Berlin ab 50…

… und jünger

Die Gesichter der Kollwitz

„Brustbild mit blauem Tuch“

Auf den Spuren der Käthe Kollwitz in Berlin

Am letzten Augustsonntag diesen Jahres besuche ich das Grab von Käthe Kollwitz auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde, anlässlich ihres 150. Geburtstag. Ihr Werk hat mich schon immer beeindruckt.

Am 8. Juli 1867 wurde sie in Königsberg geboren. 1886 bis 1887 kam sie als Schülerin an die Künstlerinnenschule des Vereins Berliner Künstlerinnen (VdBK) nach Berlin. Dieser Verein ist die älteste heute noch existierende Vereinigung bildender Künstlerinnen in Deutschland, er begeht in diesem Jahr das 150. Jubiläum seiner Gründung. 1868 wurde die Zeichen- und Malschule im Seitenflügel der Potsdamer Straße 98 A gegründet. Das war notwendig, durften doch Frauen, die sogenannten „Malweiber“ noch bis in das 20. Jahrhundert hinein nicht an Kunstakademien studieren.

ehemaliges Domizil des VdBK

Über den letzten Jahreswechsel zeigte dort der Verein den ersten Teil seiner Ausstellungsreihe. Ausgestellt waren eine Reihe von Werken bekannter und weniger bekannter Künstlerinnen, die an diesem Ort bis 1945 gelernt und gelehrt hatten.  Es war für mich ein eigenartiges Gefühl, als ich diese Ausstellung besuchte und in dem großen vom Oberlicht durchfluteten ehemaligen Akt- und Zeichensaal stand. Ringsum hingen die Werke der Künstlerinnen, darunter auch von Käthe Kollwitz. Man konnte sich die Staffeleien vorstellen, die zeichnenden Künstlerinnen dahinter, das leise Rascheln von Papier und das kratzende Geräusch der Zeichenstifte. Diese Malschule hatte schnell einen sehr guten Ruf. Dazu trug später auch Käthe Kollwitz bei. Von 1898 bis 1903 hatte sie einen Lehrauftrag an der Schule. 1891 heiratete sie den Arzt Karl Kollwitz und gemeinsam zogen sie nach Berlin in den Prenzlauer Berg, in ein Eckhaus der Weißenburger Straße direkt am Wörther Platz (Straße und Platz sind seit 1947 nach ihr benannt). In den letzten

Schautafel Kollwitzstrasse 56A

Kriegstagen wurde das Haus fast vollständig zerstört. Wie so vieles in diesem Land, ging auch die Lebenswelt der Käthe Kollwitz, das Inventar, die noch eingelagerten Kunstwerke, hier verloren. An dem Neubau, heute Kollwitzstraße 56 A, verweist eine große Schautafel auf die frühere Bewohnerin und das Käthe-Kollwitz-Museum in Charlottenburg.

1892 wurde der Sohn Hans geboren. Im folgenden Jahr hatte sie mit dem graphischen Zyklus „Ein Weberaufstand“, der bis 1898 entstand, ihren künstlerischen Durchbruch. Er wurde angeregt durch den Besuch der Uraufführung von Gerhard Hauptmanns „Die Weber“. Dieser Zyklus und die folgenden Werke begründen den Ruf der Künstlerin als einzigartige Darstellerin von Leid und Mitleiden des Menschen, in ihrer Hinwendung zu den Ärmsten und Drangsaliertesten der Gesellschaft. Ohne jegliches Pathos mit minimalsten Mitteln stellt sie Ihre Themen dar. In die Zeit der Entstehung des genannten Bildzyklusses, fällt auch die Geburt ihres zweiten Sohnes, Peter, 1898.

1914 erfuhr ihr Leben eine entscheidende Zäsur. Beide Söhne meldeten sich als Kriegsfreiwillige. Während Karl Kollwitz, der Vater, strikt gegen den Krieg war, nahm Käthe Kollwitz eine ambivalente Haltung ein. Der nationalistische Taumel, den das Land erfasst hatte, ist auch an ihr nicht spurlos vorübergegangen und so stützte sie die Söhne in ihrer Entscheidung.

Barlachs „Schwebender Engel“

Als Peter mit 18 Jahren schon am zweiten Tag in Flandern fiel, war sie bis ins Mark erschüttert und wird nun auch zu der Künstlerin, die sich vehement und mit einer beeindruckenden Ausdrucksstärke gegen Krieg und jegliche Gewalt wendet.  1937 bis 1938 inspirierte sie der sinnlose Tod des Sohnes zu einer Pieta-Darstellung. Die Bronze stellt eine Mutter mit ihrem toten Sohn dar, der in ihrem Schoß liegt. Helmut Kohl sorgte 1993 dafür, dass diese Figurengruppe in einer vergrößerten Fassung im Innenraum von Schinkels Neuer Wache in Berlin Unter den Linden aufgestellt wurde. Vor der Skulptur ist der Schriftzug „Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft“ in den Boden eingelassen. Lebens- und Schaffensmotto der Kollwitz hätten sinnfälliger nicht werden können.

