Berlin ab 50…

… und jünger

Schinkel trifft Zeitgeist

Die im 2. Weltkrieg ausgebrannte, in ihrer Bausubstanz aber intakte  Berliner Bauakademie, eines der Hauptwerke Karl Friedrich Schinkels und erstes Zeugnis modernen Bauens,  wurde im Zuge der Errichtung der sozialistischen Innenstadt bis 1962 abgerissen. Es wurde Baufreiheit geschaffen für die Errichtung des DDR-Außenministeriums, eines Schuhkarton-ähnlichen Gebäudes, das wiederum 1996 abgerissen wurde. Derzeit flattert noch die zerfledderte Attrappe der Außenstruktur der Bauakademie aus dem Jahr 2005  im Wind, aber bald wird hier etwas  geschehen.

Der Haushaltsausschuss des Bundestages hat 62 Millionen € für die Rekonstruktion der Bauakademie zur Verfügung gestellt. Durch die von DDR-Denkmalpflegern nach dem Abriss  initiierte Erhaltung nicht –serieller Bauteile wie Terrakotten und Formsteine kann Schinkels gerasteter Ziegelbau wahrscheinlich präzise wieder errichtet werden. Im Februar dieses Jahres wurde im Kronprinzenpalais ein 3-stufiges, ergebnisoffenes Dialogverfahren vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit eröffnet, in dem es um die Entwicklung eines Nutzungskonzepts geht. Dies soll dann im  Planungswettbewerb als Grundlage dienen.

Was bedeutet das aber für Schinkels Bau, einer Ikone der architektonischen Moderne? Bestimmt die Nutzungskonzeption den Bau oder sollten nicht eher die von Schinkels umgesetzten ästhetischen  Ansprüche oberstes Gebot sein? Und erst danach die Überlegungen zu  gastronomische Bedürfnisbefriedigung und Eventkultur? Das Haus sollte doch eher, wie die Kammern und Verbände der planenden Berufe in einer im März veröffentlichten Resolution forderten, der Information und Diskussion über das Planen und Bauen der Zukunft dienen.

Städtebaulich interessante, aber im Krieg zerstörte Gebäude (und nicht nur diese)  wurden in der DDR aus Ignoranz, aus ideologischen Gründen, ja aus Hass auf den bürgerlichen Staat abgerissen. Wie steht man heute nun zum historischen Erbe? So ideologisch aufgeladen wie derzeit und so kompromisslos war mir die Diskussion um die alte Berliner-Mitte (https://berlinab50.com/2015/02/20/misstraut-den-grunanlagen/), um das Schloss und seine Kuppel, aber auch über Luther und die Infragestellung seiner (kritischen) Würdigung bisher nicht in Erinnerung. Die fahrlässige und unreflektierte Verknüpfung heutiger Wissensstände/moralischer Standards mit dem Agieren damals lebender Menschen in ihrem historischen Kontext führt zu monströsen Beschuldigungen und Denunziationen, die zumindest peinlich oder lächerlich sind. Werden wir bald Zeuge folgender, derzeit noch fiktiver Diskussionen: „Hat nicht auch dieser Schinkel in der „Tradition der preußischen Staatskirche mit ihrer engen Verbindung von Kanzel und Bajonett (wie die FAZ unlängst schrieb)“ Kirchen und sogar Schlösser für Monarchen gebaut? Hat Schinkel jemals an einer Lichterkette gegen preußischen Militarismus teilgenommen oder an einer Mahnwache gegenüber vom Schloss? Na gut, 1848 war er schon tot. Halle-Neustadt ist jedenfalls nicht von Schinkel. Was hat Schinkel aber für die Berliner Arbeiter und die Verbesserung ihrer sozialen Situation getan? Regenbogen malen allein reicht da nicht zur Entlastung.“  In diesem Zeitgeist  erscheint mir der Wiederaufbau der Bauakademie fragwürdig. Unser Kultursenator wird, wie bei der Alten Münze („House of Jazz“ / wurde von ihm abgelehnt!), schwer über die Verwendung des Bundesgeldes unter Berücksichtigung sozialer und historisch zeitgeistkorrekte Erwägungen nachdenken müssen. Ob er hier auch das Geschenk des Bundes ablehnt?

Wie wäre es stattdessen mit einer öffentlichen Bedürfnisanstalt für alle 40  bei Facebook geführten Gender-Geschlechter? Das wäre weltweit einmalig und innovativ, würde glatt die Mehrheit im Bundestag (man denke an die Zustimmung zur „Wippe“, die nur wenige Berliner wirklich gut finden)  bekommen und niemand diskriminieren.

Die Ausstellung  „Wiederaufbau der Schinkelschen Bauakademie – Historische Rekonstruktion oder Neuinterpretation?“  im Roten Rathaus zeigt Semesterarbeiten des Masterstudiengangs Architektur der Beuth Hochschule für Technik Berlin. Sie haben noch bis 05.September 2017 Zeit, sich diese studentischen Arbeiten wochentags zwischen 10:00 und 18:00 Uhr (am 25.07.2017 ist geschlossen) im Rathaus anzusehen. Eingang Rathausstr 15, 10178 Berlin.

Bleiben Sie offen, meint mw

Fotos (c) mw

Ein Kommentar

  1. Ein sehr interessanter Bericht mit den Hintergrundinformationen! Danke. LG Annette

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