Berlin ab 50…

… und jünger

Banker, Helden, Reichsbräute

Banker unter sich, Retter und Helden sowie  Reichsbräute

Wir stehen auf Schwanenwerder vor dem Grundstück  Inselstr.  27/28, das der Bankier Eduard Mosler (1873-1939) 1912 kaufte. Die  bereits vorhandene Villa wurde umgebaut. Mosler war bis 1910 Mit-Geschäftsinhaber der Bank „Berliner Handelsgesellschaft“ und ab 1911  mit seinem Nachbarn Dr. Solmssen von Nummer 24/26 gemeinsam  Inhaber der Disconto-Gesellschaft, mit der seine  „Handelsgesellschaft“  fusionierte.  Doch die Bankenfusion ging weiter: Ab 1929 war Mosler Vorstand der Deutschen Bank, die wiederum  mit der Disconto -Gesellschaft im selben Jahr fusionierte. War also alles schon mal da, einschließlich der damit verbundenen Probleme. Die Fusion hatte er mit Oscar Schlitter  (Inselstr.  8/10)  von der Deutschen Bank beim Tee  ausgehandelt  (Folge „Entdeckungen auf Schwanenwerder“,  04.07.2017).  Gut funktionierende Netzwerke waren immer schon nützlich! In den 20iger Jahren erfolgte die Anlage des Gartenparks durch Ludwig Lesser ((1869-1957), der auch die Gartenstadt Frohnau, den Ludolfinger und Zeltlinger Platz und viele Privatgärten in Dahlem anlegte.  Moslers Witwe veräußerte das Anwesen 1947 für 200.000 DM an den Provinzial Ausschuss der Inneren Mission Brandenburg. Seither  befindet sich hier die beliebte und gern für Konferenzen und Seminare  gebuchte „Evangelische Bildungsstätte“.

Eingang „Inselhof“

Die folgenden Grundstücke  Nr. 19/31 (der sogenannte  „Inselhof“) und  Nr. 32/32a Villa Schwanenburg (nicht zu verwechsel mit dem Schwanenhof) haben oft den Besitzer gewechselt. Nr. 32/32a gehörte einmal einem Schmuckflakonfabrikanten, der mit diesen kleinen Fläschchen  sehr viel Geld verdiente, so ähnlich wie man heute in Berlin mit Handy-Klingeltönen Millionär werden kann.

Viel zu erzählen aber gibt es zur Nr. 34/35 (Haus Monbijou und Haus Bellevue): Besitzer von 1912-1935 war Berthold Israel, Inhaber des Kaufhauses Nathan Israel, das sich gegenüber dem Roten Rathaus in Mitte befand. Sein Sohn Wilfried Israel  arbeitete seit  1933 in mehreren Organisationen, die sich ausschließlich um die Belange der deutschen  jüdischen Emigranten kümmerten. Die bekanntesten darunter waren der „Zentralausschuß für Hilfe und Aufbau und die Kinder- und Jugend-Alijah“. Diese „ Alija“ („Rückkehr in das gelobte Land“) wurde 1933 von Recha Freier  aus Berlin gegründet, um jüdische Kinder und Jugendliche aus Nazideutschland zu retten. Der Hilfsverein der deutschen Juden berief Israel 1937 in seine Direktion. Wilfried Israel emigrierte nach London und fungierte dort als Verbindungsmann  zwischen Regierungsstellen und jüdischen Flüchtlingsorganisationen. 1943 organisierte er die Ausreise jüdischer Flüchtlinge aus Spanien und Portugal nach Palästina.

Inselstr. 34/35

Die letzte noch von Wilfried Israel organisierte Fahrt  mit 750 Flüchtlingen an Bord endete am 1. Februar 1944 im Hafen von Haifa.  Auf dem Rückflug von Lissabon nach London wurde Israel von der deutschen Luftwaffe über dem Golf von Biskaya abgeschossen. Christopher Isherwood verewigte Wilfried Israel in seinem Buch  „Goodbye Berlin“ in der Person W. Landauers. In der Verfilmung  „Cabaret“ heiratet die Tochter Natalia Landauer /gespielt von Marisa Berenson Fritz Wendel /Fritz Wepper – erinnern Sie sich? Für Wilfried Israel gibt es einen Stolperstein in der Spandauer Str. 17. Die „Arisierung“ des Grundstücks  Nr.34/35 erfolgte 1935. 1951 wurde das Grundstück rückübertragen und  dann verkauft. Heute befindet sich die große Villa eines Berliner Unternehmers dort. Das Brad Pitt und Angelina Jolie hier wohnen sollten, entsprang  einer verkaufsfördernden „Ente“ in einer bunten, großen Zeitung.

