungen nicht um den Frauenprotest. Genauso wenig wie 1919 die frischgebackenen Demokraten der Weimarer Republik. Sie beschränkten die „Rechte“ der Frau via Verfassung auf den rein staatsbürgerlichen Bereich und ließen das Bürgerliche Gesetzbuch so, wie es war.

Beinah wäre auch 1949 alles beim alten geblieben, wäre Elisabeth Selbert nicht gewesen. Wäre sie nicht dafür eingetreten, die Gleichheit der Frau mit Hilfe eines „harmlosen Satzes“ auf alle Rechtsgebiete auszudehnen. Hätte Selbert sich einschüchtern lassen, vielleicht würde dann heute noch gelten: „Dem Manne steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche Leben betreffenden Entscheidungen zu.“ Oder: „Zu Arbeiten im Hauswesen und im Geschäft des Mannes ist die Frau verpflichtet.“ Oder: „Hat sich die Frau einem Dritten gegenüber zu einer von ihr in Person zu bewirkenden Leistung verpflichtet“ – zum Beispiel einen Arbeits- oder Kaufvertrag unterschrieben – „so kann der Mann das Rechtsverhältnis (…) kündigen.“

Erst am 3. Mai 1957 verabschiedete der Bundestag das im Artikel 117 geforderte Anpassungsgesetz. Es hieß „Gleichberechtigungsgesetz“, obwohl es alles andere als das war. So billigte es dem Vater immer noch das letzte Wort bei der Kindererziehung zu und legte außerdem fest: „Die Frau führt den Haushalt (…) Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“ Dieser Paragraph des Bürgerlichen Gesetzbuches blieb bis 1977 in Kraft. Nicht zu vergessen: Die Regelung, dass bei Eheschließung automatisch der Namen des Mannes zum Ehenamen wurde, falls sich das Paar auf keinen gemeinsamen Namen einigt, wurde erst im März 1991 durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aufgehoben. Seitdem können in einem solchen Fall beide Partner ihren Namen weiterführen.  Elisabeth Selbert hat die konsequente Umsetzung ihres „harmlosen“ Satzes leider nicht mehr ganz erlebt, sie starb 1986 im Alter von 91 Jahren.

Der Weg war lang und steinig. Und hätte es nicht wirklich diese couragierte Frauen gegeben, hätten wir heute vermutlich ganz andere Probleme als „frauenfeindliche Steuerformulare“.

Bleiben Sie auch mutig, entschlossen und weitsichtig

go

 

Ein Kommentar

  1. Es war ein harter Kampf, den manche Frau heute gar nicht mehr zu würdigen weiß. Wir haben dieser taffen Frau unsere Unabhängigkeit zu verdanken! 1967 geboren, wuchs ich in einer Zeit auf, die die neue Freiheit genießen durfte. Dafür bin ich mehr als dankbar. Schöner Bericht, der zum Nachdenken anregen sollte. Liebe Grüße, Birgit

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