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… und jünger

Reformbewegung auf dem Friedhof

Begräbniskultur in Deutschland- Vorbilder der Friedhofsreformbewegung im 20. Jahrhundert

Wie beschrieben, waren prunkvolle barocke  Grabmale Höhepunkt der Grabmalkunst. Dass es auch damals schon anders ging, zeigen zwei recht unterschiedliche Friedhöfe des 18. Jahrhunderts. Sie waren die  Vorbilder der mit Beginn des 20. Jahrhunderts beginnenden Friedhofsreformbewegung, die Schlichtheit und Gleichheit der Grabstätten als Ziel hatte.

Der eine Friedhof war der 1730 in Herrnhut angelegte Gottesacker, der den böhmischen Glaubensflüchtlingen („Herrnhuter Brüdergemeinde“), die in der Oberlausitz Zuflucht gefunden hatten, als Begräbnisort diente. Einheitliche Grabgrößen mit  genormten, liegende Grabsteinen, Geschlechtertrennung sowie das Fehlen von Ehe- und Familiengräbern zeichneten ihn aus. Die Bepflanzung erfolgte mit  Hecken und Linden, auf Blumenrabatten wurde verzichtet. Die Grabstellen blieben ewig, sie wurden weder eingeebnet noch entwidmet. Der Friedhof wurde bei Bedarf vergrößert. Das  Friedhofsmodell war ein Exportschlager  für die missionarischen Ableger der Herrnhuter Brüdergemeinde in der ganzen Welt. Auch der  1751 angelegte und heute noch existierende Böhmische Gottesacker in Rixdorf (Neukölln) wurde nach dem Vorbild angelegt. Drei böhmische Gemeinden wurden damals gegründet. Auf dem Friedhof grenzt sich  heute deutlich der Teil der Herrnhuter Brüdergemeine durch die uniforme Grabgestaltung von dem Teil der Lutheraner und Reformierten ab.  Ein weiterer Friedhof der Brüdergemeine befand sich vor dem Halleschen Tor und wurde 1971 durch die Erweiterung der Blücherstrasse größtenteils zerstört.

Der zweite als Vorbild  dienende Friedhof war der 1787 angelegte „Dessauer Neue Begräbnisplatz“, der eine völlig andere Intention hatte, aber einer vergleichbaren Idee von  Schlichtheit und Gleichheit  folgte.  Angelegt als einer der weltweit ersten kommunalen Friedhöfe, stand er allen christlichen Konfessionen offen. Der regelmäßig, streng symmetrisch angelegte Friedhof vereinte eine zweckmäßige Form mit gärtnerischen Elementen wie einer Rahmenbepflanzung  und einem Blumenrondell am Kreuzungspunkt der Wegachsen. Die Bestattung im Binnenraum  sollte ohne Grabzeichen bleiben. Grabmahle gab es  nur an der Friedhofsmauer. Den Geist der Aufklärung zeigt auch die Inschrift am Friedhofstor: “Tod ist nicht Tod, ist nur Veredlung sterblicher Natur“.  Idee und Anlage des Friedhofs stammten von Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, dem bedeutendsten Vertreter des deutschen Frühklassizismus und Erbauer des Schlosses Wörlitz im Wörlitzer Park.

Eine weitere Entwicklung- diesmal am Ende des 19. Jahrhunderts- spielte der Reformbewegung in die Hände: 1878 wurde in Gotha das erste Krematorium der Neuzeit eröffnet. Seit Karl dem Großen war die Feuerbestattung im christlichen Abendland verboten, denn der Körper musste im Hinblick auf die Auferstehung der Toten beim Jüngsten Gericht unversehrt sein. Mit der Aufklärung begann die Suche nach einer hygienisch  einwandfreien und effizienten Bestattungsmethode  und die sich Ende des Jahrhunderts entwickelnde Sozialdemokratie, aber auch Freidenker und Atheisten sahen in der Feuerbestattung  eine antikirchliche Alternative.   Vereine zur „Kremierung“ gründeten sich und versuchten, den Widerstand der Kirchen zu brechen. Erst 1934 wurde die Feuerbestattung der Erdbestattung gleichgestellt. Der Bau von Krematorien war eine neue Herausforderung für Architekten, entsprechend vielfältig sind die Bauten.

Mit dem Übergang der Zuständigkeit für die Erfassung von Geburt und Tod von der Kirche auf den Staat in den 70iger Jahren des 19.Jahrhunderts wurde der Tod zu einer öffentlichen Angelegenheit der staatlichen Verwaltung und des Marktes. Gesetze ersetzen lokale Traditionen. Genaue Vorschriften, die vom Umgang mit dem Verstorbenen über Größe und  Material der Grabsteine bis zur Grabbepflanzung alles regelten, wurden erlassen.  Um die treibenden Kräfte der  Friedhofsreformbewegung des frühen 20. Jahrhunderts hier zu benennen, fehlt der Platz. Es waren unter anderem Architekten, Bildhauer,  Gartenplaner und Theologen, die eine „demokratische“ Vereinheitlichung der Grabmahle und die gartengestalterische  Anlage des Friedhofs mit reicher Strauch- und Baumbepflanzung anstrebten. Der  1907 eröffnete Münchner  Waldfriedhof war ein erster Erfolg. Rigide Vorschriften regelten auch hier Materialien, Größe, Abstand und Bepflanzung.

Jedoch  führte unter den Bedingungen der Moderne diese gutgemeinte Reform im Sinne einer  Demokratisierung zurück zur Gesichtslosigkeit und Uniformität. Von der Typisierung war es dann kein allzu weiter Schritt  zu der heute bestehenden Uniformität und Eintönigkeit der reglementierten Friedhöfe. Franz Werfel beschrieb bereits Anfang der 1930er Jahre Friedhöfe als  „wohlausgerichtete Zweck-Architekturen der Verwesung„. Der standardisierte Reformfriedhof prägt bis heute das Erscheinungsbild der städtischen Friedhöfe.

Nächste Folge geht’s um alternative Trends, denn Gräber sind heute nicht mehr gefragt.

Meint mw

Fotos (c) U.L.

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