„Schwanenhof“

Der nächste wichtige Zeitzeuge ist der „Schwanenhof“, diesmal auf der linken Seite, der 1901 von der Insel-Gründerfamilie Wessel erbaut wurde. Die eingetragene „Dienstbarkeit“ für Nr. 34, ein schmaler Weg, ermöglichte dem Eigentümer den Zugang zum Wasser. Eigentümer seit  1950 ist  die GSW (Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft, heute Deutsche Wohnen), man kann dort zur Miete wohnen!

36/38 „Amselhof“/40/42  gehörten seit 1929 Rudolph Karstadt (1856-1944), dem Kaufhauskönig. 1933 dann im Zuge der „Arisierung“ Zwangsverwaltung und 1937 Zwangsversteigerung  unter Teilung des Besitzes. Die Reichsfrauenführerin Gertrud-Scholtz- Klink zog in den „Amselhof“ ein.  Hier wurde die „Reichsbräuteschule“, in der die NS-Frauenschaft bis Kriegsende Lehrgänge für Verlobte von NS-Größen veranstaltete,  gegründet. Nach der Restitution  1945 kaufte das Land Berlin die Nr. 38 und ließ das  Gebäude abreißen.  Heute ist das Grundstück ungenutzt.

Der weitere Weg, bis sich die Insel-Einbahnstraße teilt,  ist links von dichtem Grün bedeckt (Nr. 7). Hier befand sich einmal der Park von Schwanenwerder. In den 20iger Jahren  wurde er aufgegeben und 1930 an die Baronin Goldschmidt-Rothschild verkauft. Ihre Bauabsichten konnten  nicht  mehr verwirklicht werden. Nach  der „Arisierung“  wird Albert Speer von 1938  bis 1943 Eigentümer. Er – der die absehbare Niederlage ahnte – verkauft das Grundstück  noch gewinnbringend. Auf dem Gelände ist der Luftschutzbunker für Göring aus dem Jahr 1936  erhalten. Nach der Rückübertragung 1958 kaufte der Bezirk Berlin-Steglitz-Zehlendorf das Grundstück. Seit 1962 wurden   Sommer- Jugendfreizeitlager durchgeführt, bis es  im Jahr 2002 zu einem schweren Unwetter kam und durch einen Blitzeinschlag zwei Kindern getötet wurde. Seitdem wird es nicht mehr genutzt.

Inselstr. 5

Das nächste bebaute Grundstück und der Schluss unseres Rundgangs ist die Nr. 5. 1924 wurde hier durch Heinrich Schacker ein zweigeschossiges  Landhaus  für Familie Monheim aus  Aachen  (Schokoladenfabrikanten) gebaut. Da Aachen nach dem 1.Weltkrieg durch die Alliierten besetzt war, wurde die Schokoladenproduktion für die rechtsrheinischen Gebiete in Berlin –Weißensee  aufgenommen (Trumpf Schokoladenwerke). Die Fabrik wurde 1945 in der Sowjetzone enteignet (VEB Elfe-Schokolade). Heute gehört ein Teil von Trumpf zu Suchard, ein Teil gehört zur Krüger-Gruppe: Mauxion, Regent, Aero, Edle Tropfen in Nuss)

Und schon sind wir auf dem Rückweg und sie könne sich nun in den „Wannseeterrassen“ stärken.

In der Hoffnung, dass es interessant war

grüßt Sie mw

 

 

 

 

2 Kommentare

  1. Mona

    Schöner Bericht! Wissen Sie zufällig etwas über die Geschichte und den derzeitigen Besitzer des Grundstücks Nr. 36.? Nirgends findet man dazu etwas und das Haus mit Reetdach verfällt seit mindestens 10 Jahren.

    • Liebe Mona – Inselstrasse 36: Der 40 m breite Streifen wurde 1924 vom Grundstück Nr. 42 abgetrennt und als öffentlich zugänglicher
      Schmuckplatz mit Havelzugang eingerichtet. Dort befand sich das Denkmal für den Inselgründer Wessel und eine Bank mit
      Blick auf die Havel. Daneben liegt der schmale Gang, der den Bewohnern des Schwanenhofs ( Nr. 37) den Zugang zum Wasser
      gestattet. Bereits 6 Jahre später wurde das Grundstück verkauft und ist seitdem in privatem Besitz. 1939 lies der
      damalige Eigentümer, der Schauspieler und Filmregisseur Carl-Ludwig Achaz-Duisberg das hier beschriebene reetgedeckte
      Haus errichten. In den siebziger Jahren brannte es ab und der spätere Eigentümer lies es wieder aufbauen. Die
      Verwahrlosung ist mir auch aufgefallen, noch 2009 wurde das Haus im Buch von Reif, Schumacher und Uebel
      Schwanenwerder: Ein Inselparadies in Berlin als „gut gepflegt“ beschrieben.
      Schön, dass Ihnen der Spaziergang gefallen hat. mw

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: