Berlin ab 50…

… und jünger

„Wir lassen die Menschen nicht alleine“

Neulich, bei einem Vortrag über Rudolf Mosse, den berühmten Verleger in Berlin am Ende des 19. Jahrhunderts, erfuhr ich, dass er 1867 als  mittelloser Buchhändler nach Berlin kam, gegen viel Konkurrenz  ein Zeitungsimperium aufgebaute  und 1913 über ein Barvermögen von 80 Mio. Goldmark verfügte. Unwillkürlich fragte ich mich, wie das ohne Coaching gelingen konnte. Auch bei all den anderen Prominenten wie Siemens, Rockefeller, Marx  oder Einstein ist nicht überliefert, dass sie einen Coach hatten.

– Veganes Ernährungschoaching –

Ich hatte kurz zuvor durch ein hörenswertes SWR/ WDR-Feature gelernt, dass nach den Beobachtungen der Autoren des Berichts  eigene Bemühungen ohne Anleitung geradezu zwangsläufig scheitern  müssen –  jedenfalls gemäß der  Selbstdarstellung der pädagogischen Fachkräfte – Trainer oder Coachs- ,  die sich hier äußerten.  Die Stiftung Warentest veröffentlichte 2014 einen Leitfaden, um eine Beratung zur Auswahl des richtigen Coachs für die richtige Frage zu bieten, da der Beruf „Coach“ ja nicht geschützt ist und jeder –auch ohne Ausbildung – sich so nennen darf. Coaching wird als persönlicher Prozess beschrieben, der dem Hilfesuchenden im Gespräch blockierende Denk- und Verhaltensmuster erkennen lässt und dabei unterstützt, sich  neu ausrichten und eigenständige Lösungen finden.  Soweit die Theorie. WIKIPEDIA schreibt dazu: „Es besteht die Gefahr der Scharlatanerie auf diesem Gebiet, weil bezüglich Ausbildungsstandards und Qualitätskriterien kein Konsens besteht, und eine staatlich anerkannte oder wissenschaftlich fundierte Ausbildung zum Coach fehlt “. Ein langer Abschnitt im Artikel widmet sich dann der Kritik, die sich besonders an dem  Fehlen objektiver Nachweise der Wirksamkeit des Verfahrens festmacht.

– Hier hätte ein Investment-Coaching geholfen –

Doch zurück zum Feature, das über den Bericht vom „Coaching“ hinausgeht. Es geht um das große Projekt der Volkserziehung von der Wiege bis  zur Bahre. Dazu ein Zitat aus der Einleitung zum   Feature „Sie machen alles falsch – Die Pädagogisierung der Gesellschaft“ (Von Anja Kempe; Produktion: SWR 2016) “Die Anzahl der Pädagogen und Pädagoginnen ist in den vergangenen Jahren explodiert: Es scheint, als hätte sich ein Heer pädagogischer Fachkräfte auf einen großen Marsch in alle menschlichen Lebensbereiche begeben“. Sozialpädagogen sind begehrt. Gab es in den neunziger Jahren nur ca. 150. 0000, so sind es heute 1,4 Mio.,  die vielfach im öffentlichen Dienst arbeiten. Aber daneben arbeiten auch viele als Freiberufler und bieten als Coach oder Trainer  Lebenscoaching, Berufscoaching, Sexualcoaching, Führungskräftecoaching, Teamcoaching, Projektcoaching, Ganzheitliches Executive-Coaching, Transferstärkencoaching, Pferdegestütztes Coaching, Tanzcoaching,  Paarcoaching und  Singlecoaching an, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Nicht alle sind Sozialpädagogen, auch Absolventen anderer Berufe „coachen“. Der Sozialpädagoge Thomas Rauschenbach bezeichnet unser Jahrhundert als das sozialpädagogische Jahrhundert und sieht die Gesamtpädagogisierung aller Lebensbereiche vom Kleinkind bis ins hohe Alter als großes Ziel oder wie ein Gesprächspartner im Feature sagte „Wir lassen die Menschen nicht alleine“. Sogar vor der Freizeit wird nicht haltgemacht, es gibt – natürlich  – auch Freizeitpädagogik. Der Coach, der darauf achtet, dass nichts Falsches in der Freizeit  gemacht wird.  Kürzlich habe ich gelesen, dass das größte Wachstumspotential auf dem Grillgerätemarkt bei den heute hochpreisigen Geräten nicht der neue Grill ist, sondern die „Grillakademien“ mit Kursen und Seminaren. Der Anbieter der „Grill Academy“ erwirtschaftete 2015 gegenüber dem Vorjahr ein Plus von 350 % (6,3 Mio. €).

Naja, derartige ganzheitliche „Betreuungsangebote“ sind auch aus Diktaturen bekannt. Wie konnte ich mein Leben bisher nur ohne Kurs bewältigen? Im Feature erzählen Coaching-Teilnehmer über ihr überlegenes Selbstwertgefühl gegenüber Menschen, die nicht an solchen Kursen teilnehmen. Humboldts Ideal der emanzipatorischen Beteiligung des Individuums mit  Selbstbestimmung (Autonomie) und Mündigkeit durch Vernunftgebrauch (Kant: Sapere aude!)  ist nicht mehr aktuell. Intuition und gesunder Menschenverstand? Falsch! Unsere „Risikogesellschaft“ braucht Beratung für jedes Problem. Weiterbildung ist ein großes Geschäft. 2014 gaben  Firmen und Bürger für Weiterbildung 33 Mrd. € aus.

Vermutlich würde Bert Brecht heute seine  „Fragen eines lesenden Arbeiters“:

(…) Der junge Alexander eroberte Indien.
Er allein?
Cäsar schlug die Gallier.
Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich? (…)

ändern in

“ Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen  Coach bei sich?“

Schöne neue Welt, die solche optimierten Bürger trägt.

Meint mw

Zum Nachhören: http://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr5/wdr5-dok5-das-feature/audio-sie-machen-alles-falsch-die-paedagogisierung-der-gesellschaft-100.html

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