Berlin ab 50…

… und jünger

Berliner Friedhöfe im Wandel

Die Berlin Friedhofslandschaft bietet eine große  gestalterische Vielfalt auf über 200 Standorten. Neben den durchstandardisierten Friedhöfen ab den 1930iger Jahren prägen zahlreiche historische Friedhofsanlagen unsere Stadt. Mit ihren (in der Blog-Folge über das 19. Jahrhundert  beschriebenen) Grabmalen sind sie ein Schatz der Berliner Kunst–, Kultur–, Garten- und Stadtgeschichte, der ihren kirchlichen oder kommunalen Betreibern jedoch große Sorgen bereitet: Die überkommene Trauerkultur und der Friedhof als historischer Ort sind im Verschwinden. Erdbestattungen sind immer weniger gefragt. 38 Friedhöfe sind bereits komplett geschlossen. Sie sind noch nicht als Friedhof entwidmet und haben nur deshalb den Friedhofscharakter gewahrt.

Seit Anfang der Neunziger Jahre finden alternative Formen der Erdbestattung  großen Zuspruch. Die Urnenbeisetzung umfasst  heute bereits über 50% aller Bestattungen. Der Ort der Beisetzung ist dabei immer weniger der Friedhof, die Asche wird im Meer verstreut (Seebestattung) oder in einem Friedwald beigesetzt. Für esoterisch ansprechbare Menschen ist diese Art der Beisetzung wegen des Naturkreislaufs mit einem modernen Image behaftet und außerdem ohne Pflegeaufwand. Sie ist  allerdings viel teurer als auf einem normalen Friedhof, dafür ist aber eine 99jährige Ruhefrist garantiert.

Die zunehmende Individualisierung macht auch vor der Bestattungsform, der Trauerfeier und der Grabgestaltung nicht halt. Gräber werden unwichtiger. Die Trauer wird privatisiert, Sterbeanzeigen, das Tragen von Trauerbekleidung während des Trauerjahres, Kränze am Grab und Trauerreden sind viel seltener geworden. War vor 40 Jahren auch in der Stadt ein Begräbnis ein Ereignis mit öffentlicher Anteilnahme, auch von Arbeitskollegen und Nachbarn, so hat die Beerdigung heute einen intimen Charakter. Irgendwie stört der Tod auch in unserer hedonistischen Gesellschaft.  Im Internet gibt es – gegen Gebühr- virtuelle Erinnerungsseiten, die ewiges Gedenken vorgaukeln. In Bremen erlaubt es die Friedhofsordnung, die Asche des Verstorbenen zu Hause in die Schrankwand zu stellen.

Die Friedhöfe verändern sich durch all das massiv. Urnen-Gräber sind kleiner, Grabpflege wird nicht mehr nachgefragt, anonyme Bestattungen  bringen kaum Einnahmen und es entstehen durch die Umsetzung der Friedhofsordnung mit Abräumung der Grabmale riesige Freiflächen, die nicht neu belegt werden und den Betreibern hohe Kosten verursachen. Schauen Sie sich nur einmal die Friedhöfe an der Bergmannstrasse im hinteren Teil an – eine Brache. Wenn in der Friedhofskapelle kaum mehr  liturgische Feiern abgehalten, Grabsteine nicht mehr gesetzt und Kränze nicht mehr gestiftet werden, empfinden ältere Menschen dies als  Bruch mit den ihnen vertrauten Konventionen. Christliche Symbole verschwinden, das Kreuz taucht am Grab immer seltener auf. Das Hobby des Verstorbenen wird heute vielleicht verewigt, als Grabschmuck dienen nun kleine Kunststoff- Engel mit Goldhaarlackierung. Doch stehen gleich Ethik und Würde, wie gelegentlich angemerkt, deshalb auf dem Prüfstand?

Sich in der Zeit wandelnde Begräbnisriten und Trauerbräuche sind nicht neu und  Ausdruck der jeweiligen Alltagskultur und der lokalen Lebensbedingungen. Trauerrituale geben den Gefühlen des Trauernden Ausdruck, helfen Trauerarbeit zu leisten und Angst, Schuld und Schmerz zu artikulieren. Aus den beschriebenen  Gründen wird es die Friedhöfe, so wie wir sie heute kennen, nach meiner Meinung in fernerer  Zukunft jedoch nicht mehr geben. Sicher, einige historische Friedhöfe und Prominentenfriedhöfe mit großer Nachfrage wie der Dorotheenstädtische Friedhof werden überdauern und in ihrem Zustand erhalten werden. Vielleicht sind dann  Besichtigungen nur noch gegen Eintritt  möglich?  Ein Beispiel ist  die verzweifelte Suche nach Grab-Paten der Gesellschaft für Historische Friedhöfe zum Erhalt von schönen Grabmahlen des 19. Jahrhunderts (http://stiftung-historische-friedhoefe.de/berliner_grabmale_retten/). Besuchen Sie die Berliner Friedhöfe, solange es sie noch gibt  oder – noch besser – engagieren sie sich für deren Erhalt.

Noch etwas für den Blog-Leser: Die  vielen Möglichkeiten in der Bestattungskultur erfordern möglichst schon zu Lebzeiten Entscheidungen, die nicht  den Angehörigen zugemutet werden sollten. Bestattungstraditionen haben sich über Jahrhunderte nach den Bedürfnissen der Menschen entwickelt. Diese Bedürfnisse von  Trauer, Abschied und Neugestaltung des Lebens der Hinterbliebenen sind nicht überholt und sollten in die Überlegungen zu den „letzten Dingen“ einbezogen werden. Bei der Frage zum Beispiel,  ob eine anonyme Bestattung gewünscht wird, um den vielleicht nicht in derselben Stadt  wohnenden Angehörigen die Pflege zu ersparen, sollte auch bedacht werden, dass Trauer eine Ort der Andacht braucht.

Meint mw

Fotos (c) mw

 

 

 

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