Als sie 1920 den soeben erschienenen Roman „Die echten Sedemunds“ ihres Freundes und Künstlerkollegen Ernst Barlach gelesen hatte, vermerkte sie: „Ein tief neidisches Empfinden, dass Barlach so viel stärker ist als ich.“ Barlach hätte wohl über ihr Werk das Gleiche gesagt. Im Empfinden für das Leid und Erleiden sind sie zutiefst verbunden. Beide verehrten einander. Barlach hatte seiner Skulptur „Schwebender Engel“ von 1927 im Güstrower Dom das Gesicht von Käthe Kollwitz gegeben. Sie stand selbstbewusst, obwohl inzwischen genauso als entartet verfemt und mit dem nationalsozialistischen Bann belegt, wie er, bei seiner Beerdigung 1938 an seinem Grab.

Am 22. April 1945 starb sie in Moritzburg bei Dresden. Sie wurde im Familiengrab in Berlin-Friedrichsfelde beigesetzt, neben ihrem Bruder Konrad Schmidt und dessen Frau, dem Mann ihrer jüngeren Schwester Georg Stern und ihrem Mann, der bereits 1940 verstorben war. Das Bronzerelief für das Grab hatte sie 1936 geschaffen, angeregt von dem Goethewort aus dem „Westöstlichen Divan“ „Ruhet im Frieden seiner Hände“. Das Grab befindet sich am Ende der Künstlergräber links des Hauptweges.

Bevor ich an diesem Augusttag den Friedhof verlasse, besuche ich noch das Grab von Karl Liebknecht. Erschüttert von dessen Ermordung widmete Käthe Kollwitz ihm eine Gedenkgraphik. Diese ist ein schönes Beispiel für die intensive, aber auch konsequente Arbeitsweise der Künstlerin. Die Ausführungen als Radierung und Lithographie verwirft sie im Schaffensprozess. Erst der Holzschnitt erreicht eine Wirkung, die ihn über ein reines Gedenkblatt zur Darstellung tiefster Trauer und intensivster Mahnung erhebt.

Vor einigen Jahren konnte ich die Lithographie „Brustbild mit blauem Tuch“ erwerben, unsigniert zwar, aber als eines meiner Lieblingsbilder hängt sie hinter meinem Schreibtisch. Das abgebildete Plakat, ein Reprint des Originalplakates von Käthe Kollwitz, schenkte mir Walter Graetz, der langjährige Leiter der Druckerei Graetz in der Auguststraße 26. Sein Vater Rudolph Graetz hatte 1898 die „Lithographie, Buch- und Steindruckerei“ eingerichtet. Käthe Kollwitz ließ hier viele ihrer Plakate drucken.

Nachdem ich jetzt die Ausstellung in der Galerie Parterre besucht habe, gehe ich danach die wenigen Meter in das nahegelegene Kollwitzviertel. Unmittelbar nach dem Krieg wurden die Straße, in der sie so lange gelebt hat, und der Platz, an dem ihr Wohnhaus stand, nach ihr benannt. 1961 wurde das von ihrem Freund, dem Bildhauer Gustav Seitz, geschaffene Denkmal (1958) auf dem Platz aufgestellt. Sie sitzt still da, auf ihrem Sockel, in die Ferne schauend, die aufgestellte Zeichenmappe mit der linken Hand haltend, drumherum das Grün der Bäume, davor die spielenden Kinder auf dem Spielplatz. Und während ich dort stehe klettert hin und wieder eines der Kinder zu ihr hoch, oder wird von der Mutter der Kollwitz hinaufgereicht.

Besonders kann ich Ihnen zwei Ausstellungen empfehlen:

„Käthe Kollwitz und Berlin“, noch bis zum 24.09.2017 in der Galerie Parterre, 10405 Berlin, Danziger Str. 101, www.berlin.de/ba-pankow/kunstundkultur. In dieser Ausstellung sind v. a. Werke aus dem Käthe-Kollwitz-Museum Köln zu sehen, der umfangreiche Katalog erweitert mit seinen informativen, zum Teil sehr persönlich gehaltenen Beiträgen die Sicht auf Käthe Kollwitz

und

Käthe Kollwitz und ihre Freunde“, noch bis zum 15.10.2017, Käthe-Kollwitz-Museum, 10719 Berlin, Fasanenstr. 24, www.kaethe-kollwitz.de; eine sehenswerte Ausstellung, zum Teil mit erstmalig ausgestellten Werken aus den Sammlungen von Freunden.

Die Neue Wache, Unter den Linden, ist leider z.Zt. wegen Bauarbeiten nicht zugänglich.

Machen Sie sich doch auch (wieder) einmal auf den Weg zu einer der bedeutendsten Künstlerinnen Berlins.

VB

Fotos (c) VB

Ein Kommentar

  1. I.A.

    Danke für den anregenden Artikel, jetzt werde ich mich nun endlich „auf die Socken machen“!

    I.A.

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